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Angst an den Märkten : Russlands Spiel mit dem Ölpreis

Eine Tankstelle in Moskau (Archivbild von 2006) Bild: AFP

Moskau ließ die Verhandlungen mit der Ölstaaten-Organisation Opec scheitern. Der Ölpreis vermindert sich dramatisch – an den Börsen fallen die Aktienkurse stark.

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          Man könnte meinen, ein erdölexportierendes Land wie Russland müsste an einem hohen Ölpreis interessiert sein. Zum Schluss der vergangenen Woche aber hat sich gezeigt, dass dies nicht immer stimmen muss: Da ließ der russische Energieminister Alexander Nowak den durch die Corona-Krise ohnehin geschwächten Ölpreis mit voller Absicht um weitere neun Prozent abstürzen, indem er die Verhandlungen mit der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) in Wien zum Scheitern brachte – über das Wochenende verminderte sich der Preis für ein Fass (159 Liter) der europäischen Ölsorte Brent dann um mehr als 30 Prozent auf nur noch etwas mehr als 30 Dollar.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Zu Beginn der neuen Handelswoche starteten die wichtigsten asiatischen Börsen auch deswegen stark im Minus: In Japan und Australien sanken die maßgeblichen Aktienmarktbarometer zwischen 6 und 7 Prozent.

          Die Opec hatte versucht, bei ihren zehn Kooperationspartnern unter Führung von Russland, der Opec-Plus-Gruppe, zusätzliche Produktionskürzungen bis Ende des Jahres durchzusetzen. Doch Russland, in dem es bisher offiziell nur wenige Corona-Fälle gibt, sieht die Epidemie als vorübergehendes Phänomen an und war lediglich bereit, schon bestehende Kürzungen auf das zweite Quartal auszudehnen.

          Nun gelten vom 1. April an gar keine Förderbeschränkungen mehr, und Analysten sehen einen Krieg um das billigste Öl heraufziehen: Nach Informationen von Bloomberg hat Saudi-Arabien die Preise für Kunden in Europa, Asien und Amerika schon stark gesenkt und will seine Ölförderung im April deutlich ausweiten – möglicherweise, um neue Verhandlungen mit Russland zu erzwingen.

          Russland ist nicht darauf angewiesen

          Mit dem vorläufigen Ende von Opec-Plus haben sich mächtige Gegner der Vereinbarung auf russischer Seite durchgesetzt, allen voran Igor Setschin, der Chef des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Rosneft und einer der engsten Vertrauten von Präsident Wladimir Putin. Er hatte die vor drei Jahren begonnene Zusammenarbeit schon lange offen kritisiert. Ihretwegen, so lautet sein Argument, seien die Vereinigten Staaten in dieser Zeit dank der Fracking-Technologie zum weltgrößten Ölförderer aufgestiegen. Man überlasse anderen Ländern den Markt, während man selbst Investitionen zurückhalte.

          Hinzu kommt, dass Russland zwar an einem hohen Ölpreis viel verdient, aber nicht unbedingt darauf angewiesen ist. Russlands Staatshaushalt ist schon bei einem Ölpreis von etwa 42 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) ausgeglichen, während Saudi-Arabien fast das Doppelte benötigt.

          Nach der 2014 durch Ölpreisverfall und westliche Sanktionen im Ukraine-Konflikt ausgelösten Wirtschaftskrise hatte Russland 2018 eine Budgetregel eingeführt, wonach nur die Einnahmen aus dem Ölexport bis zu einer Grenze von 42 Dollar je Barrel für den Haushalt genutzt werden dürfen. Alle weiteren Einkünfte werden in einem Wohlfahrtsfonds angelegt.

          Teilnehmern der russischen Delegation in Wien zufolge ist Moskaus Abkehr von dem Öl-Kartell auch als Kampfansage an die Vereinigten Staaten zu verstehen, die für die Fracking-Ölförderung ebenfalls auf einen höheren Ölpreis angewiesen sind. In den vergangenen Monaten hatten neue Sanktionen aus Washington in Moskau für Unmut gesorgt, insbesondere jene gegen die Ostsee-Gas-Pipeline Nord Stream 2, deren Bau seit Dezember gestoppt ist. Aber auch die im Februar verhängten Strafmaßnahmen gegen eine Tochtergesellschaft von Rosneft, die Geschäfte mit Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro gemacht haben soll, dürften Setschin verärgert haben.

          Dennoch kam die Entscheidung des Kreml, aus dem Bündnis auszuscheren, auch für russische Fachleute überraschend. Leonid Fedun, Mitinhaber des zweitgrößten russischen Ölkonzerns Lukoil, nannte die Entscheidung gegen eine Zusammenarbeit mit der Opec „sehr unerwartet, und, gelinde gesagt, irrational“. Russland werde deshalb – bei einem Export von fünf Millionen Fass am Tag und einem Ölpreisabfall von 60 Dollar auf 40 Dollar pro Fass – täglich zwischen 100 Millionen und 150 Millionen Dollar verlieren.

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