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Probleme in der Landwirtschaft : Warum Putins Gegensanktionen die Russen selbst treffen

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In seinem diesjährigen Urlaub kurbelte der russische Präsident Wladimir Putin die Nahrungsmittelversorgung selbst mit an. Bild: Reuters

Seit drei Jahren regiert in Russlands Landwirtschaft der Protektionismus. Der Aufbau heimischer Produktion läuft schleppend – die Qualität ist oft mies, die Preise hingegen beachtlich. Nun regt sich Unmut in der Bevölkerung.

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          Über Nacht wurden Russlands Landwirte, Händler und Konsumenten vor drei Jahren in eine neue Realität gestürzt. Im August 2014 reagierte Präsident Wladimir Putin auf die Sanktionen, die kurz zuvor wegen Moskaus Aggression im Ukraine-Konflikt verhängt worden waren: Putin erließ einen Einfuhrstopp für viele Lebensmittel und Agrargüter aus westlichen Ländern (siehe Kasten unten). Das schmerzte unter anderem Bauern in der EU, zeitigte aber in Russland ungleich größere Folgen. Weil der eigene Agrarsektor unterentwickelt war und schlechte Qualität ablieferte, hatten sich die Konsumenten an Importware gewöhnt.

          Anfangs kletterten die Lebensmittelpreise markant, der Effekt ist bis heute spürbar. Gemüse ist im Durchschnitt von Ende 2013 bis Juni 2017 um 46 Prozent teurer geworden, Milch, Milchprodukte und Käse laut dem Statistikamt um 39 Prozent, Wurst um 34 Prozent, Fisch und Meeresfrüchte um 50 Prozent, Obst sogar um 61 Prozent. Die Stichprobe einer Boulevardzeitung ergab, dass in den Zentren, wo wenige große Lebensmittelketten den Ton angeben, manche Preise sogar noch mehr avancierten. Die real verfügbaren Einkommen sind hingegen seit 2014 um mehr als ein Zehntel zurückgegangen.

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          Hinter dem Preisanstieg steckt allerdings nicht nur das Embargo. Im Jahr 2014 brach der Erdölpreis ein, Russland rutschte in die Rezession. Der Rubel verlor drastisch an Wert, was jene Lebensmittel verteuerte, die noch importiert werden durften. Der Währungsverfall erschwerte zudem Landwirten die Investitionen, weil ausländische Maschinen fast unbezahlbar wurden – in dem Moment, als nach Willen des Kremls ein Modernisierungsschub erfolgen sollte. Die russische Landwirtschaftstechnik war auf die Nachfrage nicht ausgelegt.

          Händler verloren in jenem August auf einen Schlag viele ihrer Lieferbeziehungen ins Ausland. Sie mussten sich nach Ersatz umsehen, die neuen und oft längeren Transportwege trugen ebenfalls zum Preisanstieg bei. Manche Verschiebungen muten kurios an: Am meisten Fisch importiert Russland nun von den Färöer-Inseln statt aus Norwegen. Viertgrößter Lieferant ist Weißrussland – ein Staat ohne Meerzugang, was auf beständigen Schmuggel in der Eurasischen Wirtschafts- und Zollunion hindeutet. Die Wirtschaftsleistung des russischen Agrarsektors wuchs in den vergangenen beiden Jahren um je mehr als 3 Prozent – ein Boom war das nicht.

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          Insgesamt ist der Anteil importierter Lebensmittel in russischen Regalen laut dem Statistikamt nur von 43 Prozent Anfang 2014 auf 36 Prozent zu Jahresanfang 2017 gesunken. Die Erfolge sind punktuell: Der Anteil der Einfuhren am Schweinefleischkonsum hat sich laut dem Landwirtschaftsministerium von 26 Prozent im Jahr 2013 auf 8 Prozent 2016 verringert; bei Geflügel sank er von 12 Prozent auf 5 Prozent. Die Menge an importiertem Gemüse verringerte sich von 866.000 auf 463.000 Tonnen. Das liegt auch an einem Einfuhrstopp für türkische Tomaten, den Moskau Ende 2015 verhängt hatte. Deswegen hat China die Türkei als größten Gemüselieferanten Russlands abgelöst.

          Die durch die Wirtschaftskrise gedrückten Einkommen, der Rubelverfall und hohe Kreditzinsen führten dazu, dass russische Agrarbetriebe trotz des Handelsprotektionismus oft nur expandierten, wenn der Kreml ihnen nochmals unter die Arme griff. 2014 unterstützte die Regierung die Landwirtschaft mit 190 Milliarden Rubel, seither ist der Betrag bis auf 242 Milliarden Rubel (3,5 Milliarden Euro) für dieses Jahr gestiegen. Es geht um Zinsvergünstigungen für Kredite und direkte Zuschüsse, etwa von einem Fünftel der Kosten für den Bau von Gewächshäusern. Einen Investitionsboom gibt es wegen der politischen Unsicherheit aber nicht: Investitionen brauchen in der Landwirtschaft oft Jahre, bis sie fruchten, aber das Embargo muss stets erneuert werden.

          Viele sind unzufrieden mit der Qualität

          Immerhin könne Russland inzwischen 80 Prozent der benötigten Gurken und die Hälfte der Tomaten selbst erzeugen, schwärmt der Verband der Gemüseerzeuger. Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschjow wünscht sich, dass das Lebensmittelembargo noch zehn Jahre bestehen bleibt. Das ist nicht überraschend, seine Familie kontrolliert eine der wichtigsten Agrar-Holdings. Das Unternehmen ist vergangenes Jahr laut der Moskauer Unternehmensberatung BEFL zum viertgrößten Landbesitzer Russlands aufgestiegen.

          Auch andere große Agrarbetriebe mit guten politischen Verbindungen haben überproportional profitiert. Neben den Betrieben mit Gewächshäusern lohnt sich das Geschäft vor allem für Milcherzeuger und Käseproduzenten. Auf Platz 19 der BEFL-Liste liegt Ekoniva, ein Unternehmen des deutschen Milchbauern Stefan Dürr. Er ist seit Ende der Achtziger Jahre in Russland aktiv, zog in deutschen Medien aber vor allem im August 2014 die Aufmerksamkeit auf sich: Dürr hatte eine Audienz bei Putin erhalten und dem Präsidenten zu den Gegensanktionen geraten. Heute gehören Ekoniva 33.000 Milchkühe, das Unternehmen bezeichnet sich als größten Milchproduzenten des Landes und rechnet damit, den vorjährigen Umsatz von knapp 150 Millionen Euro in diesem Jahr um rund die Hälfte zu steigern. Für Milch im höchsten Qualitätssegment, wie sie Ekoniva herstellt, herrscht besondere Nachfrage.

          Russlands Käseimporte sind von 2014 bis 2016 um ein Drittel auf 158.000 Tonnen gefallen, die eigene Produktion laut dem Branchenverband um ein Fünftel auf 463.000 Tonnen gestiegen. Die Umstellung auf heimische Produkte war jedoch oft mit schlechterer Qualität verbunden, besonders beim Käse ist das Problem noch groß. Bei einer Umfrage des Instituts Romir stellte sich heraus, dass 2016 fast ein Drittel der Befragten mit russischem Käse unzufrieden war, fast 20 Prozent mit Wurst, Fisch und Gemüse. Immerhin haben außer beim Käse in allen Lebensmittelkategorien mindestens 60 Prozent der Befragten keine Qualitätsveränderung zu 2015 mehr festgestellt. Allerdings ist auch der Anteil jener, die 2016 eine Verbesserung geschmeckt haben, in allen Sparten gesunken. Die neue Realität mag für die Russen nicht immer schmackhaft sein, aber sie haben sich dran gewöhnt.

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