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Rußland : Silicon Valley an der Newa

Neue Zeit in St. Petersburg Bild: EPA

Die Nähe zu Europa und die Qualifikation billiger russischer Programmierer - diese Vorteile lassen die Informationstechnik in St. Petersburg boomen. Ausländische Investoren zeigen Interesse.

          „In zwanzig Jahren werden die Großen der IT-Branche alle in St. Petersburg sein", sagt David Müller-Meerkatz. Dann werde die Stadt an der Newa zum Silicon Valley Europas, ist der junge deutsche Unternehmer überzeugt. Denn die Nähe zu Europa und die hohe Qualifikation russischer Programmierer, die bedeutend billiger seien als ihre deutschen, englischen oder amerikanischen Kollegen, seien die großen Vorteile des bisher wenig bekannten Standorts für Informationstechnologie.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der Anteil der IT-Branche am Wirtschaftsaufkommen der Russischen Föderation lag im vergangenen Jahr freilich noch unter 1,2 Prozent. Von einem großen Aufbruch in Rußland kann daher kaum die Rede sein. Doch Müller-Meerkatz ist sich sicher, daß zwar nicht Rußland, aber St. Petersburg die Zukunft in der IT-Branche gehört. Als einstiges Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie bilde Petersburg an mehr als 20 der insgesamt 32 Hochschulen der Stadt Leute aus, die in der IT-Branche gebraucht würden. Die Russen seien einfach stark in Mathematik, die schon im Kindergarten gefördert werde. "Es ist doch kein Zufall, daß St. Petersburg Jahr um Jahr internationale Programmierer-Wettbewerbe gewinnt." Mit der Nähe zu Europa - Finnland ist gerade eine Autostunde, die meisten europäischen Hauptstädte sind gut zwei Flugstunden entfernt - und einer europäisch geprägten Bevölkerung, die zu 80 Prozent einen Hochschulabschluß besitzt, habe die Stadt an der Newa die besten Chancen, das Mekka der IT-Branche in Europa zu werden.

          Peanuts und die Maus, Käpt'n Blaubär und Tabaluga

          Müller-Meerkatz, der seit zehn Jahren in Rußland arbeitet, weiß, wovon er spricht. 150 Petersburger arbeiten für seine Firma "the web production" in zwei riesigen Großraumbüros einer Fabriketage in einem unscheinbaren Hinterhof auf der Wassiljew-Insel. Sie sind "zu neunzig Prozent" zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, berichtet der Unternehmer. Und das Programmieren hätten sie vor dem Eintritt in seine Firma auf der Raubsoftware gelernt, die man auf jedem Markt und in jedem Kaufhaus für zwei bis drei Euro kaufen kann.

          In Petersburg arbeiten sie für den deutschen Markt. Programmierer, Zeichner, Animateure und Designer produzieren alles, was deutsche Kinderherzen im Fernsehen und auf dem Computer erfreut. Zeichentrickfilme für die deutschen TV-Sender, die Peanuts und die Maus auf CD-ROM, Käpt'n Blaubär und Tabaluga als Handy-Spiel, die Kinderkrimis von TKKG oder die Abenteuer von Wickie - alle kommen sie aus St. Petersburg, hergestellt von jungen Russen. Allein für das Programm des deutschen Computerspiele-Herstellers Tivola arbeiten 45 Leute, auch die "E-education" des deutschen Klett-Verlags, etwa Mathematik 1 bis 4, wird im Hinterhof auf der Wassiljew-Insel gemacht. Daneben baut man firmengerechte Software für Bertelsmann, Siemens, TMG oder Fünf-Sterne-Hotels, hat im vergangenen Jahr für ein Programm den europäischen Multimedia-Preis bekommen.

          Nachwuchssorgen gibt es nicht

          Nachwuchssorgen hat Müller-Meerkatz nicht. Zwar haben im vergangenen Jahr drei seiner besten Programmierer sein Unternehmen verlassen, um ihre eigene Firma zu gründen. Doch darauf sei er "eher stolz". Mit einem Verdienst zwischen 400 und 3000 Dollar sei "the web production" als Arbeitsplatz begehrt für junge Leute, die in der Verwaltung oder an der Uni nur einen Bruchteil verdienen könnten. 700 potentielle Mitarbeiter führe seine Firma auf der Warteliste. Die Zahl der Aufträge und der Mitarbeiter steige von Jahr zu Jahr. Das reiche Moskau sei hingegen für ihn uninteressant. "Dort gibt es einfach zu viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Für einen guten Mann in Moskau bekomme ich zwei gute in Petersburg." Einem Spitzenprogrammierer, der bei ihm 3000 Dollar verdiene, müsse man hingegen in Deutschland bis zum fünffachen Lohn zahlen.

          Branchenkrise auch an der Newa zu spüren

          Die Vorteile des Standorts haben inzwischen auch große Firmen wie SAP oder Siemens erkannt. Doch die Krise der Branche geht auch an ihren Niederlassungen in St. Petersburg nicht vorbei. Zwar habe man nicht, wie andere aus der Branche, zumachen müssen, sagt Wladimir Fillipow vom Siemens Software Center, in dem 19 Mitarbeiter Programmanwendungen für Telefonsysteme und mobile Datenübertragung entwickeln. Doch da die Aufträge aus Deutschland stagnierten, habe man die Geschäfte nicht wie geplant ausdehnen können. Auch in der Vertretung der Delegation der deutschen Wirtschaft in St. Petersburg sieht man den IT- und Telekommunikationssektor in Petersburg zwar als große Chance für ausländische Investoren, gibt aber zu, daß große Investitionen noch kaum geflossen seien. Nicht zuletzt bürokratische Hürden stünden dagegen.

          Die Klagen seiner ausländischen Kollegen über die russischen Steuerbehörden oder den Zoll tut Müller-Meerkatz hingegen ab. Als alle noch über das Bodengesetz debattiert hätten, habe er schon Grund und Boden besessen, und auch sein Firmengebäude sei längst im Grundbuch eingetragen gewesen. Man müsse sich einfach mit den juristischen Fragen genau auseinandersetzen, kaufen statt mieten, sich die beste Finanzbuchhalterin holen und für den Zoll alles hundertfünfzigprozentig machen. Vor allem dürfe man nicht darauf warten, daß einem ausländischen Investor in Rußland etwas geschenkt werde, daß einem Unternehmer, der die Sprache und das Land nicht kenne, alle Türen offenstünden. Wer woanders scheitere, könne nicht damit rechnen, in Rußland das große Geschäft zu machen. Doch wer in Rußland Erfolg habe, werde dies auch in Europa haben, ist der Unternehmer überzeugt. Nun sei die IT-Branche in Europa mit ihrer Krise beschäftigt. "Ich kann nur hoffen", sagt David Müller-Meerkatz, "daß nach der Krise einige so schlau sind, hierherzukommen."

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