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Krise in Russland : Was Putin fürchten muss

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Gewöhnlich hat der Kreml alles unter Kontrolle - die russische Wirtschaftsleistung allerdings nicht. Bild: AP

Die Verschlechterung der Lebensverhältnisse könnte für Präsident Putin gefährlich werden. Noch ist der Widerstand gegen ihn gering, doch das könnte sich schnell ändern. Ein Kommentar.

          Ein Jahr Krise kann abhärten. Im Dezember 2014 liefen die Russen zu Bankfilialen, um ihre Ersparnisse abzuheben. Manche brachten die Rubel in Wechselstuben, um sie gegen Dollar und Euro zu tauschen. Andere trugen ihr Geld in Geschäfte, kauften Kühlschränke, Fernseher oder Autos – Dinge, die dauerhafteren Wert versprachen als die russische Währung, deren Kurs atemberaubende Kapriolen schlug. Und jetzt? Heute ist der Rubel noch schwächer, aber von Hektik oder gar Panik keine Spur. Vielleicht ist es die Gewohnheit: Der Rubel bröckelt seit November mit dem Erdölpreis. Steter Tropfen höhlt nicht nur Steine, auch Köpfe.

          Der Abstieg beschränkt sich nicht auf die Währung. Zum ersten Mal seit der Finanzkrise ist die russische Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr geschrumpft, um geschätzt 3,7 Prozent. Von der Industrieproduktion bis zu den Investitionen ist alles rot. Zweistellig sind die Teuerung, aber auch die Einbußen im Einzelhandel und der Reallöhne. Zwar leiden mit dem niedrigen Erdölpreis auch die Einnahmen des Staates, aber das ist nicht das vorrangige Problem. Russland droht keine Insolvenz. Es ist die mögliche Insolvenz der Russen, die Präsident Wladimir Putin Sorge machen muss. Unter ihm, seit mehr als einer Dekade, ging es vielen Russen stetig besser, weil der steigende Erdölpreis dem Staat Geld in die Kassen spülte, das dieser auf höhere Löhne und Pensionen verteilte – der erste echte Konsumboom der jungen Russischen Föderation.

          Aufschwung ist gefährdet

          Dieser Aufschwung ist nun gefährdet. Mangels hinreichender Liberalisierungen und Reformen sowie Bekämpfung von Bürokratie und Korruption hat die Wirtschaft keine zusätzlichen verlässlichen Standbeine entwickelt. Schon seit vier Jahren flaut das Wachstum ab, weil der Ölpreis nicht mehr zulegte. Aus der Verschlechterung der Lebensverhältnisse erwächst eine Gefahr, die schwer einzuschätzen ist. Sie entzieht sich den Kontrollversuchen des Kremls, der ansonsten von der organisierten politischen Opposition bis zur Medienlandschaft alles seinem Willen untergeordnet hat.

          Worum geht es? Leben in Russland war schon immer hart. Abseits der Glitzerstädte Moskau und St. Petersburg ist der Lebensstandard oft schreiend niedrig. Länger als ein Jahr plant kaum jemand im Voraus, ein Schicksalsschlag kann alles zunichtemachen. Die Schattenwirtschaft auf dem Land ist groß. Wer kann, sichert sich durch Selbstversorgung ab. Die Grenze vom erträglichen Leben zum Leben als Last war in den neunziger Jahren sehr nah. Unter Putin rückte sie in die Ferne, aber nie verschwand sie hinter dem Horizont. Jetzt kommt sie wieder näher.

          Lethargie und weltfremde Duldsamkeit

          Ein paarmal wurde sie sogar schon überschritten. Einige Russen erwachten aus der Lethargie und weltfremden Duldsamkeit, die ihnen von westlichen Beobachtern so oft attestiert wird. Sie stemmten sich gegen die politische Repression, die Proteste seit 2012 so selten gemacht hat: Vor einem Jahr protestierten landesweit Bürger wegen liegengebliebener Nahverkehrszüge. Putin erklärte das Thema schnell zur Chefsache. Seit Herbst demonstrieren Lastwagenfahrer gegen eine Straßenmaut, die ihnen die Existenzgrundlage rauben könnte. Weil das nur eine kleine Gruppe betrifft, sprang der Funke bislang nicht über.

          Leere Einkaufspassagen: Die Russen gelten als duldsam, doch die Finanzkrise droht nun die Grenze zum erträglichen Leben zu überschreiten.

          Allerdings stinkt der russische Fisch in Volkes Nase nicht immer vom Kopf. Der Ausfall der für den Alltag unerlässlichen Züge ging auf die marode Finanzlage der Kommunen zurück; die Maut entspringt der Suche nach Einkünften zur dringend notwendigen Modernisierung der Straßen. Vor diesem Hintergrund gilt Putin nicht automatisch als oberster Schuldiger, sondern häufig als oberster Ritter, der den Bürger gegen einen feindselig gesinnten Staats- und Beamtenapparat verteidigen kann. Der Russe mag der öffentlichen Autorität oftmals zu ergeben sein, aber deshalb liebt er den Staat noch lange nicht. Der Präsident steht auf paradoxe Weise außerhalb dieses Staates – wenn er geschickt ist.

          Die Menschen spüren das Gewitter

          Putin ist sehr geschickt. Aus der Perspektive manches Russen ist die Evolution von Russlands Führung seit 1970 relativ einfach: Leonid Breschnew hat gestottert und konnte am Ende kaum klar denken. Michail Gorbatschow hat das sowjetische Reich auf dem Gewissen. Boris Jelzin war ein Trinker, unter ihm sind große Teile der Bevölkerung verarmt. Und Putin? Der treibt Sport, säuft nicht, arbeitet viel, unter ihm erlebte das Volk einen Aufschwung nach Jahren der Wirren. Wer sollte ihn ersetzen? Putins Zustimmungsrate ist nach wie vor hoch, derzeit liegt sie über 80 Prozent.

          Trotz Finanzkrise ist Putins Zustimmungsrate nach wie vor hoch, derzeit liegt sie über 80 Prozent.

          Gleichzeitig sind aber wieder mehr Russen skeptisch. Nur 45 Prozent waren nach einer Umfrage des renommierten Lewada-Instituts im Januar der Meinung, Russland sei auf dem richtigen Weg. Damit ist der Absturz fast so groß, wie es im Frühjahr 2014 die Zunahme auf 60 Prozent und mehr war, als Moskau die Krim annektierte und den Krieg in der Ostukraine forcierte. Die Menschen spüren das Gewitter. Die Frage lautet, ob nach einem besonderen Blitzeinschlag eine kritische Masse von ihnen den Präsidenten endlich persönlich verantwortlich machen wird. Aber nach welchem Blitz? Noch stärker steigenden Brotpreisen? Einem Bankkollaps? Blitze lassen sich nicht voraussehen.

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