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Russland : Gasprom entfremdet sich vom Staat

  • -Aktualisiert am

Im Ausland wird der Gasprom-Konzern als verlängerter Arm des Kremls wahrgenommen. Es ist jedoch nicht immer ersichtlich, wer hier wem dient. Die Interessen von Gasprom und die des russischen Staates sind nicht immer deckungsgleich.

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          Hätte es noch eines Beleges für die Vermischung von Politik und Wirtschaft beim russischen Erdgaskonzern Gasprom bedurft, der jüngst beschlossene Erwerb der Mehrheit des staatlichen serbischen Erdölkonzerns NIS wäre ein sicheres Zeichen dafür. Beobachter werten den Verkauf vor allem als Dank an Russland für die Unterstützung im Kosovo-Fall. Zudem war der russische Präsident Wladimir Putin in der vergangenen Zeit emsig damit beschäftigt, Pipelineprojekte mit ausländischen Regierungen unter Dach und Fach zu bekommen. Auch mit einem neuen russischen Präsidenten, der am 2. März gewählt werden wird, ändert sich an der Verquickung zwischen Politik und Gasprom nichts: Der von Putin unterstützte Präsidentschaftskandidat Dmitri Medwedew ist neben seinem Amt als Erster stellvertretender Ministerpräsident auch Aufsichtsratsvorsitzender von Gasprom.

          Im Ausland wird deshalb der Gasprom-Konzern, der aus dem einstigen sowjetischen Erdgasministerium hervorgegangen ist, als verlängerter Arm des Kremls wahrgenommen, mit dessen Hilfe unliebsame Nachbarn zur Räson gebracht, westeuropäische Regierungen und Konzerne gegeneinander ausgespielt, kurz: russische Interessen durchgesetzt werden. Es ist jedoch nicht immer ersichtlich, ob Gasprom Russland oder Russland Gasprom dient.

          Inwiefern Russland als "Staat" von Geschäften wie in Serbien profitiert, ist unklar; denn die Interessen von Gasprom und die des russischen Staates sind nicht immer deckungsgleich. Um gewisse Länder gefügig zu machen, gewährt Russland diesen einen günstigen Erdgaspreis, was aber nicht im Sinne von Gasprom ist. Die Preissteigerungen für Staaten wie die Ukraine und Weißrussland sind allerdings Ausdruck einer Änderung dieser Politik. Es scheint, als ob Gasprom betriebswirtschaftliche Tugenden einführen möchte.

          Der Gasprom-Vorstandsvorsitzende und Putin-Freund Alexei Miller hat sich vorgenommen, den Erdgaskonzern in ein international tätiges Energieunternehmen umzuwandeln, das an der Marktkapitalisierung gemessen zu den größten seiner Zunft zählen soll. Ziel ist es, die gesamte Wertschöpfungskette vom Bohrloch bis zum Endabnehmer abzudecken. Diesem Ziel kommen die Russen in Europa immer näher, indem sie vor allem den Tausch von Vermögenswerten vorantreiben. Ob das wohl eigentliche Geschäftsmodell von Gasprom, die Monopolisierung, Erfolg hat, hängt dabei davon ab, inwiefern die europäischen Märkte erfolgreich liberalisiert werden.

          Der russische Staat, der erst wieder seit dem Jahr 2005 auch die De-jure-Aktienmehrheit an Gasprom hält, unterstützt den Erdgasriesen, wo er kann. Das Erfolgsrezept von Gasprom besteht darin, dass der Konzern das russische Erdgas-Pipelinenetz kontrolliert sowie das Exportmonopol beansprucht. Dieses wurde 2006 gesetzlich festgeschrieben. Zudem kommt die Staatsmaschinerie hinzu, die dem Konzern Zugang zu Energieprojekten sichert, die von internationalen Gesellschaften betrieben worden waren.

          Medwedew hat schon kundgetan, dass der Staat nicht am Koloss Gasprom rütteln will. Die Regierung habe keine Pläne, den Konzern aufzuspalten. Der Präsidentschaftskandidat formulierte aber auch, was sich Russland in einer Art impliziten Vertrag im Gegenzug erwartet: Gasprom soll das Land im Winter warm halten und billig Erdgas liefern. In letzter Zeit verlangte der Kreml noch mehr; beispielsweise den Aufkauf missliebiger Medien. Die immense Subventionierung der russischen Wirtschaft durch Gasprom zeigt sich daran, dass der Konzern aus seinen Verkäufen nach Westeuropa, die nur ein Drittel der Gesamtverkäufe ausmachen, bisher zwei Drittel der Erlöse erwirtschaftet. Mit den 66 Prozent der Erdgasverkäufe, die ins Inland gehen, erzielt der Konzern nur ein Fünftel des Gesamterlöses.

          Diese Balance wurde nun aber erheblich gestört: Seit Jahresbeginn dürfen die russischen Großhandelspreise für Erdgas um 25 Prozent steigen. Die Erhöhung wird als Signal gewertet, dass die geplante Annäherung der russischen Inlandspreise an die der europäischen Abnehmer bis zum Jahr 2011 tatsächlich stattfinden wird. Dadurch ist die "soziale" Komponente des impliziten Vertrags gebrochen worden. Solange Gasprom das Angebot in Russland weitgehend monopolistisch kontrolliert, werden die Preise so hoch wie nur möglich sein.

          Notwendig wäre daher mindestens der uneingeschränkte Zugang unabhängiger Produzenten zum Pipelinenetz, damit es einen Preisdruck gibt. Doch der Idee, Produktion und Transport bei Gasprom zu trennen, wurde von Medwedew eine Abfuhr erteilt. Durch diese Entwicklung im Erdgasbereich steigen nun sehr wahrscheinlich die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung, ohne dass sie ein größeres Stück der Einnahmen erhält. Das kann zu sozialem Druck führen und Gasprom vom "Staat" entfremden. Manche Russen versuchen diese Entwicklung auf eine individuelle Art abzufedern: Nach einer Umfrage liegt der staatliche Energieriese mit Abstand an der Spitze der Unternehmen, bei denen die Russen am liebsten arbeiten würden.

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