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Ukrainekrieg : Russland fackelt offenbar Nord-Stream-Gas ab

Gas verbrennt in einer Raffinerie in Gelsenkirchen (Symbolbild) Bild: AP

Moskau hat die Gaslieferungen nach Europa inzwischen deutlich verringert. Die russischen Speicher sind augenscheinlich voll – und der Kreml greift zu einer drastischen Maßnahme.

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          Auf dem Foto ist eine riesige Flamme zu sehen, die hoch über dem Wald aufragt: Mit diesem Bild illustrierte die finnische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Yle diese Woche einen Bericht, wonach Russland begonnen habe, größere Mengen an Gas zu verbrennen, das nicht mehr nach Europa geliefert wird.

          Katharina Wagner
          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Die Flamme sei am 17. Juni bei der Verdichterstation Portowaja nahe der finnischen Grenze aufgetreten, kurz nachdem der vom Kreml kontrollierte Gaskonzern Gazprom die Lieferungen nach Deutschland durch die Pipeline Nord Stream 1 erstmals deutlich reduziert hatte – auf zunächst 60, dann 40 Prozent der Kapazität. Mittlerweile lässt Gazprom nur noch 20 Prozent der möglichen Gasmenge durch die Leitung strömen, die ihren Ausgangspunkt im nahe Portowaja gelegenen Wiborg hat.

          Yle beruft sich in dem Bericht einerseits auf Augenzeugen wie den Autoren des Fotos, einen Mann aus Hamina am finnischen Meerbusen, der angab, die Flamme sei von der finnischen Küste nahe der russischen Grenze aus abends gut zu sehen. Zum anderen stützt sich der Sender auf Daten der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa. Deren globaler Feuerbeobachtungs-Dienst „Fire Information for Resource Management Systems“ zeigt demnach von Mitte Juni an, also ab dem Zeitpunkt der Drosselung der Nord Stream 1-Lieferungen, durchgehend Feuer nahe der Portowaja-Station an. Gazprom ließ eine Anfrage der F.A.Z. bisher unbeantwortet; es gibt keine offiziellen Informationen darüber, was Gazprom mit dem überschüssigen Gas anfängt.

          Einzelne Bohrlöcher geschlossen?

          Doch die russischen Speicher dürften inzwischen längst bis zum Anschlag gefüllt sein. Und ohne die europäischen Kunden, an die vor dem Krieg gegen die Ukraine rund 83 Prozent der russischen Erdgasexporte gingen, hat Russland kaum Absatzmöglichkeiten: Anders als beim Öl, das per Tanker verschifft werden kann, ist Russland für den Transport von Erdgas auf Pipelines angewiesen.

          Da bisher nur eine einzige Leitung nach China existiert, die noch nicht voll belastbar ist, kann Russland das überschüssige Gas nicht an asiatische Kunden verkaufen. Dies führt zu einem dramatischen Einbruch der Gasexporte – sie lagen im Juli um 58 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum, aber auch zu einem deutlichen Rückgang der Gasförderung: Daten von Gazprom zufolge lag diese im Juli um 36 Prozent unter jener des Vorjahreszeitraums und damit auf einem Mindeststand seit 2008.

          Dies deutet darauf hin, dass Gazprom bereits begonnen haben könnte, einzelne Bohrlöcher zu schließen. Diese später wieder funktionstüchtig zu machen, gilt als überaus schwierig und teuer.

          Moskau hatte die Gaslieferungen nach Deutschland Mitte Juni unter Verweis auf eine in Portowaja fehlende Siemens-Turbine reduziert, die nach der Wartung wegen der westlichen Sanktionen in Kanada fest hing. Dies ist der Bundesregierung und Siemens zufolge allerdings kein Grund für die Lieferreduktion, da in Portowaja sechs weitere Turbinen bereit stünden, von denen derzeit nur eine in Betrieb sei. Gazprom behauptet, die fünf stillstehenden Turbinen müssten ebenfalls zur Wartung nach Kanada, und fordert schriftliche Garantien, dass die Wartung unbehelligt von Sanktionen stattfinden wird.

          Sollte es eine solche Garantie nicht geben, würden die Gaslieferungen wohl auf dem aktuellen niedrigen Stand weiterlaufen, sagte Katja Yafimava vom Oxford Institute for Energy Studies der F.A.Z., bis auch die letzte Turbine „ihr Limit erreicht“ habe. Auf die russische Wirtschaft wirken sich die gedrosselten Lieferungen indes jetzt schon aus: Das Bruttoinlandsprodukt ging im Juni um 4,9 Prozent zurück, nach einem Minus von 4,3 Prozent im Mai.

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