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Um 40 Prozent : Russland drosselt Gaslieferungen nach Deutschland

  • Aktualisiert am

Erdgasverdichterstation in Mallnow in Brandenburg Bild: dpa

Der Staatskonzern Gazprom reduziert seine Liefermenge nach Deutschland und macht Siemens dafür verantwortlich. Die Bundesregierung teilt unterdessen mit, Gazprom Germania mit einem Milliardenbetrag zu stützen.

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          Russland drosselt die Gaslieferungen über die Ostsee-Pipeline Nord Stream nach Deutschland um gut 40 Prozent. Es könne nur noch eine Durchleitung von 100 Millionen Kubikmetern Gas am Tag anstelle der üblichen 167 Millionen Kubikmeter sichergestellt werden, teilte der Energiekonzern Gazprom am Dienstag im Messengerdienst Telegram mit.

          Hintergrund sind demnach Probleme mit Bauteilen des deutschen Siemens-Konzerns. Verzögerungen bei Reparaturarbeiten nannte der Staatskonzern. Ein Gasverdichteraggregat sei nicht rechtzeitig aus der Reparatur zurückgekommen. Deshalb könnten nun nur noch täglich bis zu 100 Millionen Kubikmeter Gas durch die Pipeline gepumpt werden, oder rund 60 Prozent des bisher geplanten Tagesvolumens von 167 Millionen Kubikmeter Gas, hieß es.

          Unklar ist, wie lange die Drosselung anhält und damit auch welche Folgen das für die Einspeicherung von Gas in Europa hat. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte am Mittwoch mit, die Lage zu beobachten und den Sachverhalt zu prüfen. „Aktuell ist die Versorgungssicherheit weiter gewährleistet“, teilte das Haus von Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) mit.

          Die 2011 in Betrieb genommene Nord-Stream-Leitung ist die Gas-Pipeline mit der höchsten Kapazität zwischen Russland und Deutschland. Sie verläuft vom russischen Wyborg nordwestlich von St. Petersburg bis nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Durch die Pipeline wurden 2021 nach Angaben der Betreibergesellschaft 59,2 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland nach Europa exportiert. Sie ist anders als die Pipeline Nord Stream 2 schon vor der russischen Aggression in der Ostukraine und der Besetzung der Krim eingeweiht worden. Die russischen Erdgaslieferungen nach Europa sind seit Inkrafttreten der europäischen Sanktionen gegen Moskau wegen der militärischen Intervention in der Ukraine deutlich gesunken.

          Bundesregierung stützt Gazprom Germania mit Milliardenbetrag

          Die Bundesregierung will das Gasunternehmen Gazprom Germania mit einem Milliardenbetrag stützen, um eine Insolvenz zu verhindern. Damit solle die Versorgungssicherheit in Deutschland gewährleistet werden, teilte die Bundesregierung am Dienstag in Berlin mit. Es bleibt länger als geplant unter Treuhandverwaltung des Bundes und wird mit einem milliardenschweren Kredit gestützt. Die Treuhandverwaltung werde über die bisherige Frist vom 30. September 2022 hinaus verlängert, teilte das Bundespresseamt am Dienstag mit. Außerdem erhalte das Unternehmen KfW-Darlehen - damit „wendet die Bundesregierung eine Insolvenz ab und verhindert einen Kaskadeneffekt im Markt“. Es geht um neun bis zehn Milliarden Euro, wie die Nachrichtenagentur AFP aus Regierungskreisen erfuhr.

          Das Geld diene „der Liquiditätssicherung und der Ersatzbeschaffung von Gas“, erklärte das Bundespresseamt weiter. Es werde sichergestellt, dass das Darlehen nur für den Geschäftsbetrieb von Gazprom Germania und zur Aufrechterhaltung der Gasversorgung eingesetzt werden darf und nicht nach Russland abfließen kann. „In einem nächsten Schritt prüft die Bundesregierung Möglichkeiten, das Darlehen in Eigenkapital umzuwandeln, um so auch langfristig die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.“

          Lieferungen in mehrere Länder gestoppt

          Anfang Juni hatte Gazprom mitgeteilt, in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gut ein Viertel weniger Gas in Länder außerhalb der früheren Sowjetunion geliefert zu haben als im Vorjahreszeitraum. Von Januar bis Mai seien 61 Milliarden Kubikmeter exportiert worden, teilte Gazprom vor zwei Wochen mit. Das waren demnach 27,6 Prozent oder 23,2 Milliarden Kubikmeter Gas weniger als ein Jahr zuvor. Dem Unternehmen zufolge waren die Gaslieferungen nach China über die Pipeline „Power of Siberia“ (Kraft Sibiriens) im selben Zeitraum gestiegen. Zahlen hierzu nannte der Energiekonzern aber nicht.

          Die Siemens-Tochtergesellschaft Siemens Energy erklärte am Dienstag, sie habe 2009 Gasturbinen für eine Verdichterstation von Nord Stream 1 in Russland geliefert. Um den Betrieb der Pipeline aufrechtzuerhalten, sei es notwendig, dass diese Turbinen regelmäßig überholt werden. Aus technischen Gründen könne dies nur in Montreal in Kanada gemacht werden. Aufgrund der von Kanada verhängten Sanktionen sei es für Siemens Energy derzeit nicht möglich, überholte Gasturbinen an den Kunden zu liefern. „Vor diesem Hintergrund hatten wir die kanadische und deutsche Regierung informiert und arbeiten an einer tragfähigen Lösung“, sagte eine Firmensprecherin.

          In Europa hatte Gazprom zuletzt mehrere Kunden verloren. Hintergrund ist, dass Russlands Präsident Wladimir Putin Bezieher russischen Gases aus „unfreundlichen Ländern“ – darunter auch EU-Mitgliedstaaten – aufgefordert hatte, ihr Gas in Rubel zu bezahlen. Gestoppt wurden bereits Lieferungen nach Polen, Bulgarien, Finnland und in die Niederlande. Auch hat Gazprom die Lieferung an dänischen Konzern Orsted und an Shell eingestellt.

          Die EU-Länder versuchen derzeit, ihre Abhängigkeit von russischer Energie zu verringern. Über ein mögliches Erdgas-Embargo gibt es aber keine Einigkeit, da mehrere Mitgliedstaaten in starkem Maße von russischen Energielieferungen abhängig sind.

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