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Rußland : Das Beispiel des Ölkonzerns Yukos macht Schule

Seitdem russische Großkonzerne westliche Organisationsprinzipien und Methoden der Unternehmensführung übernommen haben, spielen ausländische Manager in der russischen Wirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle.

          Die Meinung, Ausländer könnten das Land nicht verstehen, ist in Rußland weit verbreitet. Daß der Westen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Rußland nicht immer die richtigen Ratschläge gab, oft aus Unverständnis für das Land, hat diese Ansicht bei vielen noch bestärkt. Doch seitdem sich die russischen Großkonzerne der westlichen Organisationsprinzipien und Methoden der Unternehmensführung angenommen haben, spielen ausländische Manager in der russischen Wirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle. Fast alle führenden Investmentbanken des Landes beschäftigen - neben russischen - ausländische Analysten, und auch die Unternehmen und Holdings der "Oligarchen" haben Spitzenposten an Ausländer aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Europa, Australien oder Neuseeland vergeben.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nun steht sogar ein Amerikaner an der Spitze des größten russischen Ölkonzerns Yukos. Als Steven Michael Theede Ende August zu Yukos kam, wußte er, daß dem Unternehmen eine schwere Zeit bevorsteht. Denn ein Hauptaktionär von Yukos, Platon Lebedjew, der als Vertrauter des Vorstandsvorsitzenden Michail Chodorkowskij und zweiter Mann bei Yukos galt, saß zu diesem Zeitpunkt schon acht Wochen in Haft, und täglich neue Ermittlungen und Durchsuchungen bestimmten den politischen Sommer in Moskau. Wie die Ereignisse vom Donnerstag zeigten, war dies aber nur der Beginn eines großen Kräftemessens.

          Amerikaner am Ruder

          Daß ihm selbst nach nur zwei Monaten die Aufgabe zufallen würde, den größten russischen Ölkonzern zu leiten, hatte der amerikanische Ölmanager wohl kaum geahnt. Doch am Wochenende kam Chodorkowskij in Haft, am Donnerstag wurden große Aktienpakete beschlagnahmt. Yukos hatte zuvor entschieden, den möglichen Nachfolger Wassilij Schachnowskij, Chef von "Yukos-Moskwa", dem strategischen Herzstück des Unternehmens, dem Zugriff der Staatsanwaltschaft zumindest einstweilen zu entziehen, indem er ein politisches Amt annahm. So kam laut dem im Sommer erstellten Krisenplan die Reihe an den Chief Operating Officer und ersten Vizepräsidenten Theede, der nun faktisch Vorstandsvorsitzender von Yukos ist. Fast dreißig Jahre lang war der 51 Jahre alte bodenständige Amerikaner aus Kansas als Manager beim amerikanischen Ölmulti Conoco. Zu unterschiedlichen Zeiten zuständig für Förderung, Verarbeitung und Verkauf, schaffte es Theede bis zum Vize-Präsidenten des Unternehmens. Zuletzt leitete er die Geschäfte des Konzerns in Rußland und im Kaspischen Raum.

          Yukos-Chef Chodorkowskij holte den Amerikaner in sein Unternehmen, um mit seiner Hilfe die Fusion mit dem Konkurrenten Sibneft zu YukosSibneft, einem der größten Ölkonzerne der Welt, erfolgreich abzuschließen. Dafür soll im kommenden Jahr ein gemeinsames Führungsteam geschaffen werden, und als neutrale, keiner Seite verpflichtete Figur schien Theede dafür der geeignete Mann. Auch beim geplanten Einstieg eines amerikanischen Ölmultis bei Yukos - Exxon-Mobil oder Chevron-Texaco - wären die Erfahrung und Kenntnisse des Amerikaners nützlich, der einen weiteren Amerikaner, Thomas Nicewarner, von Conoco Inc. in Houston in die Führungsetage von Yukos mitgebracht hat.

          Nicht ungewöhnlich

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