https://www.faz.net/-gqe-7x4nc

Schwund in den Alpen : Die Russen fahren jetzt lieber zu Hause Ski

Wenn denn St. Moritz, diese kleine kalte Metropole des Konsums, überhaupt eine Seele haben sollte, dann läge sie wohl in „Badrutt’s Palace“. Bild: Badrutt's Palace

Der Wintersport ist eine touristische Erfolgsgeschichte. Doch der Rubelverfall und die russische Propaganda führen dazu, dass die Russen zu Hause Ski fahren gehen. Das trifft besonders die österreichischen und schweizerischen Skiorte.

          Am Samstag stieg in St. Moritz die ganz große Party. In dem Ort im schweizerischen Engadin ist vor 150 Jahren der Wintersport erfunden worden. Das zumindest behaupten sie dort. Keiner weiß genau, ob das wirklich so stimmt. Aber der Legende nach hat der Hotelier Johannes Badrutt 1864 erstmals englische Gäste, die bis dahin nur im Sommer in die Berge kamen, für einen Winterurlaub in seine Herberge gelockt. Das war der Beginn einer touristischen Erfolgsgeschichte, die einst ärmliche Bergregionen in blühende Wohlstandsoasen verwandelte.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Grund genug also, ordentlich zu feiern. Der Höhepunkt in der von Willy Bogner präsentierten Jubiläums-Show im Zentrum von St. Moritz war am Samstagabend das Open-Air-Konzert des Soul-Sängers Xavier Naidoo. Warum die Veranstalter aus dem lokalen Standort-Marketing ausgerechnet den Sohn Mannheims, also einer Stadt aus den tiefsten Niederungen der rheinischen Tiefebene, in die hohen Berge gelotst haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Aber für Auftrieb wird der bekannte Musiker schon gesorgt haben. Und den kann St. Moritz gut gebrauchen. Der mondäne und zugleich merkwürdig gesichtslose Skiort, der einst zu den wichtigsten Treffpunkten des internationalen Jetset zählte, hat an Anziehungskraft verloren.

          Der Besucherschwund in den vergangenen Jahren wäre noch größer gewesen, wenn nicht Russen das Städtchen am Fuße des gut 3000 Meter hohen Piz Nair für sich entdeckt hätten. Ihr Anteil an den Übernachtungen in St. Moritz und Umgebung macht 4 Prozent aus, das ist doppelt so viel wie im gesamtschweizerischen Durchschnitt. Doch jetzt müssen die Hoteliers auch um diese zahlungskräftige und konsumfreudige Klientel fürchten. Der Ukraine-Konflikt und die damit zusammenhängenden Sanktionen gegen Russland schmälern den Reisestrom aus dem Osten. Wegen der Schwäche des Rubels, der seit dem vergangenen Dezember mehr als 30 Prozent an Wert verloren hat, und als Folge der antiwestlichen Propaganda in ihrem Land bleiben viele Russen lieber daheim.

          Jetzt bleiben die Russen eben zu Hause

          Das zeigen auch die Zahlen des Schweizerischen Bundesamtes für Statistik: Während die Übernachtungen von Russen in der Schweiz 2013 um 3 Prozent gestiegen waren, sind sie in der Zeit von Januar bis September 2014 um gut 7 Prozent gefallen. Bis zum Jahresende könnte das Minus auf bis zu 10 Prozent klettern, schätzt Véronique Kanel von der Marketingorganisation Schweiz Tourismus. „Der Aufruf, im eigenen Land Ferien zu machen und russische Produkte zu kaufen, findet im Nationalstolz vieler Russen einen guten Nährboden“, erklärt sie den Rückgang. Bevor der Rubel auf Talfahrt gegangen sei, habe der Tourismus in der Schweiz von der stark wachsenden russischen Mittelschicht profitiert. Diese halte sich nun besonders stark zurück.

          Dies bestätigt auch Elena Gerber, Vizedirektorin von Open Up Travel, einer Reiseagentur, die auf Reiseangebote für russische Gäste in der Schweiz spezialisiert ist: „Die Zahl der vermittelten Pauschalreisen für Kunden aus der russischen Mittelschicht ist um rund 40 Prozent eingebrochen.“ Jetzt blieben die Russen eben zu Hause. Und wenn sie doch auf Reisen gingen, dann zögen sie die Olympia-Stätten von Sotschi vor oder allenfalls noch Ägypten und Thailand, nur in den Westen wollen sie nicht mehr. Dabei spiele neben den geringeren Kosten auch das Gefühl der Unsicherheit eine Rolle: Manche Russen fürchteten, in Westeuropa angefeindet zu werden. „Das ist sehr schade, denn unsere Gäste bleiben nicht nur überdurchschnittlich lang. Sie essen viel, trinken die Minibar leer und kaufen liebend gerne ein.“ Die Reiseagentin weiß aber auch zu berichten, dass sich die Ultrareichen unter den Russen bisher kaum von der verschlechterten Großwetterlage beeinflussen lassen. „Die teuersten Zimmer in den Fünf-Sterne-Häusern sind als Erstes verkauft“, sagt Gerber. Besonders beliebt seien das Badrutt’s Palace in St. Moritz und das Mont Cervin Palace in Zermatt. Ein Blick auf die Buchungsseite des Badrutt’s, einer alten Trutzburg am See, die zu einem Drittel dem russischen Industriellen Georg Bedjamow gehört, beweist: Freie Zimmer gibt es dort über Weihnachten und Silvester nicht. Erst am 10. Januar geht wieder etwas: Das Standard-Doppelzimmer ist für 1350 Franken zu haben, die Suite „St. Moritz“ für 6300 Franken die Nacht.

          Weitere Themen

          Endstation Seezungenfilet

          Geschmackssache : Endstation Seezungenfilet

          Wie der Vater so der Sohn: Josef und Thomas Wolf kochen in ihrem Restaurant „Eisenbahn“ in Schwäbisch Hall eine makellose französische Hochküche ohne den Hautgout der Musealität.

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: EZB-Chef Draghi : Das Ende von „Super Mario“

          EZB-Präsident Mario Draghi demonstriert noch einmal seine Stärke. Doch längst sind Kräfte am Werk, die die Macht der Notenbanken aushöhlen. Werden mit dem Ende der Ära Draghi die Karten neu gemischt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.