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Rumänien : Die einsame Fabrik auf der grünen Wiese

  • -Aktualisiert am

Nichts als grüne Wiese: Hier sollte das größte Industriegebiet Osteuropas entstehen Bild: Henning Bode / Nadine Oberhuber

Rumänien träumte vom großen Aufschwung. Erst kam Nokia nach Cluj. Dann sollten viele andere Firmen folgen. Vom erfolgreichsten Industriegebiet Osteuropas war die Rede. Doch bisher wächst nur das Unkraut.

          Die Gummistiefel können Besucher nun zu Hause lassen. Die brauchen sie im Industriegebiet von Cluj nicht mehr. Denn inzwischen liegt Asphalt, und es ist viel Gras über die Sache gewachsen. Über die Vision vom großen Aufschwung. Und über die Äcker, die einmal das erfolgreichste Industriegebiet Osteuropas werden sollten.

          Noch vor einem guten Jahr blieben Besucher hier im knöcheltiefen Schlamm stecken, und sie konnten in den dichten Nebelschwaden, die über den Äckern hingen, kaum ausmachen, wo die fahlgraue Fabrik in die Höhe wuchs. Die Fabrik, die alles ändern sollte. Denn vor einem Jahr schloss der Handyhersteller Nokia sein Werk in Bochum und ging stattdessen nach Cluj. Das sollte der Anfang sein, vom Aufschwung Rumäniens. Vom Beginn des Wirtschaftswunders in Osteuropa (siehe Erst Nokia, nun Mercedes: Alle zieht es nach Rumänien).

          So jedenfalls hatten es sich hier alle gewünscht. Zum Beispiel Bürgermeister Emil Boc, der dem Industriegebiet Tetarom im Dörfchen Jucu, 20 Kilometer vor den Toren der Stadt Cluj, den Weg bereitete. Bis er kam, war das ehemalige Klausenburg eine graue Stadt am nordwestlichen Rand des Landes und die letzte Hauptstadt der Pferdefuhrwerke. Mitten in Transsilvanien und so abgelegen von allem, dass viele noch fabulierten, in der 300.000-Einwohner-Stadt mit ihren grünen Hügeln und sanft ansteigenden Bergen wohnten doch bestimmt noch die Nachfahren Graf Draculas. Aber ein Industriestandort? Mit modernsten Fabrikhallen und Laboren, die Hightech-Geräte für den Weltmarkt entwickeln?

          „Nokia ist der Wendepunkt für uns“

          Der Bürgermeister konnte sich das vorstellen und sah nicht nur große Fabriken aus den Äckern um Cluj sprießen, sondern auch seine eigene Karriere. Auch die Landesregierung im fernen Bukarest war begeistert und plante, Cluj endlich besser an das Straßen- und Schienennetz Rumäniens anzuschließen.

          Arbeitsamtsdirektor Daniel Don, der smarte Anzugträger mit den Gesichtszügen, die ein bisschen an den jungen Kojak erinnern, wurde einer der gefragtesten Männer der Region. Er hätte fast eine Standleitung zum Arbeitsminister in Bukarest legen können. Denn der rief oft mehrmals täglich bei ihm an. Die drei Universitäten der Stadt Cluj mit ihren 100.000 Studenten spülten jedes Jahr Zehntausende gut ausgebildete Absolventen auf den Jobmarkt. "Wir haben das beste Arbeitskräftepotential, dass sich westliche Firmen vorstellen können - und billig sind sie auch", so warb Don Anfang 2008 um große Investoren. Dann kam Nokia.

          "Nokia ist der Wendepunkt für uns", frohlockte nicht nur Daniel Don, "jetzt kommen auch die anderen." Der Logistikkonzern UPS lotete seine Chancen auf den Äckern von Cluj aus, General Motors überlegte den Gang nach Rumänien, und wenn man Stadtmanager Sorin Apostu glaubte, hatte Mercedes die Verträge schon so gut wie unterschrieben. Auch ein Cluster kleiner Handy-Zulieferfirmen sollte sich neben Nokia im Industriepark Tetarom III ansiedeln.

          Die Kultur kam in Fahrt - die Wirtschaft nicht

          Seitdem ist auch die Stadt förmlich explodiert. An jeder zweiten Straßenecke stehen Baukräne. Immer weiter kriechen die Neubauviertel mit Einfamilienhäuser die Hügel der Stadt hinauf. Mediterrane Knallfarben sind der letzte Schrei bei den jungen Bauherren, egal ob an Fassaden oder auf Dächern. Die grellen Farben lassen die Häuser aussehen, als habe sie jemand direkt aus Legoland importiert. Auch die Innenstadt hat frische Farbe aufgelegt. Was vor einem Jahr grau und trostlos wirkte, sieht nun aus, als habe es sich einer Verjüngungskur unterzogen.

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