https://www.faz.net/-gqe-9d6st

Rügenwalder-Mühle-Chef : „Die Politik übersieht den Einfluss der Ernährung auf den Klimawandel“

Vegetarisches Fleisch – dafür ist die Rügenwalder Mühle bekannt. Ihr Chef hält das im Gespräch für die Zukunft. Bild: dpa

Die Hitzewelle in Deutschland hat die Landwirtschaft in den Fokus gerückt. Doch es geht um mehr als nur Ernteausfälle. Der Chef der Rügenwalder Mühle fordert im Gespräch mit FAZ.NET eine Agrarwende.

          Godo Röben ist Geschäftsführer der Rügenwalder Mühle. In den vergangenen Jahren hat der Fleischfabrikant mit vegetarischem Fleisch für Aufsehen gesorgt. Im Interview spricht Röben über die Bedeutung der Agrarwende für den Klimaschutz, nimmt die Bauern in Schutz und fordert Maßnahmen von der Politik.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Herr Röben, sind die Bauern für ihre Ernteausfälle selbst verantwortlich?

          Die Bauern an den Pranger zu stellen, wäre absolut falsch. Dieser Berufsstand arbeitet rund um die Uhr, damit wir uns alle ernähren können. Es geht eher um etwas Grundsätzlicheres. Die Menschheit ist über 200.000 Jahre auf eine Milliarde Menschen angewachsen. Das war um 1800 herum. Seitdem gab es eine Bevölkerungsexplosion – innerhalb von nur 200 Jahren sind 6,5 Milliarden Menschen dazu gekommen. Und bis 2050 werden wir wahrscheinlich 10 Milliarden Menschen ernähren müssen. Allein das ist Grund genug, dass wir neue Lösungen brauchen und nicht alles nur größer, schneller und effizienter machen. Die Ställe und die Tierhaltung stoßen einfach aufgrund der Masse an Menschen an ihre Grenzen. Da haben die Bauern ganz bestimmt keine Schuld.

          Liegt es an den Verbrauchern? Sollten die Deutschen auf ihr Fleisch verzichten?

          Grundsätzlich möchten wir keinem Menschen vorschreiben, was er zu essen hat. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch klar ist auch, dass die Bevölkerungsentwicklung und das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Menschen den Trend zu veganem Fleisch beeinflussen. Zum Thema Fleisch und Gesundheit gibt es so viele Studien, dass jede Seite die Argumente herauspickt, die ihr passen. Weil dieser Zustand äußerst unbefriedigend ist, hat die Weltgesundheitsorganisation 2016 mehr als 700 Studien ausgewertet und zusammengefasst. Das Ergebnis war eindeutig: Vor allem in Industrienationen konsumieren die Menschen zu viel Fleisch – und schaden sich dadurch selbst. Von den Menschen zu verlangen, komplett auf Fleisch zu verzichten, wird letztendlich jedoch in dieser Form nicht funktionieren und das halte ich auch für den falschen Ansatz.

          Warum?

          Bei der Fleischwende ist es wie bei der Energie- und Mobilitätswende: Verbietet man den Menschen etwas, geht es schief. All die Aufforderungen von „Fahrt doch bitte Bus und Bahn und lasst das Auto stehen“ bis zu „Nutzt doch bitte weniger Strom“ greifen genauso ins Leere wie Forderungen nach einem Veggie-Day. Wir Menschen wollen und werden nicht freiwillig auf etwas verzichten. Deshalb kommt der Industrie die zentrale Rolle zu: Die Aufgabe der Unternehmen ist es, die vorhandenen Produkte besser zu machen – dann ist allen geholfen ohne dass jemand verzichten muss. Beim Strom ersetzen wir Atom und Kohle durch Wind und Sonne. Beim Auto ersetzen wir Diesel und Benzin durch Strom und Wasserstoff. Und beim Fleisch und der in Deutschland so beliebten Wurst ersetzen wir eben tierisches Protein durch pflanzliches Protein.

          Welche konkreten Maßnahmen fordern Sie von der Politik?

          E-Mobility, erneuerbare Energien aus Wind und Sonne werden vom Gesetzgeber gefördert. Was ist mit fleischfreien Alternativen zu Schnitzel, Bratwurst & Co.? All diese Lebensmittel helfen uns dabei, unseren Fleischkonsum zu reduzieren und so klimaschädliches CO2 einzusparen. Der globale Viehbestand ist für ein Fünftel der erzeugten Treibhausgase verantwortlich und damit für mehr als der gesamte Verkehr weltweit. Aber anstatt Hersteller fleischfreier Alternativen zu unterstützen und den Verzehr dieser Produkte zu fördern, gibt es eventuell bald komplizierte und verbraucherfeindliche Vorgaben zur Bezeichnung von vegetarischen und veganen Fleischalternativen. Die Politik übersieht bislang den Einfluss der Ernährung auf den Klimawandel. Bei diesem Thema bietet sich jedoch eine große Chance. Ersetzen wir nur die Hälfte an Fleisch-, Milch- und Eiprodukten, die in der EU jährlich auf unseren Tellern landen, durch pflanzliche Alternativen, so lassen sich unglaubliche 196 Millionen Tonnen CO2-Emissionen einsparen. Diese Einsparungen sind rund 245-fach so hoch wie jene, die durch die von der Regierung angepeilten eine Million E-Autos erzielt würden. 

          Was macht die Rügenwalder Mühle anders als andere Fleisch-Unternehmen?

          Wir haben uns getraut. Natürlich ist die Selbst-Kannibalisierung für die Unternehmen ein steiniger Weg. Man stellt sein altes, erfolgreiches Geschäftsmodell in Frage ohne schon etwas Vergleichbares zu haben. Weder die Inhaber noch die eigenen Mitarbeiter, noch die Zulieferer oder die Gesellschaft freuen sich am Anfang über diese Veränderung. Aber letztlich hat man keine andere Wahl als diesen Weg zu gehen. Und wir bereuen diesen Weg nicht – wir haben uns getraut, darauf sind wir stolz. Und wie man im Markt sieht, folgen uns auch schon viele deutsche und internationale Fleisch- und Wurstunternehmen. Immer mehr Menschen essen ja auch bewusst weniger oder gar kein Fleisch.

          Welche Gründe gibt es für den bewussten Fleischverzicht?

          Die Gründe sind vielfältig: die eigene Gesundheit, die Sorge um den fortschreitenden Klimawandel, Kritik an der Massentierhaltung oder auch eine Verunsicherung durch Lebensmittelskandale in der Vergangenheit. 

          Und was ist in dem fleischlosen Fleisch drin? Verwenden Sie dafür auch chemische Zusatzstoffe oder Gentechnik?

          Egal ob mit Fleisch oder ohne – wir achten sehr genau darauf, was in unseren Produkten drin ist. Alle unsere vegetarischen und veganen Produkte sind frei von Geschmacksverstärkern und künstlichen Aromen. Und wir verwenden zudem nur hochwertige Zutaten. Bei unseren Fleischalternativen verwenden wir anstelle von Fleisch und Speck als Basis Eiweiß von Eiern aus Freilandhaltung sowie Rapsöl mit viel Omega-3-Fetten. Zudem setzen wir immer stärker auf pflanzliche Proteine aus Weizen, Soja oder Erbsen.

          Wie wird die Landwirtschaft in zwanzig Jahren aussehen?

          Wir würden uns wünschen, dass wir die pflanzlichen Rohstoffe für unsere Produkte aus der Region oder zumindest aus Deutschland beziehen könnten. Damit dies klappt, arbeiten wir schon fest daran. So kaufen wir etwa kein Soja mehr aus Südamerika und auch der Anteil aus Nordamerika wird stetig kleiner zugunsten von Soja aus der Donauregion.

          Weitere Themen

          Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?

          Topmeldungen

          Immer mehr, immer größer, immer schneller: Autos auf den Straßen von Berlin.

          Wandel der Mobilität : Augen auf vorm Autokauf!

          Ob Auto, Bahn oder Fahrrad – Mobilität ist individuell und abhängig von Bedürfnissen und Lebensumständen. Doch jeder sollte bereit sein, sich zu hinterfragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.