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Rückkehr der Vorratskäufe : Wir Hamster

  • -Aktualisiert am

Eine Person steht in der Innenstadt von Karlsruhe mit zwei XXL-Packungen Toilettenpapier an einer Straßenbahnhaltestelle. Bild: dpa

Neue Bilder von leeren Supermarktregalen verheißen wenig Gutes für die Wirtschaft. Sie deuten darauf hin, dass die Politik den Bogen der Angst überspannt hat.

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          Nicht schon wieder, mag sich mancher denken, der dieser Tage durch einen Supermarkt geht. Bis vor kurzem türmten sich da regelrechte Berge von Toilettenpapier, weil viele Verbraucher noch von ihren Vorräten aus dem Frühjahr zehrten. Doch nun zeigen sich in einigen Filialen wieder erste Anzeichen von Panikkäufen. Wenn die Kanzlerin schon so eindringlich dazu rät, doch bitte nach Möglichkeit zuhause zu bleiben, nicht zu verreisen, nicht auszugehen, keine Freunde zu treffen, denken sich offenbar einige: Dann doch lieber mit ausreichenden Mengen Spaghetti, Ravioli aus der Dose und ja, auch Klopapier.

          „Regieren durch Angst“ nennen Politikwissenschaftler ein Phänomen, das sich in der Corona-Krise im Guten wie im Schlechten zeigt. Im Frühjahr warnte Innenminister Horst Seehofer (CSU), die Corona-Pandemie könne in Deutschland mehr als eine Million Tote fordern, wenn die Politik nicht gegensteuere. Dieses Worst-Case-Szenario trug maßgeblich dazu bei, dass die große Mehrheit der Deutschen die Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus mittrug – und das auch mehr als ein halbes Jahr später so hält.

          Ist das noch berechtigte Vorsicht oder schon Panikmache? 

          Ganz so drastisch fielen die Warnungen führender Politiker in den vergangenen Tagen zwar nicht aus. Doch die Botschaft, die vom Corona-Krisengipfel bis zur jüngsten Videobotschaft der Kanzlerin ausgeht, ist unmissverständlich: Jeder Bürger müsse sein Verhalten ändern, die Zahl der Kontakte deutlich reduzieren. Und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt.

          Ist das noch berechtigte Vorsicht? Oder schon Panikmache? Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Politik bewegt. Dass die Mobilität abnimmt, wie Bewegungsdaten und die Buchungszahlen der Bahn nahelegen, zählt zu den politisch erwünschten Folgen. Bilder von leergekauften Supermarktregalen sollten dagegen ein Warnzeichen sein. Sie deuten darauf hin, dass die Politik den Bogen der Angst überspannt hat. Mit rationalem Verhalten haben die Bilder jedenfalls nichts mehr zu tun. Und sie verheißen wenig Gutes für andere Wirtschaftsbereiche. Wenn sich mehr und mehr Menschen dafür rüsten, die kommenden Wochen weitgehend zuhause zu verbringen, könnte sich die Debatte, wie sich ein großräumiger Lockdown verhindern lässt, erübrigen. Er käme dann ganz von selbst.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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