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Zeitalter der Abschottung : Die Rückkehr der Grenzen

Synonym für Grenzen in Europa: Überreste der deutsch-deutschen Grenze in Teistungen bei Worbis Bild: Picture-Alliance

Wir dachten, Grenzen spielten in einer globalisierten Welt keine große Rolle mehr. So kann man sich täuschen. Die Angst vor unerlaubter Einwanderung lässt wieder Mauern entstehen.

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          Selbst auf der Berlinale geht es dieses Jahr um Grenzen. Allein unter den Wettbewerbsfilmen sind zwei, die sich explizit mit den Außengrenzen unserer westlichen Wohlstandszone beschäftigen. In „Fuocoammare“, Feuer auf dem Meer, zeigt der italienische Filmemacher Gianfranco Rosi Flüchtlinge aus Afrika, die auf der italienischen Insel Lampedusa stranden. Und in „Soy Nero“ („Ich bin Nero“) zeichnet der kanadische Regisseur Rafi Pitts das Schicksal eines jungen Mexikaners nach, der den rigide bewachten Grenzzaun zu den Vereinigten Staaten überwindet – und sich schließlich als Soldat in den Krisengebieten des Mittleren Ostens wiederfindet, die uns in diesen Tagen so sehr beschäftigen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen im vorigen Sommer ist wieder viel von Grenzen die Rede: der Grenze. Es geht um die Abdichtung des Schengen-Raums nach außen, um die Wiedereinführung von Kontrollen zwischen den europäischen Einzelstaaten, aber auch um Grenzen im übertragenen Sinn. Dazu zählt die Ober-„Grenze“ für aufzunehmende Flüchtlinge, die Grenzen der Integrationsfähigkeit, die Belastungsgrenzen des Sozialstaats oder auch des politischen Systems angesichts einer anschwellenden AfD.

          Das erstaunt in einer Welt, in der bis vor kurzem die „Globalisierung“ der Leitbegriff war – ein Wort, das man auf Deutsch auch mit „Entgrenzung“ übersetzen könnte. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten blieben stets Befürworter dieses Prozesses, wenngleich sich zuletzt wachsender Widerstand zeigte. Am deutlichsten wurde das in der Debatte um das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen TTIP, aber auch in der Kritik an der tatsächlichen oder vermeintlichen Macht weltumspannender Internetkonzerne.

          Kein positiver Blick

          Ein positiver Blick auf Grenzen blieb unter Intellektuellen gleichwohl eine – allerdings gern gesuchte – Provokation. Sehr unterschiedliche Geister sangen in den vergangenen Jahren ein „Lob der Grenze“. Ihnen ging es um den Hinweis, dass Grenzen – im wörtlichen und übertragenen Sinn – für Orientierung und Unterscheidbarkeit unverzichtbar sind. Sonst drohe ein entgrenztes Einerlei.

          Um Abschottung geht es bei einer solch metaphorischen Verwendung des Begriffs freilich nicht, erst recht nicht um den Glauben, Grenzen stünden ein für alle Mal fest. So hat die Verlagerung der europäischen Grenzkontrollen an die Peripherie der Schengen-Zone ihren Vorläufer in der Fusion der deutschen oder italienischen Einzelstaaten im 19. Jahrhundert, die im deutschen Fall erst nach 50 Jahren mit der Einführung einer gemeinsamen Staatsangehörigkeit ihren Abschluss fand. Umgekehrt zerlegte der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die multinationalen Imperien der Habsburger, der Osmanen und des Zaren in ihre Einzelteile – nicht zum Vorteil der jeweiligen Regionen, wozu auch der wirtschaftliche Protektionismus der Zwischenkriegszeit seinen Beitrag leistete.

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          Da die meisten dieser Verschiebungen mit Kriegen einhergingen, erhoffte man sich von feststehenden Grenzen schließlich eine befriedende Wirkung. Hier liegt die Wurzel der völkerrechtlichen Formel von der „Unverletzlichkeit der Grenzen“, die auch die deutsche Kanzlerin im Konflikt um die Ukraine stets betont (was eine stillschweigende Kapitulation vor der Macht des Faktischen nicht ausschließt).

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