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Zehn Jahre Finanzkrise : Kann es wieder geschehen?

  • -Aktualisiert am

Regeln können nicht alles lösen

Drittens: Das Basel-III-Regelwerk ist nicht optimal. Damit sind nicht die Liquiditätspuffer oder die strengeren Eigenkapitalrichtlinien gemeint, die in Höhe und Anrechenbarkeit deutlich präziser sind. Aber selbst falls sich Basel III überall durchsetzen sollte, bleiben die Eigenkapitalquoten aus historischer Sicht immer noch auf einem niedrigen Niveau. Der Hebel (Leverage Ratio) beträgt lediglich fünf Prozent. Noch bis in die siebziger Jahre war es normal, dass das ausgewiesene Eigenkapital mehr als zehn Prozent betrug, und wenn man die stillen Reserven einrechnet, war der Kapitalpuffer noch viel höher. Das ist alles in allem eine nachvollziehbare marktwirtschaftliche Regel, so wie Höchstgeschwindigkeiten auf Autobahnen. Dass Banken heute darüber klagen, dass sie kein Eigenkapital in ausreichendem Maße generieren können, ist keine Folge der strengeren Regulierung, sondern vielmehr der fehlenden zukunftsgerichteten Geschäftsmodelle und des fehlenden Vertrauens in handelnde Personen.

Das führt, viertens, zur zweiten großen Schwäche von Basel III: Es suggeriert, dass man mit Regeln alles lösen könnte. Das ist falsch, weil sich Vertrauen nicht regeln, sondern nur erarbeiten lässt. Glaubwürdige Verhaltensänderungen sind nur in Ansätzen erkennbar. Dass beispielsweise die offizielle Entschuldigung von Deutsche-Bank-Chef John Cryan so hohe Wellen geschlagen hat, ist ein Zeichen für diese Einschätzung des weiterhin fehlenden Vertrauens. Es bleibt suboptimal, dass versucht wird, Verhalten zu regulieren, wie man Bankgeschäfte macht. Und ob sich die Banker in Zukunft regelkonform verhalten, ist angesichts zunehmender Kritik alles andere als gegeben.

Fünftens plant die Trump-Administration eine Deregulierung des amerikanischen Finanzsystems. Das Ergebnis dieser Maßnahmen rund um das Dodd-Frank-Gesetz ist noch nicht absehbar. Aber die Äußerung von Finanzminister Steve Mnuchin, einem Ex-Investmentbanker, dass er die Banken als Market Maker stärken möchte, deutet auf eine Schwächung der Volcker-Regel hin. Diese ist seit Juli 2015 gültig und sieht eine Beschränkung des Eigenhandels vor. Unbestritten ist, dass die Märkte mehr Liquidität benötigen, aber ohne Senkung der Standards ist dieses Ziel kaum zu erreichen.

Ein Paradigmenwechsel ist bislang ausgeblieben

Anders als in den dreißiger Jahren fand im Anschluss an den Lehman-Schock kein Paradigmenwechsel statt. Dafür ist der Mangel an herzhaften Eingriffen durch eine rekordhohe Regulierungsdichte kompensiert worden. In Tat und Wahrheit ist die Lage nur unübersichtlicher und nur begrenzt vertrauenswürdiger geworden. Das Finanzsystem ist gegen einen erneuten Sturm keineswegs gefeit. Der Kapitän der „Titanic“ hatte bis zum Untergang seines Schiffes übrigens nie eine Havarie mitgemacht oder SOS funken müssen. Das einwandige Schiff mit der prachtvollen Halle ohne durchgehende liquiditätshemmende Schotten ging unter. Danach wurden die Regeln für den Schiffsbau geändert und doppelwandig gebaut.

Zu den Autoren

Tobias Straumann ist Titularprofessor für Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik an der Universität Zürich. Sein Spezialgebiet ist die europäische Währungs- und Finanzgeschichte. Öffentlich bekannt wurde er durch sein Gutachten zu den Ursachen der UBS-Krise 2008.

Markus A. Will ist Privatdozent für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und Kommunikationsberater. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Gießen und promovierte über Geld- und Finanzpolitik. Sein Spezialgebiet sind Romane zu Wirtschaftsthemen. 2008 veröffentlichte er „Bad Banker“– einen Thriller über die Finanzkrise 2008.

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