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Zehn Jahre Finanzkrise : Kann es wieder geschehen?

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Drittens war auch die 2007/2008 bestehende Regulierung alles andere als optimal. Die implizite Staatsgarantie verführte zu Moral Hazard. Die in den Vereinigten Staaten gebräuchliche Vermengung von sozialpolitischen Zielen und Bankenregulierung sanktionierte die Vergabe von Krediten an arme Haushalte, die sich gar kein Haus leisten konnten. Die Geschäftsbanken waren durch zahlreiche Regeln eingehegt, aber nicht das Schattenbankensystem. Die Kreditversicherungen waren gänzlich unbeaufsichtigt. Die Versicherungsaufsicht sah sie als Kreditinstrumente, die von der Bankenaufsicht geregelt werden sollten. Die Bankenaufsichtsbehörden sahen sie als Versicherungsinstrumente.

„Basel III“ geht in die richtige Richtung

Doch obwohl es Konsens hinsichtlich der Ursachen gibt, hakt die Umsetzung der Maßnahmen. Das Glas ist immerhin halbvoll. Alle Länder haben ihre Eigenkapitalquoten und Liquiditätsvorschriften verschärft. Das Regelwerk der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Basel III) geht in die richtige Richtung, auch wenn die Regeln zur Risikogewichtung der Aktiva noch nicht vollständig umgesetzt sind. Diese Diskussion wurde gerade erst beim Treffen der G-20-Finanzminister in Baden-Baden geführt. Viele Großbanken haben zwar ihre Bilanzen reduziert und sich von gewissen Geschäftsbereichen getrennt. Aber man muss nicht Berufspessimist sein, um zu erkennen, dass die bisher erreichten Maßnahmen kaum ausreichen werden, um eine mögliche große Finanzkrise zu verhindern. Mindestens fünf Gründe kann man dafür anführen:

Erstens ist das europäische Bankensystem nach wie vor unterkapitalisiert, und in mehreren südeuropäischen Ländern kann ein Bankrott nur dank der außerordentlichen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) verhindert werden. Solange die Zinsen niedrig bleiben, bleibt die Lage stabil. Aber wenn einmal die Zinsen steigen und damit die Bedienung der hohen Staatsschulden teurer wird, ist mit großen Anpassungsschwierigkeiten zu rechnen. Auch wenn vieles in der Nationalökonomie nicht mehr gewiss zu sein scheint, eines bleibt gewiss: Die Zinsen werden steigen – nur wann und wie hoch, ist offen. Und wird sich EZB-Präsident Mario Draghi im Herbst 2019 wirklich ohne eine Zinsanhebung aus dem Amt verabschieden wollen?

Gute Lage : Arbeitsmarkt in Deutschland blüht auf

Die im Mai 2010 ausgebrochene Euro-Krise ist zwar keine direkte Folge der Subprime-Krise, aber sie traf auf eine schwer angeschlagene Finanzindustrie. Auch hier ist der Marktwirtschaftler in sich zerrissen, ob das Bail-in für Griechenland gerechtfertigt war. Aber eines ist auch klar: Nach Lehman und nach der Erkenntnis, wie sehr das Finanzsystem zusammenhing, und nach den hohen Verlusten der Banken wollten die europäischen Politiker und auch der überwiegende Teil der Notenbanker kein unkalkulierbares Risiko eingehen. Damit ist der Euro-Rettungspolitik kein Freibrief erteilt, aber 2010 sah die Welt praktisch unkalkulierbarer aus als theoretisch von manchen abgebildet.

Das führt, zweitens, zur ersten großen Schwäche der jetzigen Regulierung nach Basel III: Eine Regulierung im Sinne einer Begrenzung des Ankaufs einzelner Staatsanleihen ist nicht vorgesehen. Überdies fehlt auch eine Risikogewichtung solcher Staatsanleihen im Risikomanagement der Banken. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat mehrfach auf diesen Fehler im Regelsystem hingewiesen. Mit anderen Worten: Die Staaten wollen eine harte Regulierung, aber ihr eigenes Finanzgebaren ist davon ausgenommen.

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