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Rückbau der Kernreaktoren : Alles muss raus

Die Zeit ist abgelaufen: Das 60 Meter lange Maschinenhaus dient nur noch als Lager Bild: Eilmes, Wolfgang

Deutschland steht das größte Abrissprogramm seiner Industriegeschichte bevor: Auf den Atomausstieg folgt der Rückbau der Reaktoren. Am Neckar ist schon zu besichtigen, was im ganzen Land noch kommen wird.

          7 Min.

          Aus jeder Pore strömt Tristesse. In den Ritzen der Treppe gleich neben der Kuppel des Reaktordruckbehälters wuchert Moos. Das Verwaltungsgebäude des einst größten deutschen Kernkraftwerks verbreitet heute mit seiner braun gekachelten Fassade den verwelkten Charme der siebziger Jahre. Und in dem längst entkernten Maschinenraum stehen die Zeiger der runden Wanduhr auf kurz vor zwölf – dabei ist sie längst abgelaufen, die Zeit hier in Obrigheim.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Deutschland hat das größte Abrissprogramm seiner Industriegeschichte eingeleitet. Spätestens Ende 2022 wird der letzte Reaktorblock der Republik vom Netz gehen. In den Bilanzen der Betreiber Eon, RWE, ENBW und Vattenfall hat der abrupte Ausstieg nach der Havarie in Japan schon tiefe Furchen hinterlassen, doch die Arbeit vor Ort fängt gerade erst an. Die Kernkraftwerke können schließlich mit ihrer strahlenden Substanz nicht einfach in der Landschaft stehenbleiben.

          Wohin mit den Brennstäben?

          Vielleicht wäre das sogar nicht einmal die schlechteste Lösung für den Moment. Denn die wichtigste Frage, wohin mit den hochradioaktiven Brennstäben, ist noch nicht einmal im Ansatz geklärt. Erst vor einem Jahr konnte sich der Bundestag zu einem „Endlagersuchgesetz“ durchringen, nach dem Motto „Alles auf Anfang“. Wo wann welcher Müll einlagert wird – heute ist das so ungewiss wie vor 46 Jahren, als die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 2. November 1968 vermeldete: „Das neue Kernkraftwerk Obrigheim am Neckar hat zum ersten Mal Strom in das öffentliche Netz geliefert.“

          Schritt für Schritt, über mehrere Jahrzehnte, werden die Reaktoren jetzt abgerissen. An einigen stillgelegten Standorten haben die Betreiber schon begonnen. Dabei ist Stand heute sogar unklar, wohin der sogenannte leicht verstrahlte Schutt und Schrott kommen soll. Es gibt eben nicht nur Brennstäbe zu entsorgen, auch kontaminierte Rohre und Betonwände müssen irgendwohin. Das dafür vorgesehene Endlager Schacht „Konrad“ bei Salzgitter sollte längst betriebsbereit sein. Momentan rechnen die Behörden mit 2022 als Starttermin – frühestens.

          Maßarbeit: Ferngesteuerte Maschinen zerlegen zurzeit das stillgelegte Atomkraftwerk Obrigheim
          Maßarbeit: Ferngesteuerte Maschinen zerlegen zurzeit das stillgelegte Atomkraftwerk Obrigheim : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Der Abriss hier im Neckarörtchen Obrigheim, rund 30 Kilometer von Heidelberg, ist längst in vollem Gange. Was hier passiert, steht allen noch aktiven Anlagen bevor. Obrigheim ist ein Vorreiter. Der Meiler wurde 2005 heruntergefahren. Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder hatte im „Atomkonsens“ den schrittweisen Ausstieg beschlossen, für das in die Jahre gekommene Kraftwerk der Energie Baden-Württemberg bedeutete dies das Aus.

          Jetzt schwitzen zwei Techniker im Blaumann in einem schmalen Raum vor einer Handvoll flimmernder Bildschirme. Mit kleinen Handbewegungen am Joystick des vergilbten Schaltpults zersägen die Männer gerade vorsichtig das Innere des Reaktordruckbehälters. Die Brennelemente sind entnommen, Turbinen und Kondensatoren sind lange abtransportiert. Von außen nach innen wird nun im Gebäude zurückgebaut. Das meiste Material wird abgewaschen, sandgestrahlt oder im Ultraschallbad an der Oberfläche gereinigt.

          Die Sache ist vermurkst

          War es nur leicht belastet, gilt es danach als frei von Kontamination. Das 10 Meter tiefe ehemalige Lagerbecken der Brennelemente wurde eigens zum wassergekühlten Schneideraum umgebaut, mit Drehteller am Boden und überwacht von 17 Kameras. Dort werden jetzt stark verstrahlte Teile mit Bandsägen und Plasmaschneidern zerlegt und in Körbe gepackt – unter Wasser, wegen der „abschirmenden und bindenden Wirkung“.

          Am Ende wandert der Schrott dann in gelbe, mehrere Meter lange „Konrad“- Container, verpackt für ihre letzte Fahrt in den Schacht. Am Beispiel der Container sieht man, wie vermurkst die Sache ist. „Die Container entsprechen den heute bekannten Anforderungen für die Einlagerung im Endlager „Konrad“, ob sie letztlich zugelassen sein werden, wissen wir heute noch nicht definitiv“, sagt Manfred Möller, der als Geschäftsführer in Obrigheim den Rückbau verantwortet. „Im schlimmsten Fall müssten wir sie wieder umpacken.“ In einem unscheinbaren Nebengebäude wartet derweil die größte Strahlenlast. Die 342 verbliebenen Brennelemente haben die Männer vorab in ein Nasslager gebracht, dort stehen sie in einem Wasserbad, auf unbestimmte Zeit mit unbestimmtem Ziel.

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