https://www.faz.net/-gqe-7sesq

Roland Kochs Ausscheiden bei Bilfinger : Er hatte es nicht mehr im Griff

  • -Aktualisiert am

Roland Koch scheidet als Vorstandsvorsitzender bei Bilfinger Berger aus. Bild: dpa

Roland Koch wollte es richtig gut machen und bei Bilfinger allen zeigen, dass er Wirtschaft kann. Am Ende ist er grandios gescheitert. Er hat es selbst so gewollt.

          Als Roland Koch Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger wurde, wollte er es allen zeigen – man muss es so schlicht formulieren. CDU kann Wirtschaft, Koch kann Wirtschaft: Allein das Angebot, die Führung eines Industrieunternehmens mit mehr als 70.000 Mitarbeitern zu übernehmen, war Beleg für diese These. Elf Jahre als hessischer Ministerpräsident lagen hinter ihm, seinen Berliner Ambitionen stand Kanzlerin Angela Merkel im Weg.

          Da kam das Angebot seines Freundes Bernhard Walter, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Bilfinger, gerade recht. Dass dem kantigen ehemaligen Vorstandschef der Dresdner Bank in seiner Verehrung für Koch der Blick für die Wirklichkeit abhandengekommen war, weiß man heute. Vor drei Jahren, als Koch ohne Umwege von der Staatskanzlei in Wiesbaden in die Vorstandsetage nach Mannheim wechselte, war es jedoch ein Coup.

          Koch hätte es sich leichter machen können, auch das gehört zur Wahrheit dieser Geschichte. Als Berater von Finanzinvestoren wie Rudolf Scharping, als Frühstücksdirektor für die Industrie wie Dirk Niebel oder als Grüßonkel für Finanzvertriebe wie Friedhelm Ost. Er hätte sich seine Kontakte bezahlen lassen können oder seine Reden. Koch kann reden wie sein Freund Peer Steinbrück. Man kann eine Menge Geld verdienen mit Reden. Aber Koch wollte mehr. Er wollte einer sein, der sich ans Ruder stellt. Walter hat ihm diese Chance geboten. Wie gesagt, Roland Koch wollte es richtig gut machen.

          Roland Koch wollte es richtig gut machen

          Deshalb hat er sich vorbereitet. Akribisch Akten gelesen, Powerpoints studiert, alles in Windeseile verarbeitet. Koch ist ein blendender Analytiker. Und er hat Hände geschüttelt, sich vorgestellt, damit das Zerrbild aus Wiesbaden nicht weitergetragen wird. In den ersten Tagen hörte man nur Lob aus Mannheim. Um zu verstehen, was dann passierte, muss man etwas über Bilfinger wissen. Bilfinger war einer der größten Baukonzerne Deutschlands. Aber die Börse mag deutsche Baukonzerne mit ihren mageren Inlandsrenditen und riskanten Auslandsprojekten nicht.

          Kochs Vorgänger Herbert Bodner hat deshalb das Baugeschäft zur Disposition gestellt und sich stattdessen auf Dienstleistungen für Industrieunternehmen, Kraftwerke und Immobilien konzentriert. Er verkaufte einen Großteil der Bausparte und übernahm stattdessen in schneller Folge eine Unzahl kleinerer Firmen. Diese „Story“ verkaufte sich an der Börse glänzend, doch der Hype war schon vorbei, als Koch antrat. Nun ging es darum, diese Villa Kunterbunt zu ordnen, Klein-Klein statt großer Wurf.

          Was konnte Koch tun? Er entschied sich dafür, die von der Börse honorierte Strategie fortzusetzen, weiter zuzukaufen und den restlichen Fahrtwind zu nutzen. Zugleich tat er das, was Anfänger immer tun, wenn sie unsicher sind: Er holte Rat von außen. So präsentierte er bald einen von Unternehmensberatungen teuer ausgeklügelten Plan, wie aus dem zusammengekauften Sammelsurium ein stramm geführter Konzern werden könnte. Irgendwann dazwischen muss es passiert sein: Roland Koch hat den Faden verloren. Dass gleich zwei Vorstände, die sich nicht mit dem neuen Weg einverstanden erklärten, gehen mussten, konnte man noch als Stärke interpretieren – da geht eben einer seinen Weg. Aber es war keine Stärke, es war Schwäche.

          Auch Aufsichtsratschef Walter, das zeigte sein Auftritt am Dienstag, war hoffnungslos überfordert. Koch hat Hunderte Projekte angestoßen, ehemals stolze selbständige Konzerntöchter in Unruhe versetzt und dabei den Zugriff verloren. Jede Unternehmenseinheit sollte nun für die andere mitverkaufen, aber wo es keine Synergien gibt, kann man auch keine heben. Von einem auf den anderen Tag wurde alles auf den Kopf gestellt, Leitungsebenen gestrichen, IT-Projekte angestoßen. In vielen Städten sollen Einheiten zusammengelegt werden, nur wohin, das wusste keiner. So einsichtig der Reißbrettplan war, so schlecht wurde er verwirklicht.

          Im „People Business“ Dienstleistungen ist Verunsicherung der Mitarbeiter tödlich. Ausgerechnet jetzt lahmte das wichtige Kraftwerksgeschäft, weil sich Versorgungsunternehmen seit der Energiewende mit Investitionen zurückhalten. Hinzu kamen Verluste in Indien, Abschreibungen in Südamerika, der Aktienkurs fiel, der Finanzinvestor wurde nervös, Koch hatte die Sache nicht mehr im Griff. Am Ende haben ihm, der es diesmal doch allen recht machen wollte, Gewerkschaften und Investoren gleichermaßen die Gefolgschaft aufgekündigt. Das Lavieren des Aufsichtsratschefs am Dienstag war abschließendes Zeugnis eines großen Realitätsverlustes: Roland Koch hat alles richtig gemacht. Deshalb muss er gehen.

          Die Häme kam schnell. „Bitte zündet alle eine Kerze der Hoffnung an, damit er nicht mehr in die Politik zurückkehrt“, schrieb jemand im Internet. Doch Mitleid ist nicht angebracht, Koch hat sich das ausgesucht. Was sein Scheitern für die Durchlässigkeit von Politik und Wirtschaft bedeutet? Hoffentlich nichts. Denn nicht der Politiker Roland Koch ist gescheitert. Roland Koch ist gescheitert.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Folgen:

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.