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Rohstoffe : Schatz im Meer

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Nicht nur ein PR-Gag: Russische Fahne auf dem Meeresboden am Nordpol Bild: dpa

Auf der Jagd nach Ressourcen rückt die Tiefsee zunehmend ins Visier von Staaten und Unternehmen. Fachleute fürchten beim Abbau irreparable Schäden, zudem könnten Lärm und Vibrationen die Tiere stören.

          Anfang der neunziger Jahre machte ein CDU-Politiker den kuriosen und wohl nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, die Baleareninsel Mallorca als 17. Bundesland zu kaufen. Zwei Jahrzehnte später kam es sogar fast noch besser: Deutschland ist stolzer Besitzer eines in der Nähe von Hawaii gelegenen Gebiets im Pazifischen Ozean, das so groß wie Bayern ist – allerdings in 4.000 Meter Tiefe am Meeresgrund liegt. Der Boden ist hier flach wie das Alpenvorland, eine dunkle, schlammige Ebene. Ein paar Schiffsstunden nordwestlich liegt Belgien, in direkter Nachbarschaft zu Südkorea. Noch etwas weiter folgen Frankreich und Russland – eine Kartographie wie aus der Kolonialzeit.

          Auf der Jagd nach Ressourcen machen die größtenteils unerforschten Bodenschätze der Tiefsee das Meer zum größten Konfliktschauplatz der Zukunft – es geht um die letzten unverteilten Räume des Planeten Erde. 17 Staaten haben inzwischen Anspruchsgebiete, sogenannte Claims, am Grunde des Pazifiks abgesteckt. Auf einer Fläche von der Größe Europas ist der Meeresboden mit Manganknollen übersät, dunklen metallreichen Mineralienklumpen. Clarion-Clipperton-Zone (kurz CCZ) heißt das Meeresgebiet zwischen Mexiko und Hawaii, in dem die Manganknollen mancherorts so dicht liegen wie die Pflastersteine einer alten Dorfstraße. Geologen schätzen die Vorräte allein in der CCZ auf 21 Milliarden Tonnen.

          „Rohstoffe im Meer haben großes Potential“

          Manganknollen enthalten Nickel, Kupfer oder Kobalt. Allesamt gefragte Rohstoffe für Smartphones, Elektroautos oder Windkraftanlagen. „Rohstoffe im Meer haben großes Potential“, sagt Martin Visbeck, Professor für physikalische Ozeanographie in Kiel, am Satellitentelefon, weil er sich gerade auf einer Forschungsreise auf den Kapverdischen Inseln befindet. International gibt es zwar bisher noch keinen kommerziellen Tiefseebergbau von Metallen. Allerdings stehen schon einige Staaten wie Deutschland und private Unternehmen in den Startlöchern.

          „Rohstoffe sind von großer Bedeutung für industrielle Produktionsprozesse, neue Technologien und Hightech-Produkte und damit für Wachstum und Beschäftigung in von Rohstoffimporten stark abhängigen Ländern wie Deutschland“, heißt es in einem Strategiepapier des Bundeswirtschaftsministeriums, das dieser Zeitung vorliegt.

          Das Problem an dem rasant gestiegenen Interesse: Schnell nachwachsende Ressourcen wie Fisch, Muscheln und Algen lassen sich prinzipiell nachhaltig nutzen, wenn man den Lebensraum sichert und die Ernte so reguliert, dass genug im Meer bleibt und damit der Nachwuchs gesichert ist. Mineralische Ressourcen aber entstehen in Millionen von Jahren. Die Manganknollen wachsen in einer Million Jahre wenige Millimeter. Es existiert nur eine endliche Menge dieser Ressourcen. Diese liegen oft Hunderte von Metern unter dem Meeresboden und sind nur mit komplexer Technologie zu fördern.

          Schnecken und Seegurken würden sterben

          Jedoch sind bisher nicht einmal 10 Prozent des Meeresgrundes ordentlich kartiert. Viele Regionen der Tiefsee sind also im wörtlichen Sinn „terra incognita“. Wie soll man von einem System, das man zu wenig kennt, die Folgen industrieller Belastung prognostizieren? Ein Abbau sei immer mit Risiken und Umweltbelastungen verbunden, sagt der Forscher Martin Visbeck. So sind sich die Wissenschaftler des Berichts „World Ocean Review III – Rohstoffe aus dem Meer“ einig, „dass der Abbau von Manganknollen einen erheblichen Eingriff in den Lebensraum Meer darstellt“. Der Lärm und die Vibrationen, die bei Abbau, Herauspumpen und Reinigen der Knollen entstehen, könnten Delfine und Wale stören.

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