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Atomkraft in Frankreich : Wo Habeck recht hat – und wo nicht

Dampf steigt aus den Kühltürmen des Kernkraftwerks hinter den Häusern in Dampierre-en-Burly auf. Bild: Reuters

Ein plötzlicher Mangel französischen Atomstroms? Habeck liegt daneben mit der Aussage, dass sich die Lage am französischen Strommarkt „in den letzten Wochen immer weiter nach unten entwickelt“ habe. Ein Fakten-Check.

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          Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat die Laufzeitverlängerung von zwei deutschen Kernkraftwerken explizit mit der Versorgungssituation in Frankreich erklärt. „Mehr als die Hälfte der dortigen Atomkraftwerke ist nicht am Netz, es fehlen daher Strommengen, die Deutschland zum Teil mit Strom aus Gaskraftwerken ausgleicht“, sagte er am Dienstagabend.

          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Diese Aussage ist nicht ganz, aber im Großen und Ganzen korrekt. Tatsächlich produzierten von den 56 französischen Atomreaktoren am Dienstag 27 keinen und eines mit verminderter Leistung Strom. Die Hauptgründe sind routinemäßige, durch die Corona-Pandemie jedoch teils verzögerte Wartungsarbeiten sowie an zwölf Anlagen Reparatur- und Kontrollarbeiten wegen Korrosion oder des Verdachts auf Korrosion. Letzteres meint kleine Risse an Rohrleitungen des Sicherheitseinspritzsystems, die im Rahmen einer Zehnjahresprüfung festgestellt worden waren.

          Hitze-, Dürre- und Kühlungsprobleme

          Dennoch überraschen Habecks Aussagen. So erklärte er mit Verweis auf den Stresstest des französischen Übertragungsnetzbetreibers, dass sich die Daten im Nachbarland „in den letzten Wochen immer weiter nach unten entwickelt“ haben. Das ist nur zum Teil richtig. Erstens hat sich das hitze- und dürrebedingte Kühlungsproblem einiger französischer Kernkraftwerke als dritte Schwierigkeit neben den Wartungs- und Reparaturarbeiten seit Ende des Sommers gelegt.

          Zweitens wurde die Analyse des französischen Netzbetreibers RTE schon am 14. September, also vor fast zwei Wochen, veröffentlicht und sie hat die Befürchtungen vieler Beobachter eher etwas besänftigt als noch weiter verschlimmert. „In keinem Fall besteht in Frankreich die Gefahr eines ‚Blackouts‘, das heißt eines vollständigen Kontrollverlusts über das Stromsystem“, schrieb RTE in dieser Analyse und prognostizierte, dass Stromabschaltungen im Winter durch eine Verbrauchsminderung um 1 bis 5 Prozent im zentralen und bis zu 15 Prozent im ex­tremsten Szenario vermieden werden könnten. Extreme Situationen, in denen sich alle ungünstigen Zufälle wie extreme Kälte kumulieren würden, sind demnach „nicht die wahrscheinlichsten“.

          „Die Arbeiten kommen gut voran“

          Drittens hat die französische Regierung Anfang September auf einen Fahrplan des Betreibers der französischen Kernkraftwerke Électricité de France (EDF) verwiesen, der den Wiederbetrieb jener Reaktoren vorsieht, die wegen Wartungs- und Korrosionsarbeiten derzeit abgeschaltet sind. Bis Weihnachten sollen die allermeisten demnach wieder ans Netz gehen, drei weitere im Januar und die verbleibenden zwei bis zum 18. Februar.

          Zwar hat Habeck recht, dass sich die Angaben von EDF „in der Vergangenheit häufig als zu positiv herausgestellt haben“. Das war in den vergangenen Monaten regelmäßig so und gilt auch für den jüngst erwähnten Zeitplan für den Hochlauf der derzeit abgeschalteten Reaktoren. So sollte die Anlage Bugey 2 an der Rhone eigentlich schon am 21. September ans Netz gegangen sein, EDF spricht mittlerweile aber vom 3. Oktober. Auch Gravelines 3 am Ärmelkanal sollte eigentlich schon diese Woche Donnerstag statt erst am 14. Oktober wieder Strom produzieren.

          Marktteilnehmer waren zuletzt dennoch nicht mehr ganz so pessimistisch gestimmt. Kostete die Megawattstunde Ende August auf dem französischen Markt für kurzfristige Lieferungen noch mehr als 1100 Euro, notiert sie seit Anfang September bei knapp 600 Euro. „Die Arbeiten am Kernkraftwerkspark im Zusammenhang mit den Korrosionsproblemen kommen gut voran“, beteuerte auch der scheidende EDF-Chef Jean-Bernard Lévy Mitte September in einer Senatsanhörung und verwies exemplarisch auf den Reaktorblock Tricastin 3 an der Rhone. Dort seien die Arbeiten beendet und Stand jetzt soll die Anlage wie geplant am 24. Oktober wieder ans Netz gehen.

          Kurzum: Der Zustand der französischen Kernkraftwerke beunruhigt, die Atomstromproduktion dürfte dieses Jahr auf ein 30-Jahres-Tief fallen, und der Import aus Deutschland lag in den vorigen Monaten viel höher als in den Vorjahren. Dass sich die Daten „in den letzten Wochen immer weiter nach unten entwickelt“ haben sollen, verwundert aber.

          Das Bundeswirtschaftsministerium wollte Habecks Aussagen am Mittwoch nicht kommentieren. Nach Informationen der F.A.Z. hat es in den vergangenen Wochen mehrere Briefwechsel zwischen Berlin und Paris gegeben. Demnach schrieb die französische Energieministerin Agnès Pannier-Runacher am 19. August an Habeck, dass im Januar 2023 mindestens 50 Gigawatt an Kapazität aus den französischen Kernkraftwerken zur Verfügung stehen. Dieser Wert ist dann in Habecks am 5. September vorgestellten Stresstest eingeflossen, der ergab, dass die Kernkraftwerke Neckarwestheim und Isar 2 nur als „Einsatzreserve“ am Netz bleiben sollten.

          Was die Bewertungsgrundlage aus Berliner Sicht dann neben den wackeligen EDF-Prognosen geändert hätte, wäre der Umstand, dass der am 14. September veröffentlichte RTE-Bericht im Kernszenario für Januar 2023 statt jener 50 nur noch rund 45 Gigawatt an Kapazität aus den französischen Kernkraftwerken vorsieht – eine Zahl, die Pannier-Runacher in einem Schreiben am 21. September sowohl als Prognose des französischen Netzbetreibers, der Energie-Regulierungsbehörde, der Atomaufsicht als auch der Regierung bestätigte.

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