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Tierfreund Richard David Precht, 53, vor dem Aquarium in seiner Wohnung in Düsseldorf Bild: Stefan Finger

Reich durch Philosophie : Die Precht-AG

Richard David Precht ist der Popstar unter den deutschen Philosophen. Mit einfachen Weisheiten ist er zum Millionär geworden.

          7 Min.

          Der Philosoph hat Rückenschmerzen, sie plagen ihn seit Monaten. Den letzten Vortrag, den Richard David Precht in diesem Jahr halten wollte, musste er deswegen sogar absagen. Es wäre ein Heimspiel für ihn gewesen. Das Schauspielhaus in Düsseldorf, Prechts Wahlheimat seit ein paar Jahren, war ausverkauft, fast 1000 Leute wollten am dritten Adventssonntag vor dem Mittagessen hören, was er über „Die Zukunft der Gesellschaft“ zu sagen hat.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das verrät wenig über Düsseldorf und das allgemeine Interesse am Zustand unserer Gesellschaft, aber viel über den Status von Richard David Precht. Er könnte auch eine Matinee über die Schönheit der Aale, einen Workshop über Primzahlen oder ein Wochenendseminar über die Klassiker der albanischen Literaturgeschichte halten – der Saal wäre voll, in Düsseldorf genauso wie in München oder Wolfenbüttel. Precht ist überall ein Star, das Thema ist egal. Er schreibt Bücher über edle Tiere und tote Philosophen, über die Liebe („Ein unordentliches Gefühl“) und über die Schule. Er steht auf der Bühne, er diskutiert im Radio, er sitzt im Fernsehstudio. Er hält Vorträge über Roboter im Krankenhaus, über das bedingungslose Grundeinkommen oder über den richtigen Umgang mit der Zeit. Und alle hören zu.

          Von der Straße an die Spitze

          Kein Philosoph, der in seinem Fach etwas gelten möchte, würde sich auch nur auf einen Bruchteil der Themen einlassen: Viel zu beliebig, viel zu oberflächlich wäre das, gemessen an den Kriterien der Experten. Mit der Folge, dass keiner von ihnen in Deutschland auch nur annähernd so populär ist wie Richard David Precht, der als Wissenschaftler keinen Blumentopf zu gewinnen hat. Gut, er hat sein Studium damals in den Neunzigern mit einer Promotion und Bestnote abgeschlossen, aber das haben viele. Und, ja, er unterrichtet mittlerweile an zwei Hochschulen als Honorarprofessor, aber das kam erst mit und dank dem Ruhm, den er sich zuvor schon als der Doktor Allwissend der Republik erworben hatte.

          Dieser Doktor Allwissend aus Grimms Märchen ist in Wahrheit ein betrügerischer Bauer, der sich aus Geldgier als Akademiker ausgibt, dann aber mit einem Zufallstreffer einen Kriminalfall löst und fortan in höchsten Ehren gehalten wird. Als Gleichnis auf Richard David Prechts erstaunliche Karriere taugt die Geschichte nicht, sein Doktortitel ist echt – aber es gibt doch eine Parallele. Auch Prechts Leben hat ein glücklicher Zufall die entscheidende Wende gegeben. Das war vor ziemlich genau zehn Jahren, als die Literaturkritikerin Elke Heidenreich im Fernsehen sein vorher nicht weiter aufgefallenes Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ in den höchsten Tönen lobte. Danach gingen die Verkaufszahlen durch die Decke. Und Richard David Precht, der nach dem Studium erst einmal ohne Aussicht auf nennenswerten beruflichen Erfolg auf der Straße stand, ein Jahr von Arbeitslosengeld lebte und sich danach als Journalist durchschlug, wurde über Nacht zu dem Mann, von dem die Deutschen die richtigen Antworten auf alle ihre Fragen erwarten. So allgegenwärtig, dass es kaum zu glauben ist, dass das wirklich erst seit zehn Jahren so sein soll.

          Zum verabredeten Treffpunkt in einem Düsseldorfer Restaurant kommt Precht trotz der Rückenschmerzen. Er entschuldigt sich höflich für seine Verspätung und bestellt Bratkartoffeln mit Spiegelei, ausdrücklich ohne Salat. Echte Intellektuellenspeise.

          Schöner Rebell

          Im Nachhinein lässt sich leicht erkennen, was für Prechts steilen Aufstieg alles zusammenkommen musste. Es verhält sich damit so ähnlich wie mit dem iPhone von Apple, das auch erst vor zehn Jahren auf den Markt kam, heute vielen aber schon wie ein Teil der öffentlichen Grundversorgung vorkommt. Hinter dem Gerät steckt keine brillante Erfindung, die Grundlagen hatten andere schon entwickelt. Aber ein derart nutzerfreundliches Design hatte außer Apple keiner im Angebot. Die Kundschaft war reif dafür – und hatte genug Kleingeld in der Tasche für ein neues Statussymbol.

          Bei Precht: Er verbreitet nichts, was andere nicht schon vor ihm gedacht und aufgeschrieben hätten. Aber keiner drückt es so verständlich aus, weiß so geschmeidig davon zu erzählen. Und die Kundschaft ist reif dafür. Das ökologisch grundierte, solide finanzierte Bildungsbürgertum braucht Ersatz für ideologische Positionen aus der Vergangenheit, die nicht mehr zum eigenen Lebenszuschnitt passen. Die Sinnsuche insgesamt liegt im Trend, sogar die Studentenzahlen im Fach Philosophie steigen seit dem Jahr 2007.

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          Heute gibt es auch das „Philosophie Magazin“ und das Kölner Philosophie-Festival, aber anfangs füllte nur Richard David Precht diese Marktlücke. Und zwar so perfekt, als ob der Bertelsmann-Konzern ihn aus dem Marketingbaukasten eigens dafür zusammengesetzt hätte. Das fängt mit den Inhalten an, der Kritik am Kapitalismus etwa, die für jeden Smalltalk taugt, aber keine allzu unangenehmen persönlichen Konsequenzen verlangt. Man schimpft auf die Manager, die von München nach Berlin fliegen und damit die Luft verpesten, düst aber selbst guten Gewissens für ein langes Wochenende mit Galeriebesuch nach Florenz, weil man da ja ohne Flugzeug angeblich nicht hinkommt. Aber wer das Erfolgsmodell Precht verstehen will, muss natürlich auch auf das Äußerliche achten. Er ist groß und schlank, mit blitzenden blauen Augen und schulterlangem Haar, mit Lederstiefeln, Jeans und aufgeknöpftem Hemdkragen. Ein bisschen rebellisch, aber dabei schön anzusehen: Mit dieser Mischung wurde Jon Bon Jovi in den Neunzigern zum Weltstar. Wer dachte, was in der Popmusik funktioniert, das würde in der Philosophie nicht aufgehen, weil es da um weltfremde Denker in staubigen Studierzimmern geht, den hat das Phänomen Precht eines Besseren belehrt.

          Millionär durch Bücherverkäufe und Vorträge

          Das Verrückte ist, dass Richard David Precht schon so aussah wie heute, als noch kein Hahn nach ihm krähte. („Und wenn meine Lebensgefährtin mich darum bittet, schneide ich mir morgen die Haare ab“, behauptet er. „Wer überall eine Marketingstrategie wittert, der lebt in einer traurigen Welt.“) Dass er selbst zwar als Denker ernst genommen werden will, der üblichen Kritik an mangelnder philosophischer Tiefe oder Schärfe aber großzügig entgegenkommt. („Für das, was ich mache, gibt es keinen Nobelpreis.“) Dass er, klugerweise, nicht etwa die eigene Brillanz, sondern den glücklichen Zufall als wichtigste Voraussetzung für seinen Erfolg bezeichnet. („Ungefähr alle zwei Jahre treffe ich Elke Heidenreich irgendwo bei einer Veranstaltung. Dann vergesse ich nie, mich bei ihr zu bedanken.“) Und dass er kein Hehl daraus macht, wie intensiv er seinen Markt seit diesem Glücksfall beackert.

          Denn darin besteht in Prechts Fall die eigentliche Leistung: Er hat sich nicht damit begnügt, ein einziges Mal ganz oben auf der Bestseller-Liste zu stehen. Precht hat vielmehr ein ausgefeiltes Geschäftsmodell daraus gemacht, ein florierendes Kleinunternehmen. Zwar wehrt er sich dagegen, als Marke oder Firma beschrieben zu werden. („Ich habe keine Angestellten und auch keinen Aufsichtsrat.“) Aber dass ihn das öffentliche Philosophieren reich gemacht hat, bestreitet er nicht. Er hat nach diesen zehn fulminanten Jahren ausgesorgt, das sagt er selbst. Schon die konservativste Rechnung führt dazu, dass er allein mit seinen Büchern Millionär geworden ist: Der zu Bertelsmann gehörende Goldmann-Verlag, in dem Prechts Bücher erscheinen, spricht von 3,2 Millionen verkauften Exemplaren für die zwölf lieferbaren Titel. Das macht bei einem angenommenen durchschnittlichen Ladenpreis von 20 Euro mehr als 60 Millionen Euro Umsatz. Im Buchgeschäft bekommen Neulinge 10 Prozent davon; Granaten wie Precht werden besser bezahlt.

          Die Bücher sind aber längst nicht das einzige Geschäftsfeld. Dazu kommt erstens das Fernsehen, sechsmal im Jahr läuft im ZDF im Spätprogramm die Talkshow „Precht“. Zweitens sind die Honorarprofessuren zu nennen, die zwar nicht bezahlt werden, aber das Prestige und den Austausch mit dem jungen Publikum fördern. Und drittens, nach Prechts eigener Einschätzung am wichtigsten, die vielen Vorträge. Öffentlich sind davon die wenigsten, die meisten hält er auf Einladung von Firmen, Verbänden, Organisationen. Es waren schon mal an die hundert im Jahr, inzwischen sind es nicht mehr ganz so viele. Aber in der Bundesliga der Welt-Erklärer, die fünfstellige Beträge für eine Stunde auf dem Podium verlangen können, spielt Precht immer noch weit oben mit, auf Augenhöhe mit dem SPD-Rebellen Peer Steinbrück und dem ewigen Bergsteiger Reinhold Messner.

          „Es gibt keine Alternative zum Optimismus“

          Werbeverträge, das wäre natürlich auch eine lukrative Angelegenheit für einen Sympathieträger wie Precht. („Neunzig Prozent im Publikum finden mich gut“, sagt er selbst. „Der Rest sind mitgebrachte Ehemänner.“) Es habe genug Anfragen gegeben, nicht nur von Shampoo-Herstellern. Aber darauf lasse er sich nicht ein, er wolle unabhängig bleiben. Wenn es um bezahlte einmalige Auftritte geht, ist Precht bei der Auswahl seiner Auftraggeber hingegen nicht zimperlich. Wer ihn deshalb als prinzipienlos beschimpfen will, den lässt er elegant ins Leere laufen: Ist es nicht eine Tugend, fast schon eine demokratische Pflicht, auch mit denen das Gespräch zu suchen, deren Überzeugungen man ablehnt? Precht hat schon vor der Fleischindustrie-Lobby über das Elend der Massentierhaltung gesprochen und das Honorar nachher gespendet. „Ich würde auch zu Pegida oder zur AfD gehen und dort einen Vortrag halten“, sagt er. Vorausgesetzt, man lasse ihn ausreden.

          Warum so viele, die mit Philosophie im strengen Sinn nichts am Hut haben, Precht für so viel Geld als Redner buchen, lässt sich leicht erklären. Er ist eloquent, spricht frei – egal zu welchem Thema. Er belegt seine Thesen aus dem Stand mit Verweisen zu den Klassikern der Philosophiegeschichte – von den alten Griechen bis zu Adam Smith und Karl Marx. Er prangert Missstände an, auf die sich fast alle schnell verständigen können: So geht es nicht weiter mit der Umweltverschmutzung, der Bildungsmisere und der Vermögensverteilung! Und dann kommt sein bester Trick: Er ruft nicht etwa mit geballter Faust zur Revolution auf, mahnt nicht zu Verzicht und Askese, prophezeit auch nicht plump den Weltuntergang, sondern bekommt die Kurve zum Positiven hin, macht Lösungsvorschläge. Schließlich will er ja auch „Gesellschaftsscout“ sein: Einer, der den anderen den Weg aus dem Schlamassel weist. Das ist tröstlich. Und ein bisschen weise. „Es gibt keine Alternative zum Optimismus“, sagt er dazu. „Pessimismus ist Lebensfeigheit.“

          Jeden Tag fünf Seiten

          Zehn Jahre von Vortrag zu Vortrag, von Festakt zu Festakt, von Empfang zu Empfang: Das geht auf den Rücken. Aber es funktioniert, wenn Richard David Precht davon erzählt, auch wie ein Perpetuum mobile der Ideen. Vor oder nach ihm seien meistens auch noch andere Redner eingeladen, Politiker, Wissenschaftler oder Unternehmer, die über ihr jeweiliges Spezialgebiet sprechen. Denen höre er zu, und meistens bleibe er lange genug, um ihnen nachher bei einem Glas Wein auch noch das zu entlocken, was sie sich in der Öffentlichkeit nicht zu sagen trauten. Daher sein schier unendliches eigenes Themenspektrum, er schöpfe dafür einfach aus all den Powerpoint-Präsentationen, die er gesehen habe, und setze sie im Kopf neu zusammen.

          Daher auch sein Gespür dafür, welche Fragen gerade in der Luft liegen, welches Buch gerade dran ist. Versteht sich, dass er das nächste schon in Arbeit hat. Um die Digitalisierung und ihre Folgen wird es darin gehen, um die nach seiner Ansicht drohende Massenarbeitslosigkeit und die bevorstehende Herrschaft der Silicon-Valley-Konzerne. Damit das Buch im Frühjahr fertig ist, gilt es nun jeden Tag fünf Seiten zu schreiben: Eine Schicht zu Hause am Schreibtisch am Morgen, eine Siesta nach dem Mittagessen, dann weiterschreiben bis zum Abend, so monoton verbringe er zurzeit seine Tage, sagt Precht. „Man muss jetzt die Weichen stellen, dass die Digitalisierung nicht die Hölle wird.“

          Klar, dazu haben andere auch schon viel gesagt. Sie haben davon vermutlich auch mehr Ahnung. Aber Richard David Prechts Buch wird sich besser verkaufen.

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