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Rezension : Digitale Verheißungen - und eine Prise Schattenseite

  • -Aktualisiert am

Bild: Goldmann Verlag

In seinen Buch „Total Digital“ hält Nicholas Negroponte nicht mit Visionen über das Leben im digitalen 21. Jahrhundert zurück.

          2 Min.

          Wenn Sie am ersten Tag des Jahres für einen Pfennig arbeiten und jeden weiteren den doppelten Lohn bekommen, werden Sie Millionen machen in der letzten Woche. Im Bereich der Computer und digitalen Kommunikation sollen wir uns in dieser letzten Woche befinden.

          Der Anfang des Buches verrät dem Leser gleich zweierlei über dessen Autor: dessen Liebe zur plastischen Erklärung und den kühnen Optimismus. „Zu Beginn des nächsten Jahrtausends werden unsere linken und rechten Armbänder oder Ohrringe auf dem Umweg über erdnahe Satelliten miteinander kommunizieren und dabei mehr Rechenpotenzial besitzen als unsere heutigen PCs“ - so entwirft der gelernte Architekt schon eingangs das Zukunftsgebäude. Der Toaster wird mit anderen Geräten im Haushalt kommunizieren können und „Ihrem Morgentoast den Börsenschlusswert Ihrer Lieblingsakten einbrennen“ - so auf den letzten Seiten. Kein Zweifel, dass die Lektüre dieses Buches unterhaltsam ist.

          Was man wissen muss

          Der in über 40 Sprachen übersetzte Band hält natürlich nicht nur schöne Visionen parat. Es werden allerlei umlaufende Begriffe erklärt (Modem, Dekoderbox, Aliasing, asynchroner Transfermodus) und Sachverhalte erörtert, die nicht jedem ohne Informatikstudium geläufig sein dürften. So etwa der Umstand, dass die Bandbreite der Erde viel größer ist als die des Äthers, weswegen die meisten Informationen per Glasfaserkabel übermittelt werden sollten und nicht drahtlos per Luftwellen.

          Oder die Tatsache, dass die Welt der Bits auf Betrug beruht. Denn die digitale Informationsübermittlung besteht im punktuellen Abtasten des Informationsträgers; bei der entsprechenden Punktdichte (bei einem Musikstück 44.100 in Zahlen bzw. Bits umgewandelte Tonimpulse pro Sekunde) nimmt man die Zwischenräume aber nicht mehr wahr, sondern hört einen durchgängigen Ton oder sieht eine Linie, wo doch nur einen Ansammlung von Punkten vorliegt. Was einmal durch das digitale Nadelöhr ging, kann freilich auch problemlos mit anderen Bits verbunden werden, woraus dann Multimedia entsteht: gemischte Bits, wie Negroponte diesen so ambivalenten Modebegriff salopp defininert.

          Was Dateien über sich preisgeben

          Wichtig in der Welt der Bits sind die Bits über Bits. Also die Datenköpfe, die den Informationen beigegeben werden und über diese informieren. Diese unsichtbaren Bits sorgen im Hintergrund dafür, dass man auf der CD leicht den Anfang des nächsten Titels findet, dass man sich nur die Fernsehsendungen und Zeitungsnachrichten anzeigen lassen kann, die über Amerika oder Football berichten usw. Man kennt dieses Verfahren im Grunde schon von DOC- und HTML-Dateien, denen man unter „Properties“ oder im „Head“ Stichworte beigibt, die als Aushängeschilder der Dateien fungieren und dem Suchprogramm deren Inhalt verraten. Diese beiden Phänomene - gemischte Bits und Bits über Bits - werden, so Negroponte, die Medienlandschaft grundlegend verändern.

          Die Themen, die Negroponte behandelt, reichen von der Zukunft des Fernsehens (Fernsehen als Mautstation und als Computer) über die Umgestaltung des Interfaces (Tastbildschirm, Spracherkennung, Digitaler Butler) hin zum Digitalen Leben (Zeit- und Raumenthobenheit, individuelle Zeitung, Lerneffekt elektronischer Spiele). Und immer unterhaltsam und immer voller Euphorie. Nur im Epilog wird, Alibi oder Zeichen einer schwachen Minute, auf die Schattenseiten der prognostizierten Entwicklung verwiesen: Digitalvandalismus, Softwarepiraterie, Datendiebstahl und Arbeitsplatzverlust zugunsten vollautomatisierte Systeme.

          Warum Negroponte kein Skeptiker ist

          Die Macht der Medienkonzerne problematisiert der Berater großer Medienkonzerne allerdings ebensowenig wie die Aussicht des digitalen TV („Bei einem Fernsehgerät der Zukunft werden Sie zwischen Sex, Gewalt und verschiedenen politischen Tendenzen hin und her schalten können“). Aber diese kritische Distanz kann man vom Leiter des MIT Zukunftsinstituts Media Lab und visionären Starkoch des poppigen „Wired“-Magazins wohl auch nicht erwarten. Negroponte betrachtet die Zukunft nur als aufregendes Material für Pioniere, für die Rolle des Skeptikers kam er einfach zu früh.

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