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Rettung der Champs-Elysées : Schreckensvorbild Oxford Street

Für die Franzosen „die schönste Straße der Welt”: Die Champs-Elysée in Paris Bild: dpa

Nach Zara, Gap und Esprit zieht auch H&M an die Champs-Elysées. Dolce & Gabbana sowie Abercrombie & Fitch wurden zurückgewiesen. Dabei geht es nicht darum, wie hochwertig die Marke ist. Die Stadt beklagt den Verlust von Vielfalt an der berühmtesten Avenue Frankreichs.

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          Für die Franzosen ist sie schlicht und einfach „die schönste Straße der Welt“. Der Rest der Menschheit zieht für diesen Titel vielleicht noch andere Prachtmeilen in Betracht, doch ist nicht zu leugnen, dass die Champs-Elysées einer der größten Anziehungspunkte der französischen Hauptstadt sind. 80 bis 100 Millionen Menschen wandeln dort im Jahr entlang, nur der Eiffelturm kommt auf mehr Besucher. Einst beauftragte Ludwig der XIV. seinen Architekten Le Notre mit dem Ausbau der Avenue, um den Blick von den Gärten der Tuilerien zu verschönern.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Heute sind die „Elysischen Felder“, deren Name nach der griechischen Mythologie auf einen Ort für auserwählte Helden zurückgeht, vor allem ein Marktplatz - 1910 Meter lang und 70 Meter breit. Diese Felder sind bedroht, finden etliche Pariser. Denn die Mischung der angesiedelten Geschäfte sei aus dem Gleichgewicht geraten: Zu viele Handelsketten, zu viele multinationale Bekleidungshäuser, zu wenige Kinos und kleine Geschäfte, lautet der Vorwurf.

          Der Banalisierung entgehen

          In dieser Woche bestätigte ein Urteil des obersten Gerichts, des Conseil d'Etat, diese Befürchtungen. Danach erhält die Bekleidungskette H&M das Recht, an den Champs-Elysées ein 2820 Quadratmeter großes Geschäft zu eröffnen. Mehr als zwei Jahre tobte ein Behördenstreit, in dem die Zulassungsstelle des Departement erst „nein“ sagte - „wegen der drohenden Banalisierung“, eine nationale Behörde dann aber doch grünes Licht gab. Die Stadt zog gegen die Entscheidung vor Gericht und unterlag. „Ein Ungleichgewicht“ sei nicht zu erwarten, urteilte der Conseil d'Etat.

          Nun befürchtet die stellvertretende Bürgermeisterin, Lyne Cohen-Solal, dass aus den Champs-Elysées eine Art Oxford Street wie in London werde, die wegen der austauschbaren Handelsketten ihre Seele verloren habe. Der Grund sind die steigenden Mieten, die für die direkt an den Schaufenstern gelegenen Flächen jährlich 10.000 Euro je Quadratmeter erreichen können. Im Durchschnitt beträgt der Quadratmeterpreis 7.364 Euro im Jahr; nur die Fifth Avenue in New York und die Causeway Bay in Hongkong liegen noch etwas darüber. Die Pariser Stadtverwaltung habe nur wenige Mittel, um „die Originalität der Avenue zu erhalten“, meint Cohen-Solal. Theoretisch könne sie war die teuren Mietverträge übernehmen und zu geringer Kosten weitervermieten. Angesichts der hohen Kosten für die öffentliche Hand sei das aber nicht zu vertreten, sagt die Vize-Bürgermeisterin, die zur sozialistischen Partei gehört.

          Vielfalt erwünscht

          Nach dem Willen der Stadtverwaltung und der meisten dort vertretenen Geschäfte sollen die Champs-Elysées eine Vielfalt an Einkaufsmöglichkeiten, aber auch an kulturellem und kulinarischem Genuss bieten. „Wir wollen, dass die Leute zu jeder Tageszeit, am Wochenende und abends kommen. Dafür braucht man eine große Vielfalt der Angebote“, sagt Edouard Lefebvre, Geschäftsführer des Comité des Champs-Elysées, das die existierenden Geschäfte vereint. Sorgen bereit den Verteidigern des Status Quo, dass sich die Zahl der Kinoleinwände an der Prachtmeile in fünfzehn Jahren auf 40 halbiert hat. Das große Filmtheater UGC Triomphe schloss im vergangenen Jahr. Auch die Post ist mit ihrem letzten Büro am Champs-Elysées wegen eines auslaufenden Mietvertrages, dem drastische Preissteigerungen folgen sollen, bedroht - so wie auch McDonald's und die Diskothek „Le Queen“. Alle versuchen, vor Gericht die Mietpreiserhöhungen zu verhindern.

          39 Prozent der Geschäfte sind heute in der Hand von Bekleidungshäusern, darunter Namen wie Gap, Zara, Hugo Boss, Esprit, Benetton und Zelio. Etliche andere stehen in den Startlöchern. Dolce & Gabbana sowie Abercrombie & Fitch wurden von der Stadtverwaltung zurückgewiesen, sind aber ebenfalls in Berufung gegangen. Als problematisch gilt dabei nicht die Frage, ob es sich um eine billige oder eine feine Marke handelt, sondern um die Vielfalt. Die Champs-Elysées wollten nie nur eine reine Edelmeile sein wie die Avenue Montaigne oder George V. Die Luxusmarken Cartier und Louis Vuitton oder das Edelrestaurant Fouquet's sind zwischen dem Obelisken auf dem Place de la Concorde und dem Triumphbogen zwar auch vertreten, doch eben auch McDonald's (an zwei Standorten) sowie die Post oder das Kabarett Lido.

          Die Anziehungskraft ist ungebrochen

          Wer heute auf der bekanntesten Straße Frankreichs entlang wandelt, dem fällt vor allem die Größe der Geschäfte auf. Die Hersteller und Händler wollen eigene Erlebniswelten kreieren, in denen der Kunde sich von der Marke und ihren Attributen vereinnahmen lassen soll. Nespresso bietet einen Kaffeepalast, der das Thema der gerösteten Bohne von mehreren Seiten angeht. Adidas versucht das gleiche mit dem Sport auf nicht weniger als 1.700 Quadratmetern auf zwei Etagen. In einigen Geschäften wie etwa bei Hugo Boss verlieren sich fast die Verkäufer - und nicht selten auch die Kunden - auf den großen Flächen. Man fragt sich, ob auf diese Weise Geld zu verdienen ist.

          Dennoch ist die Anziehungskraft der Champs-Elysées ungebrochen, denn ein Geschäft dort zu haben ist wie ein permanenter Werbespot im Fernsehen, dessen Rendite sich durch konkrete Verkäufe nicht unbedingt messen lässt. Zu den fünf Autohäusern Renault, Peugeot, Citroën und Toyota wird sich demnächst auch Fiat gesellen.

          Doch wie kann die Mischung erhalten werden? Vielleicht könnte die Lockerung der Sonntagsöffnungszeiten der Vielfalt helfen. In Frankreich herrschen sehr unterschiedliche Regelungen von Ort zu Ort. Auf den Champs-Elysées gilt, dass die Geschäfte mit einem kulturellen oder sportlichen Bezug öffnen dürfen. Der Luxuskonzern Louis Vuitton hat daher in der siebten Etage seines Flaggschiff-Geschäftes ein kleines Kunstmuseum errichtet. Der Besucher kann es nur erreichen, wenn er bei den Verkäufern ausdrücklich danach fragt. Die Regierung hat eine Vereinfachung der Regeln versprochen, bisher aber nicht gehandelt.

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