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Plus 12 Prozent bis 2023 : Was die Rentenerhöhung für die Gerechtigkeit zwischen den Generationen bedeutet

Rentner sitzen neben einem Kleinkind auf einer Bank im Park. Bild: AP

Bei sinkenden Löhnen sind Rentner vor Kürzungen geschützt, bei steigenden Löhnen profitieren sie – umso mehr, seit die alte Regierung eine Schutzklausel für Beitragszahler aufgehoben hat.

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          Nach einer Nullrunde für Rentner in diesem Jahr sorgen die Folgewirkungen der Corona-Krise nun für einen sprunghaften Anstieg der gesetzlichen Renten in den kommenden zwei Jahren: Senioren im Westen dürfen auf eine Erhöhung ihrer Bezüge um mehr als 10 Prozent bis Juli 2023 hoffen, den Senioren um Osten winkt gar ein Plus von fast 12 Prozent. Das ergibt sich aus neuen Vorausberechnungen für den jährlichen Rentenversicherungsbericht, dessen Entwurf das Bundesarbeitsministerium nun fertiggestellt und den anderen Ressorts zur regierungsinternen Abstimmung vorgelegt hat.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Hauptgrund für die rekordverdächtigen Erhöhungen, die nun in Aussicht stehen, ist die Erholung des Arbeitsmarkts und der Lohnentwicklung nach dem heftigen Dämpfer durch die Corona-Rezession. Denn die beiden Größen sind zentrale Faktoren für die Berechnung der jährlichen Rentenerhöhungen. In diesem Jahr hätten die Renten dagegen wegen der 2020 rückläufigen Beschäftigtenzahlen und Löhne eigentlich sinken müssen. Eine gesetzliche Sonderregel, die Rentengarantie, verbietet aber Kürzungen und lässt äußerstenfalls Nullrunden zu.

          Konkret gehen die neuen Vorausberechnungen davon aus, dass Senioren im Westen zum 1. Juli 2022 um 5,2 Prozent mehr Rente erhalten, Senioren im Osten sogar 5,95 Prozent. Dies war vor dem Hintergrund des absehbaren Konjunkturverlaufs schon seit längerer Zeit in dieser Größenordnung erwartet worden. Umso verblüffender wirkt aber nun die Vorausschau, die den mehr als 20 Millionen Rentnern für 2023 noch einmal ähnliche Zuwächse in Aussicht stellt.

          2024 könnte es wieder eine Nullrunde geben

          Konkret ergäbe sich damit im Juli 2023 eine weitere Erhöhung um 4,9 Prozent im Westen und 5,7 Prozent im Osten. Allerdings sind alle Angaben noch Prognosewerte. Die statistischen Daten, mit denen die Regierung die tatsächliche Höhe der Rentenanpassungen zum 1. Juli berechnet, liegen immer erst im März vor. Mit den aktuellen Werten sähe es für Senioren mit beispielsweise 1000 Euro Rente so aus: Als Summe beider Jahresstufen winken ihnen im Westen 102 Euro mehr im Monat, im Osten 116 Euro.

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          Neben der tatsächlichen Lohn- und Beschäftigungsentwicklung wirken dabei aber auch technische Sondereffekte, die die Schwankungen nach der Krise verstärken. Sie führen überdies dazu, dass die starken Erhöhungen der kommenden beiden Jahre dann mit der darauffolgenden Rentenrunde wohl teilweise wieder korrigiert werden: Der Entwurf des Ministeriums geht für 2024 sogar von einer neuerlichen Nullrunde im Westen und einem kleinen Plus von 0,7 Prozent im Osten aus – obwohl mit weiter steigenden Löhnen gerechnet wird.

          Das liegt darin, dass die Renten zwar in letzter Konsequenz der Entwicklung der beitragspflichtigen Löhne folgen sollen. Da aber diese spezifischen Daten nur mit noch größerem Zeitverzug verfügbar sind, wird die jährliche Erhöhung immer erst mit aggregierten Lohndaten aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ermittelt – und bei Bedarf im Folgejahr automatisch nachjustiert. Während sich die beiden Datenreihen sonst nur geringfügig unterscheiden, sorgen nun aber Corona-Sondereffekte für stärkere Abweichungen und vergrößern den „Korrekturbedarf“. Vor allem wird in der VGR-Statistik Kurzarbeitergeld nicht als Lohn erfasst, obwohl darauf Rentenbeiträge zu zahlen sind. Im Ergebnis verstärkt dieser Mechanismus die Rentenerhöhung 2023 und gleicht dies dann 2024 automatisch wieder aus.

          Erhöhungen bieten politischen Diskussionsstoff

          Auch ohne diese Rentenmathematik liefern die bevorstehenden starken Erhöhungen politischen Diskussionsstoff – auch für die Koalitionsgespräche von SPD, Grünen und FDP. Denn Arbeitgeber und liberale Ökonomen sehen sich nun in ihrer Kritik an einer umstrittenen Entscheidung der schwarz-roten Koalition bestärkt und fordern, den 2018 abgeschafften „Nachholfaktor“ wieder einzusetzen.

          „Die Renten sollten nicht stärker steigen als die Löhne“, fasste Alexander Gunkel, Vertreter der Arbeitgeberseite an der Spitze der Deutschen Rentenversicherung, diese Sicht am Mittwoch zusammen. Andernfalls werde die langfristig erforderliche Stabilisierung der Rentenfinanzen erschwert.

          Der Nachholfaktor war früher ein Ausgleich für jene Rentengarantie in Krisen: War eine rechnerisch eigentlich nötige Kürzung ausgefallen, wurde diese mit späteren Rentenerhöhungen verrechnet; denn andernfalls würden Rentner gewissermaßen zu Krisenprofiteuren. Sollte die neue Regierung den Nachholfaktor nun doch noch wieder einsetzen, würde sich die Rentenerhöhung für 2022 auf gut 2,5 Prozent halbieren. Schon am Montag hatte der frühere „Wirtschaftsweise“ Lars Feld für diesen Schritt plädiert. Die Gewerkschafterin an der Spitze der Rentenversicherung, Anja Piel, riet indes von kurzfristigen Eingriffen in die Rentenberechnung ab.

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