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Rentensystem : Länger leben, länger arbeiten

Bezahlen muss erst die nächste Generation: Das SPD-Projekt die „Rente mit 63“ ignoriert den demographischen Wandel. Bild: dpa

Die Botschaft ist keine neue: Ein längeres Erwerbsleben ist die Chance auf mehr Wohlstand. Deswegen ist die Rente mit 63 das falsche Signal an die Rentner – sie werden eigentlich noch länger auf dem Arbeitsmarkt gebraucht.

          Joachim Gauck tut es, Franz Müntefering tut es, und selbst Helmut Schmidt tut es noch: Obwohl sie die Schwelle zum Rentenalter längst überschritten haben, arbeiten sie. Kürzlich beklagte der Bundespräsident, die gesetzliche Rente sei viel zu sehr darauf ausgerichtet, ein Ende zu definieren, keinen Übergang. Deutschland solle sich ein Beispiel nehmen an anderen Ländern „mit offeneren Konzepten“.

          Der frühere Bundeskanzler Schmidt, inzwischen 96 Jahre alt, erzählt, dass er immer noch 30 oder 40 Stunden in der Woche arbeite. „Wenn wir den Wohlfahrtsstaat aufrechterhalten wollen, dann müssen wir länger arbeiten. Und in fernerer Zukunft müssen wir auch noch länger arbeiten als bis zum 67. Lebensjahr“, sagt er. In dieselbe Kerbe schlägt der ehemalige Arbeitsminister Müntefering, der 2007 die Rente mit 67 durchsetzte.

          Die Mahnung der Alten ist nicht neu und dennoch aktuell. Vor Jahren schon hat die Politik die Zwänge der alternden Gesellschaft erkannt. Es ist eine Milchmädchenrechnung: Wer lange lebt, muss länger arbeiten – jedenfalls wenn immer weniger Junge ins System einzahlen und die Rente trotzdem finanzierbar bleiben soll. Ein Ausweg wäre, die Rentenbeiträge zu erhöhen oder das Rentenniveau noch weiter zu senken. Das will auch niemand. Die Rente mit 67 ist daher der Ausweis rentenpolitischer Vernunft.

          Mehr Psychologie als Statistik

          Die Deutschen waren gerade im Begriff das zu begreifen, als die große Koalition Mitte vorigen Jahres ungeachtet scharfer Kritik die Rente mit 63 einführte. Danach dürfen besonders langjährig versicherte Arbeitnehmer zwei Jahre vor dem normalen Rentenalter ohne die üblichen Abschläge in Ruhestand gehen. Dies belastet nicht nur die Rentenkasse jährlich mit einem Milliardenbetrag, der den Beitragszahlern langfristig aufgebürdet wird, sondern es entzieht den Unternehmen Fachkräfte und entwertet die Bemühungen um eine bessere Beschäftigung Älterer.

          Der statistische Beleg für diesen Rückschlag flatterte jetzt auf den Tisch: Im zweiten Halbjahr 2014 ging die Zahl der Beschäftigten im Alter von 63 bis 65 Jahren erstmals seit Jahren wieder zurück, um etwa 55.000. Bis März wurden 279.000 Anträge auf Rente mit 63 gestellt. Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren steigt die Zahl der älteren Beschäftigten langsamer als die Beschäftigung insgesamt. Dabei war die Bundesregierung so stolz, dass es bergauf ging.

          Seit 2008 hatte sich die Zahl der Beschäftigten im Alter zwischen 60 und 65 mehr als verdoppelt. Angesichts der jüngsten Zahlen spricht die Regierung von einer „gewissen Delle“. Das ist eine Verharmlosung. Denn die Rente ab 63 untergräbt das Ziel, Ältere möglichst lange im Beruf zu halten – psychologisch noch weit mehr als statistisch.

          Nahles bremst Mentalitätswandel

          Besonders die SPD, auf deren Betreiben die Frührente in den Koalitionsvertrag rutschte, muss argumentative Haken schlagen. Im Wahlprogramm hatte sie noch verkündet, die Rente mit 67 müsse ausgesetzt werden, wenn nicht mindestens 50 Prozent der Menschen im Alter zwischen 60 und 65 Jahren sozialversicherungspflichtige Arbeit hätten. Nun ist immerhin die Erwerbsquote (einschließlich der Beamten und Minijobber) schon bei fast 50 Prozent angelangt, da konterkariert SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles durch die neue Rente mit 63 das Ziel, diese Quote zu stabilisieren.

          Und sie bremst den nötigen Mentalitätswandel, der auch in den Betrieben erst noch geschehen muss. Angesichts der demographischen Entwicklung kann es hier keine Entwarnung geben. Bis 2029 wird die Arbeitszeit im Schnitt um sechs Wochen im Jahr verlängert. Die Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen steigt in derselben Zeit um acht Wochen jährlich. Das ist ein Indiz dafür, dass die Rente mit 67 nicht das Ende aller Rentenreformen ist.

          Für die Politik ist das gefährliches Terrain, denn das Wahlvolk ist empfindlich und tickt nicht wie Gauck und Schmidt. Länger zu arbeiten erscheint nur wenigen erstrebenswert, da können sich Arbeitgeber noch so sehr um altersgerechte Arbeitsplätze, Gesundheitsförderung und Weiterbildung bemühen. Die meisten freuen sich auf die Rente, wollen über ihre Zeit frei disponieren, bevor das Greisenalter beginnt. Das politische Zauberwort heißt daher „Flexibilität“.

          Chance auf Wohlstand im Alter

          Vor fast einem Jahr hat sich eine Koalitions-Arbeitsgruppe die Schaffung „flexibler Übergänge in den Ruhestand“ vorgenommen: Im Kern geht es um Anreize zum längeren Arbeiten und um höhere Zuverdienstgrenzen bei vorzeitigem Rentenbeginn. Doch die Arbeit stockt. Vom großen Wurf haben sich Union und SPD längst verabschiedet, zu unvereinbar sind die Ausgangspositionen. Vor allem der Wirtschaftsflügel der Union dringt nach der „Rente mit 63“ auf Signale für längeres Arbeiten, die SPD hingegen will ihre Klientel nicht verschrecken.

          Das „kleine Paket“, das nun geplant ist, muss mit der Botschaft verbunden sein: Ein längeres Erwerbsleben ist keine Bedrohung, sondern eine Chance auf mehr Wohlstand und Teilhabe. Die Idee der flexiblen Altersgrenzen hat großen Charme, aber sie darf nicht zu einem Unterbietungswettlauf führen. Die Koalition darf den demographischen Wandel nicht wieder ignorieren. Bezahlen muss sonst wieder die nächste Generation: im Rentensystem und in der Politik.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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