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Standpunkt : Reisen im Schatten der Corona-Krise

  • -Aktualisiert am

Leere Strandkörbe an der Nordsee Bild: dpa

Wo die Hygieneregeln beachtet werden, muss Urlaub wieder möglich sein. Auch in Europa. Ein Standpunkt.

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          Die Pandemie wird uns noch lange begleiten. Deswegen ist es so wichtig, dass wir als Gesellschaft lernen, damit zu leben. Das heißt, konsequent die Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen so zu praktizieren und eventuell weiterzuentwickeln, dass wir das Infektionsgeschehen in den Griff bekommen und im Griff behalten. Wir lernen anders einzukaufen, anders U-Bahn zu fahren, anders einen Gottesdienst zu besuchen. Es geht nur so. Die Entwicklung in Deutschland und unseren Nachbarstaaten zeigt, dass sich mit klaren Regeln und Solidarität der Bevölkerung einiges zum Guten wenden lässt. Daher muss dies fortgeführt und auch die Einhaltung kontrolliert werden.

          Wenn aber die Menschen in Deutschland, wo immer sie sich bewegen, sich an die Regeln halten, warum sollen sich diese Menschen dann nicht auch zwischen München und der Nordseeküste oder zwischen Berlin und Rügen bewegen können? Und wenn sich nicht nur die Menschen in Deutschland an die Regeln halten, sondern auch die Menschen etwa in Österreich, den Niederlanden, Griechenland oder Portugal und Dänemark, warum sollen dann die Menschen aus diesen Ländern sich nicht auch zwischen unseren Ländern bewegen können?

          Wenn die Regeln durchgesetzt und eingehalten werden, dann steht doch grundsätzlich einer schrittweisen Aufhebung einzelner Reisebeschränkungen nichts im Weg, denn das Einschlepprisiko bestünde dann im Kern nicht. Die im Alltag eingeübten Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen gelten ja dann in all diesen Ländern, auch bei An- und Abreise und am Zielort im Urlaub.

          Ein Stück Aufbauhilfe

          Hinweise, die Menschen mögen in diesem Jahr am besten gar nicht mehr mit Urlaub planen oder allenfalls im Inland, sind wenig hilfreich. Kommen solche Ratschläge auch noch von Deutschen, dürfte dies vielen unserer südeuropäischen Nachbarn als typische Made-in-Germany-Arroganz aufstoßen. Wann und wie wir wieder reisen, berührt mehr als die Frage, ob die Deutschen in diesem Jahr doch noch ihren wohlverdienten Urlaub im Warmen machen können. Sie betrifft mehr als die 2,9 Million Arbeitsplätze, die allein in Deutschland am Tourismus hängen. In der EU sind es 27,3 Millionen Beschäftigte.

          Daher ist im europäischen Maßstab mit dieser Frage auch ganz unmittelbar die Zukunft von befreundeten Ländern und der EU verknüpft. Die Corona-Krise hat gerade jene Länder in Europa mit voller Wucht getroffen, in denen Tourismus das Rückgrat der wirtschaftlichen Wertschöpfung ist, ähnlich wie in Deutschland etwa die Automobilindustrie. Es ist ein Stück Aufbauhilfe für diese Länder und stabilisiert Europa, wenn wir jetzt schnellstmöglich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Menschen wieder sicher reisen können und so ein Stück Wohlstand in besonders gebeutelte Länder bringen und umgekehrt das Reiseland Deutschland auch wieder an die Erfolgsgeschichte der letzten Jahre anknüpfen kann.

          Damit Reisen wieder möglich ist, müssen zwei Dinge passieren: Erstens muss die Einhaltung der Hygiene- und sonstigen Vorschriftsmaßnahmen in unserer Gesellschaft nach klaren Regeln durchgesetzt werden, auch bei den Verkehrsträgern selbst, sei es im Zug, Bus, Flugzeug oder Schiff. Dann können, zweitens, die Reisebeschränkungen mit den Ländern aufgehoben werden, wo dies ebenso praktiziert wird. Wir als Tourismuswirtschaft leisten unseren Teil an dieser Aufgabe. Unsere Unternehmen nutzen die Zeit des Stillstands, um uns auf die enormen Herausforderungen einzustellen. Sei es im Hotel, im Restaurant oder im Flugzeug: Wir passen unsere Prozesse an, damit sie den besonderen Hygiene- und Abstandsanforderungen Rechnung tragen. Wir wollen die Einhaltung dieser Regeln gemeinsam mit den anderen konsequent durchsetzen. Das ist elementar für den Neustart. Unsere Kunden werden unsere Angebote nur annehmen, wenn sie uns und unseren Maßnahmen vertrauen und sich sicher fühlen.

          Der Politik kommt die Aufgabe zu, die Beschränkungen schrittweise aufzuheben. Ohne diesen Schritt ist das Reisen nicht möglich. Dabei machen wir uns nichts vor: Normales Reisen zwischen hochbetroffenen Gebieten, die sich in einer akuten Phase der Pandemie befinden, wird es auch in den nächsten Wochen und Monaten nicht geben können. Das wäre auch nicht verantwortbar.

          Aber nicht nur Deutschland arbeitet daran, das Infektionsgeschehen mit zahlreichen Maßnahmen im Griff zu behalten und damit Schritt für Schritt das öffentliche Leben wieder hochzufahren. Viele andere Länder tun dies. Diese Länder können – zunächst bilateral – ihre Reisebeschränkungen gegenseitig aufheben. Dies innerhalb der gesamten EU zu tun, koordiniert und abgestimmt, wäre der nächste Schritt. Was spricht dagegen, dass Menschen Länder gegenseitig bereisen, in denen der Reproduktionsfaktor des Virus gering ist, weil die Menschen sich dort konsequent an die Regeln halten? Entscheidend ist, dass alle Bereiche unserer Gesellschaft diese anwenden, mit dem selbstverständlichen Optimismus, so die Krise bewältigen zu können. Wir als Reise- und Tourismuswirtschaft übernehmen dafür in unserem Bereich gern Verantwortung.

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