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Wegen Coronavirus : Weltgrößte Reisemesse ITB in Berlin abgesagt

Es bleibt leer: Die Messe ITB ist abgesagt. Bild: AFP

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus ist die weltgrößte Reisemesse, die ITB in Berlin, abgesagt worden. Der Entscheidung ging eine Hängepartie voraus, zahlreiche Aussteller hatten sich ohnehin abgewandt. 160.000 Besucher waren erwartet worden.

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          Die größte Reisemesse der Welt, die ITB in Berlin, fällt wegen der Ausbreitung des Corona-Virus aus. Das bestätigte die Berliner Messegesellschaft am Freitagabend. Das zuständige Berliner Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf habe die Auflagen stark erhöht, hieß es von der Messe. So sollte jeder Messeteilnehmer belegen, nicht aus den definierten Risikogebieten zu stammen oder Kontakt zu einer Person aus den Risikogebieten gehabt zu haben. Die Messe bezeichnete dies als „nicht umsetzbar“.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach F.A.Z.-Informationen ist diese Begründung ein Formelkompromiss. Der Entscheidung war am Freitagabend eine stundenlange Hängepartie mit Beratungen und unterschiedlichen Einschätzungen verschiedener Stellen vorweg gegangen. Das zögerliche Verhalten stieß in der Reisebranche auf großes Unverständnis, zumal der Genfer Autosalon, der ebenfalls in der kommenden Woche stattfinden sollte, schon im Tagesverlauf abgesagt worden war. Ein Touristiker, der ungenannt bleiben wollte, sprach von einer „Berliner Posse“. Am Freitag hatte der Krisenstab der Bundesregierung dazu beraten. Es sollten Kriterien entwickelt werden, die Behörden vor Ort bei möglichen Absagen helfen sollten. Die letztliche Entscheidung sollten Berliner Behörden treffen.

          Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) sprach von einer „schmerzlichen aber auch einzig richtigen Entscheidung“. BTW-Präsident Michael Frenzel nannte sie ein „Gebot der Verantwortung“. Die Absage stelle einen wirtschaftlichen Einschnitt für die Branche dar, sei aber unter den gegebenen Umständen eine notwendige Maßnahme, um das Risiko einer weiteren Ausbreitung des Virus zu reduzieren. „Um die Freiheit des Reisens auch in Zukunft sicherzustellen, muss derzeit oberstes Ziel im Interesse der Menschen und Unternehmen die schnelle Eindämmung des Coronavirus sein“, sagte Frenzel.

          Kurz zuvor hatte im Sinne der Eindämmung des Virus die Lufthansa bekanntgegeben, ihren Flugplan drastisch zusammenzustreichen. Auf den Kurz- und Mittelstrecken könne es ein um ein Viertel reduziertes Angebot geben, hieß es.

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          Aus auf Raten

          Das Aus für die Messe kam auf Raten. Zuerst hatten einige chinesische Aussteller ihre Teilnahme abgesagt. Nachdem eine Häufung von Infektionen in Italien und eine steigende Zahl von Fällen in Deutschland bekannt geworden waren, verloren auch hiesige Unternehmen der Branche den Glauben an ein reibungsloses Messegeschehen. Zudem wollten sie ihre Kunden und Mitarbeiter keinem Risiko aussetzen.

          Die Reiseveranstalter Alltours und DER Touristik sowie das Hotelportal HRS hatten schon zuvor entschieden, der Messe fern zu bleiben. HRS sagte auch seinen eigenen Kongress am Messevortag ab. „Die Ausbreitung des Coronavirus hat inzwischen ein unübersichtliches Ausmaß erreicht, und der Bundesgesundheitsminister sprach erstmalig vom Beginn einer Epidemie in Deutschland", sagte HRS-Chef Tobias Ragge.  Auch der Urlaubsvermittler Holidaycheck kündigte sein Fernbleiben an. „Der Schutz der Mitarbeiter hat für das Unternehmen höchste Priorität“, teilte das Unternehmen mit.

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          Bundesinnnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte schon am Donnerstag seine Präferenz für eine Absage deutlich gemacht. Am Freitag sprach sich auch der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß (CDU), für den Verzicht auf die diesjährige Messe aus. „Es gilt auch bei dieser Frage der Grundsatz fürs Leben: Gesundheit geht vor“, sagte er. Aus dem Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, in dem das Berliner Messegelände liegt, kamen derweil noch am Freitag andere Einschätzungen.

          Auch die Messegesellschaft beteuerte bis zum Donnerstag, dass die Reiseschau stattfinden werden. Man untersagte die Teilnahme für Personen, die sich zuletzt in Risikogebieten in China, Südkorea, Iran und Italien aufgehalten hatten. Für alle Personen an Ständen wurde das Ausfüllen einer Fragebogens zur Zutrittsvoraussetzung gemacht, wobei unklar blieb, wer die Richtigkeit der Angaben prüfen sollte. Zudem sollten Desinfektionsspender zum Händereinigen an vielen Stellen plaziert werden.

          „Herausforderndes Jahr“

          Die Branche sorgt sich, dass Buchungen ausblieben. Der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), Norbert Fiebig, sprach schon von einem „herausfordernden Jahr“. Nach Daten des Marktforschers TDA lagen die Buchungsumsätze bis Ende Januar schon 3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Da die Werte der schon getätigten Einzelbuchungen stiegen, ergibt sich, dass 6 Prozent weniger Reisen verkauft wurden. Ein stärkerer Corona-Effekt dürfte sich in den Februar-Zahlen zeigen.

          Der Reisekonzern TUI will mit erleichterten Rücktrittsmöglichkeiten Kunden gewinnen. TUI kündigte am Freitagabend an für alle bis zum 18. April eingehenden Neubuchungen egal für welches Ziel kostenfreie Umbuchungen und Stornierungen bis 14 Tage vor Anreise – spätestens zum 30. April – zu gestatten. Der Konzern strebt im Jahr eins nach der Insolvenz des Rivalen Thomas Cook an, eine halbe Million Neukunden in Deutschland zu gewinnen. Der Reiseveranstalter Alltours teilte mit, auf Grundlage des bislang eingegangenen Buchungen an seinen Jahreszielen festzuhalten. „Wir werden unser Planziel von 20 Prozent mehr Gästen erreichen und damit erstmals über zwei Millionen Gäste jährlich in den Urlaub schicken“, sagte Alltours-Chef Willi Verhuven. DRV-Präsident Fiebig hatte am Donnerstag gesagt, er rechne mit einem stärkerem Last-Minute-Geschäft, in dem aktuell aufgeschobene Buchungen nachgeholt würden.

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