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Leichte Erholung : Kommt jetzt die Renaissance der Reisebüros?

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Schon mal probeweise verreisen: Das geht mittlerweile virtuell in manchem Reisebüro. Bild: dpa

Manch junger Mensch war noch nie im Leben im Reisebüro: Das Buchen von Flügen und Hotels im Internet liegt im Trend. Aber es gibt ein paar Anzeichen dafür, dass die totgesagten Reisebüros doch länger leben als gedacht.

          Bequem von daheim aus im Internet einen Flug oder ein Hotel aussuchen? Für viele Menschen ist das ziemlich praktisch. Den Reisebüros in Deutschland dagegen setzt die Konkurrenz aus dem Netz seit Jahren zu. Für die klassischen Büros mit Katalogen und Papp-Aufstellern bedeuten Online-Portale einen großen Wettbewerb - etliche Reisebüros haben in der Vergangenheit aufgegeben.

          Doch der Trend, dass Reisebüros wegsterben, ist seit einiger Zeit aufgehalten. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands ist die Zahl der Reisebüros im vergangenen Jahr wieder leicht gestiegen und liegt derzeit bei knapp 10.000. Das sind immerhin rund 100 Büros mehr als noch 2014, als der Verband lediglich 9829 Büros verzeichnete. In den vorherigen zehn Jahren war die Anzahl stetig gesunken. Auf die Einwohnerzahl bezogen habe Deutschland noch immer eines der dichtesten Reisebüronetze weltweit, wie eine Sprecherin des Verbandes erläuterte.

          Allerdings ist die Verbandsstatistik mit etwas Vorsicht zu genießen. Sie zählt nur die sogenannten Vollreisebüros. Es soll aber auch kleine Büros geben, die erst durch eine Verbreiterung ihres Geschäfts in die Statistik „hineinwachsen“. Wenn kleinere Büros ihr Geschäft aufgeben, schlägt sich das in der Statistik nicht nieder.

          Je komplexer und teurer, desto eher geht's ins Reisebüro

          Grundsätzlich gibt es den Trend, dass eher im Reisebüro gebucht wird, je komplexer die Reise ist und je teurer sie ist. Einfache Buchungen – Flugtickets, Bahntickets oder einfach nur ein Hotelzimmer – sind tendenziell hingegen für die Büros komplett verloren.

          Außerdem: „Wer mehr Sicherheit will, geht eher ins Reisebüro“, weiß Julia Buchweitz von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Durch einen festen Ansprechpartner und eine größere Transparenz über den Vertragspartner könnten im persönlichen Reisevertrieb Risiken und Unsicherheiten besser vermieden werden, was vielen Buchenden wichtig sei.

          Finanziell mache es aufgrund einer gesetzlichen Regelung keinen Unterschied, ob man ins Reisebüro gehe oder online buche, erklärt die Verbraucherschützerin. Reisebüros dürften vom Kunden für eine Reise keine höheren Kosten verlangen als dieser im Internet zahlen müsste.

          Das Argument zählt aber nur eingeschränkt: Der Zwang zur Preisgleichheit gilt nur für Angebote von Reiseveranstaltern (meist Pauschalreisen), die ein Reisebüro formal gar nicht verkauft, sondern nur im Namen eines Reiseveranstalters (Tui, Alltours,…) vermittelt. Bei Flugtickets ist es dagegen gang und gäbe, dass Vermittler (online wie stationär) auch mal Servicepauschalen erheben, weil manche Fluggesellschaft gar keine Vermittlungsprovision mehr zahlt.

          Online-Reisemarkt wächst

          Allen Argumenten für eine Reisebüro-Renaissance zum Trotz: Der Online-Reisemarkt wächst unaufhaltsam weiter: Zahlen des Verbandes Internet Reisevertrieb und der Marktforschungsgesellschaft GfK zeigen: In den Sommermonaten 2017 sind die Umsätze von Online-Reiseportalen gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent gestiegen. Die Buchungen in klassischen Reisebüros legten hingegen nur um drei Prozent zu.

          „In den kommenden Buchungswochen werden die Online-Reiseportale ihren Vorsprung gegenüber dem stationären Reisevertrieb aller Voraussicht nach weiter ausbauen“, prognostiziert Dörte Nordbeck von der GfK. „Der Grund dafür liegt in der Stärke der Onliner im Last Minute- und Kurzfristgeschäft.

          Spezialisierungen - wie beispielsweise auf Kreuzfahrten - können für Reisebüros von Vorteil sein. „Wird nur eine bestimmte Art von Reisen angeboten, können die Mitarbeiter im Büro besser eigene Erfahrungen in die Beratung einfließen lassen, weil sie ähnliche Reisen selbst gemacht haben“, so Verbraucherschützerin Buchweitz.

          Auch der Einsatz neuer Technologien kann laut Buchweitz zusätzliche Anreize bieten, ein Reisebüro zu besuchen. Tui testet derzeit Roboter, die den Kunden an der Eingangstür eine Erstberatung anbieten. Auch in den Büros von Thomas Cook lässt sich per Virtual Reality-Brille schon das potenzielle Reiseziel erkunden.

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