https://www.faz.net/-gqe-6uw80

Regelmäßige Arbeitszeiten : Wie die Menschen fleißig wurden

  • -Aktualisiert am

Bloß pünktlich sein! Bild: face to face archiv

Die Jäger und Sammler arbeiteten nur zwei oder drei Stunden am Tag. Doch das reichte nicht, um immer mehr Kinder zu ernähren.

          Von den Jägern und Sammlern ist anzunehmen, dass regelmäßige Arbeit nicht die Regel war. Mit 2 bis 3 Stunden pro Tag konnten genug Beeren und Fleisch herbeigeschafft werden, um einigermaßen auszukommen. So zeichnen es heute zumindest die Ethnologen auf, die die letzten nicht sesshaften Stämme aufgespürt haben. Sicher ist, dass mit dem Übergang zur Landwirtschaft das Arbeitsleben nicht leichter wurde. Wir erkennen es an den Skeletten der ersten sesshaften Menschen. Der Anbau von Getreide und Reis war im wahrsten Sinn des Wortes "Knochenarbeit" - die Gelenke und Wirbel zeigen Anzeichen massiver Abnutzung. Je mehr Nachfahren die Menschen zeugten, desto höher wurde der notwendige Arbeitseinsatz, um dem knappen Boden genug Nahrungsmittel zu entringen. Landwirtschaft konnte viele Menschen ernähren, aber diese mussten meist im "Schweiße ihres Angesichts" schuften.

          Der typische Arbeitsablauf in der Landwirtschaft begann mit Sonnenaufgang und endete mit Sonnenuntergang. Das galt für die warmen Monate. Wo, wie in Nordeuropa, über längere Teile des Jahres der Boden nicht zu bearbeiten ist, füllten kleinere Arbeiten den Tag, wenn auch unvollkommen. In den Werkstätten begrenzte die Verfügbarkeit von Licht die Länge des Arbeitstages drastisch.

          Die Sitte des „Blauen Montags“ war häufige Praxis

          Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sorgte eine Vielzahl von kirchlichen und offiziellen Feiertagen dafür, dass das tatsächliche Arbeitsjahr deutlich kürzer ausfiel. Vom Geburtstag des Kronprinzen über die verschiedenen Heiligentage bis hin zu offiziellen Feiertagen des Landes reichte die Liste an Unterbrechungen des Arbeitsjahres. Auch wenn Urlaub im modernen Sinne - eine längere Arbeitsunterbrechung zur Erholung - ein Fremdwort war, ließ man öfter mal die Arbeit ruhen.

          Zu den offiziellen, genehmigten Feiertagen kamen noch viele arbeitsfreie Tage, an denen Arbeiter schlicht nicht zur Arbeit erschienen. Überall im frühneuzeitlichen Europa beklagten Arbeitgeber beispielsweise die Sitte des "Blauen Montags" - die häufige Praxis, am ersten Tag der Woche sich vom Wochenende zu erholen. Der heute noch gebräuchliche deutsche Begriff "blaumachen" geht auf diese selbstverordneten Extratage zur Entspannung zurück. Wie häufig verbreitet diese Praxis war, ist schwer festzustellen. Analysiert man beispielsweise Zeugenaussagen in englischen Gerichtsakten des 18. Jahrhunderts, dann findet man in dessen 50er Jahren häufig nur wenige Bürger, die montags bei der Arbeit waren. Gut achtzig Jahre später sah dies schon anders aus - der "Blaue Montag" war weitgehend verschwunden, ebenso wie ein guter Teil der alten Feiertage.

          In der Fabrik wurden Verspätungen hart bestraft

          Mit der Industrialisierung und der Beschäftigung in Fabriken nahmen Länge und Regelmäßigkeit des Arbeitstages noch zu. Zur Hochzeit der Industriellen Revolution um 1850 arbeiteten viele Engländer beispielsweise 3500 Stunden und mehr - sechs Tage pro Woche, 12 bis 14 Stunden pro Tag. Der Weg vom Bauernhof in die Fabrik bedeutete auch eine enorme Zunahme von Arbeitszeit und Disziplin. Fabrikordnungen forderten drakonische Strafen für Verspätungen, für das Einschlafen am Arbeitsplatz und Unachtsamkeiten.

          Vielen Beobachtern erschien der Arbeitsrhythmus der Fabriken als Inbegriff kapitalistischer Ausbeutung. Engels war entsetzt über die Zustände, die er in der Baumwollproduktion in Manchester täglich sah, und beschrieb das Elend, das die Menschen in die Fabriken trieb. Für viele moderne Historiker ist die frühindustrielle Fabrikproduktion gleichbedeutend mit düsteren Bedingungen.

          Eine andere, optimistischere Deutungsweise der enorm langen Arbeitszeiten während der Industriellen Revolution betont stattdessen die Disziplinprobleme, die der widersprüchlichen menschlichen Natur entstammen. Aus dem Forschungsprogramm der Verhaltensökonomen wissen wir, dass es den meisten Menschen schwerfällt, täglich das Nützliche zu tun - sparen, Zähne putzen, Sport treiben. Den meisten Menschen geht es wie dem heiligen Augustinus, der Gott darum bat, ihn heilig zu machen - aber nicht gleich. Nimmt man das Selbstbeherrschungsproblem ernst, kann man die eiserne Disziplin der Fabriken auch anders deuten: nämlich als Rahmen, der es ermöglichte, dass Menschen das tun, was sie eigentlich wollen - nämlich gutes Geld verdienen, zur Not durch lange Arbeitszeiten. Anders gewendet: statt einer Form der Ausbeutung des Proletariats stellten Fabriken für Arbeiter eine Chance dar, sich von den Kapitalisten im präferierten Rhythmus treiben zu lassen.

          Süßigkeiten und IQ-Tests

          Egal, ob Engels recht hatte oder die modernen Verhaltenstheoretiker: Klar ist, dass spätestens von 1850 an in Europa Disziplin am Arbeitsplatz immer wichtiger wurde. Kinder allerdings sind bei der Geburt weder diszipliniert noch geduldig - dazu bedarf es massiver Investitionen an Zeit und Mühe, vor allem seitens der Eltern. Mit der Einführung der universellen Schulpflicht wurden Kinder ab einem jungen Alter in ein starr hierarchisches System integriert, in dem sie vor allem Gehorsam, Ruhe und Disziplin lernten. So geschult, waren sie leichter im Arbeitsleben verwendbar - ob in der Fabrik, auf dem Hof oder in der Armee.

          Was so altbacken klingt, hat noch lange nicht ausgedient. In den 1960er Jahren untersuchte der amerikanische Psychologe Walter Mischel von der Stanford-Universität, wie lange Kleinkinder der Versuchung einer Süßigkeit widerstehen können, wenn man sie allein lässt. Nahezu alle Vierjährigen griffen früher oder später zu. Überraschend ist, dass sich ihr späterer Erfolg als junge Erwachsene in IQ-Tests und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gut dadurch vorhersagen lässt, wie lange sie widerstanden: je länger, desto besser.

          Weitere Themen

          Schuhhersteller warnen vor neuen Zöllen Video-Seite öffnen

          Importzölle gegen China : Schuhhersteller warnen vor neuen Zöllen

          Schuhhersteller haben Präsident Trump dazu aufgefordert, ihre Produkte von geplanten neuen Importzöllen gegen China auszunehmen. Der Aufschlag würde den Käufern pro Jahr insgesamt sieben Milliarden Dollar an zusätzlichen Kosten aufbürden, schrieb der Branchenverband FDRA.

          Jamie Olivers Restaurant-Gruppe ist pleite Video-Seite öffnen

          Britischer Starkoch : Jamie Olivers Restaurant-Gruppe ist pleite

          Die Restaurant-Gruppe des britischen Starkochs Jamie Oliver ist pleite. Die meisten Restaurants gehören zur Kette "Jamie's Italian", die der Koch 2008 gegründet hatte. Bedroht sind nun 1300 Arbeitsplätze.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.