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Reformer des Jahres 2005 : Der Titel geht an Udo Di Fabio

Di Fabio stößt eine Grundsatzdebatte an Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

Die Sonntagszeitung hat zusammen mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ihre Leser zur Wahl des Reformers des Jahres aufgerufen. Nach zwei Steuerreformern wurde in diesem Jahr überraschenderweise ein Soziologe und Jurist gewählt: Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio.

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat im Herbst 2005 zum dritten Mal ihre Leser zur Wahl des Reformers des Jahres aufgerufen. Zusammen mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (eine überparteiliche Organisation, finanziert von den Metallarbeitgebern) wollten wir wissen: Wer hat sich in diesem Jahr in besonderer Weise für marktwirtschaftliche Reformen in Deutschland eingesetzt?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Entscheidung traf eine prominent besetzte Jury zusammen mit den Lesern: Über 2000 F.A.S.-Leser haben sich an der Abstimmung per E-Mail, Fax oder Brief beteiligt. Das Ergebnis ist überraschend: Nach zwei Steuerreformern - Paul Kirchhof (2003), Friedrich Merz (2004) - wird in diesem Jahr ein Soziologe und Jurist Reformer des Jahres: Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio erhält die Auszeichnung für sein Buch „Die Kultur der Freiheit“. Nicht um wirtschaftspolitische Einzelvorschläge, sondern um die philosophischen Voraussetzungen einer Reform geht es Di Fabio. Die Grundsatzdebatte ist eröffnet.

          Er ist Professor. Er ist Verfassungsrichter. Und er ist ein Intellektueller. Doch Udo Di Fabio wirkt weder professoral noch dauerurteilend, noch belehrend. Meist ist sein ausgelassen lautes Lachen schon zu vernehmen, noch ehe sein scharfer Verstand aktiv werden konnte. Ein kleiner Mann mit akkurat gepflegtem Dreitagebart, bescheiden, und doch ziemlich von sich überzeugt.

          Udo Di Fabio hat in diesem Jahr nicht nur den verfassungsrechtlichen Weg für die Neuwahlen des Bundestages geebnet. Er hat auch ein Buch geschrieben. Es heißt „Die Kultur der Freiheit“. Rezeptbücher zur Reform des überbordenden Wohlfahrtsstaates tragen andere Titel: Ist Deutschland noch zu retten oder so ähnlich. Di Fabio fragt nicht nach Sozialtechnik. Ihn interessieren, ein wenig altertümlich gesprochen, die geistigen Grundlagen unserer Zeit.

          Freiheit ist sein Schlüsselwort

          Um diese Grundlagen ist es derzeit nicht gut bestellt. Die Menschen sind unsicher, von welchen Werten sie sich bestimmen lassen wollen. Sie mißtrauen den überkommenen Institutionen (Familie, Markt, Staat), die ihnen doch eigentlich Sicherheit in den Fährnissen und Entscheidungsnöten des Alltags geben sollten. Viele fürchten den sozialen Abstieg und haben doch weder Kraft noch Vertrauen, auf Veränderungen und Reformen zu setzen. Das demokratische Resultat dieser Unsicherheit heißt „große Koalition“.

          Deshalb, meint Di Fabio, sei jetzt eine „kulturelle Debatte“ nötig. „Es fehlen Lebenskonzepte, die gleichermaßen persönlichen Erfolg, privates Glück und gemeinschaftliche Vitalität versprechen.“ Weder linker Interventionismus noch Neoliberalismus, noch die Kombination aus beiden könnten erklären, was die Grundbedürfnisse einer freiheitlichen Gesellschaft sind, sagt er.

          Wer die Zeit nicht begriffen habe, der könne auch nicht beurteilen, welche Mittel und Wege zur Besserung nötig sind. Freiheit heißt das Schlüsselwort für Di Fabio. „Das Grundprinzip individueller Freiheit hat tiefe Wurzeln, die viel mit Ehre, Stolz und Würde zu tun haben.“ Da spricht der Verfassungsrichter, der weiß, daß im Grundgesetz erst die Freiheit (Artikel eins) und dann erst die Gleichheit (Artikel drei) und die soziale Gerechtigkeit kommen.

          Ruhrgebietspflanze mit italienischen Wurzeln

          Da spricht aber auch der 1954 in Duisburg geborene Arbeitersohn (“Ich bin eine Ruhrgebietspflanze“), der aus eigener Erfahrung weiß, daß ambitionierte persönliche Ziele verwirklichbar sind und Leistung sich auszahlt, freilich auch niemandem etwas geschenkt wird. „Wer der Meinung ist, alles, was er wolle, lasse sich erreichen, der wird auch fast alles erreichen können“, sagt Di Fabio.

          Ein starker Satz, der nur auf dem Hintergrund der Assimilationsbiographie des Juristen verständlich wird. Die „Financial Times“ hat Di Fabios Lebensweg jüngst als eine „American-Style success story“ bezeichnet. Der Großvater, Nachfahre verarmter Landadliger aus den Abruzzen, zog 1920 in das Ruhrgebiet und wurde Stahlarbeiter bei Thyssen.

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