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Reformen für Frankreich : Ein Thatcher-Fan will in den Elysée-Palast

Will nun ganz an die Spitze: François Fillon Bild: Reuters

Die Überraschung ist perfekt: François Fillon hat die erste Runde der konservativen Vorwahlen in Frankreich gewonnen. Er verspricht niedrigere Steuern, längere Arbeitszeiten und mehr neue Schulden.

          Wer hätte das gedacht? Ein Bewunderer von Margaret Thatcher als Wahlsieger in Frankreich: Der ehemalige Premierminister François Fillon hat bei den Vorwahlen des bürgerlich-konservativen Lagers mit großem Abstand den ersten Wahlgang gewonnen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Richtiger Wahlsieger ist der 62 Jahre alte Politiker noch nicht, denn er muss den zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag überstehen. Danach erst wird er zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei gekürt, der französischen Republikaner. Doch Fillon ist nun der klare Favorit, zumal der unterlegene Nicolas Sarkozy seine Anhänger zur Unterstützung des früheren Premiers aufrief.

          Weg von der 35-Stunden-Woche

          Fillons Abstand von rund 16 Prozentpunkten auf den Umfragefavoriten Alain Juppé ist atemberaubend. 44 Prozent gegenüber 28 Prozent. Für Sarkozy dagegen ist die Vorwahl zu einem politischen Begräbnis geraten. Er verabschiedet sich jetzt aus der Politik, wahrscheinlich für immer.

          Politisch ist diese Vorwahl ein kleines Erdbeben, denn: Noch nie wurde ein Mann mit derart wirtschaftsliberalen Forderungen von den Wählern so weit nach vorne geschoben. Fillon will die höchsten Einschnitte in den Staatsausgaben (rund 100 Milliarden Euro), er will mehr Steuersenkungen für die Unternehmen als seine Gegenkandidaten (etwa 40 Milliarden Euro) und er will das Rentenalter von 62 auf 65 Jahre heben.

          Auch die 35-Stunden-Woche soll kippen, damit die Unternehmen die Arbeitszeit künftig selbst festlegen – mit der Obergrenze von 48 Stunden pro Woche. Die Beamten sollen 39 Stunden arbeiten. Die Vermögenssteuer will Fillon abschaffen, und die Steuern auf Kapitalerträge will er deutlich senken, die in Frankreich sehr hoch sind.

          Der Wunsch nach Wandel ist spürbar

          Fillon ist sicherlich nicht nur wegen seines Wirtschaftsprogramms gewählt worden. In gesellschaftlichen Fragen, etwa wenn es um die gleichgeschlechtliche Ehe oder um Abtreibungen geht, vertritt er stramm konservative Werte - die zahlreiche ältere Wähler im bürgerlichen Lager teilen. Die Fernsehdebatten meisterte er mit souveräner Gelassenheit.

          Der Wunsch nach einem wirtschaftlichen Kurswechsel ist in Frankreich indes überall zu spüren. Trotz der Angst vor neuen Terroranschlägen und den schlimmen Attentaten der vergangenen Jahre haben Wirtschaftsthemen die Debatte dominiert, zumal die im Mai 2017 endende Amtszeit des amtierenden Präsidenten François Hollande als verlorene Jahre gelten.

          Fillon hat erfahrene Wirtschaftskapitäne als Berater an seine Seite geholt, etwa den früheren Vorstandsvorsitzenden des Versicherungskonzerns Axa, Henri de Castries, oder Pierre Danon, einen ehemaligen Spitzenmanager der British Telecom und des französischen Kabelbetreibers Numéricable. Ob sich alle seine Forderungen umsetzen lassen, ist eine offene Frage. Das Lager des gemäßigten Juppé hat am Sonntagabend angefangen, die Zweifel offen auszusprechen: Wie will Fillon den Abbau von 500.000 Beamtenstellen schaffen? Wenn die verbleibenden Beamten dann mehr arbeiten, müssten eigentlich auch die Personalkosten steigen. Wie ist das mit dem versprochenen Defizitabbau vereinbar?

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