https://www.faz.net/-gqe-6kd67

Reform der Bundeswehr : „Latrinendienst fördert nicht die Berufskompetenz“

  • Aktualisiert am

Die Bundeswehr steht vor Veränderungen Bild: dpa

Die Zukunft der Wehrpflicht spaltet die Koalition. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärt der Ökonom Klaus Zimmermann, warum er für eine Berufsarmee plädiert - und warum der Arbeitsmarkt der bessere Ort ist, um Disziplin zu lernen.

          Herr Zimmermann, der Verteidigungsminister will die Wehrpflicht abschaffen, um Geld zu sparen. Entscheidet sich die Sicherheit Deutschlands jetzt nach Kassenlage?

          Die Bundeswehr ist 250.000 Soldaten stark. Über die Sicherheit Deutschlands entscheiden doch nicht die paar Wehrpflichtigen, die in der Heimatkaserne die Zeit totschlagen. Der Kalte Krieg ist vorbei. Stattdessen stehen wir einer asymmetrischen Bedrohung gegenüber. Bei Kriegen wie in Afghanistan geht es nicht um Masse, sondern Klasse. Wehrpflichtige können zu dieser hochtechnisierten Form der Kriegsführung nichts beitragen. Sie sind überflüssig und verursachen allein Kosten.

          Ist denn eine Berufsarmee wirklich billiger? Der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe sagt, durch den dann notwendig höheren Sold könnten die Kosten um bis zu 7 Milliarden Euro steigen.

          Diese Art von Rechnung lässt schon mal die Opportunitätskosten außer Acht. Die Wehrpflichtigen zahlen durch ihren Militärdienst die mieseste, weil ineffizienteste Form der Steuer, die Naturalsteuer. Durch den Wehrdienst starten sie später in den Beruf und verlieren in ihrer Lebensarbeitszeit nicht das erste, sondern das letzte und höchste Jahresgehalt - und dem Staat geht die Einkommenssteuer flöten. Das ist ungerecht und ineffizient.

          DIW-Präsident Klaus Zimmermann hält den Arbeitsmarkt für den besseren Ort, um Disziplin zu erlernen, als die Bundeswehr

          Würde eine Berufsarmee den Bundeshaushalt nun mehr belasten oder nicht?

          Auf den ersten Blick sind Wehrpflichtige billig. Aber was kaum etwas kostet, wird auch verschwendet. Schon Adam Smith hat die Berufsarmee für effizienter gehalten, weil dort die Motivation höher ist und sich die Berufssoldaten spezialisieren - wie es jetzt auch in der Bundeswehr vonnöten ist. Dass der Wegfall des ohnehin schon kleinen Anteils von Wehrpflichtigen langfristig mehr kostet, ist Unsinn.

          Aber kurzfristig würde die Berufsarmee mehr kosten?

          Vielleicht sind die direkten Kosten anfangs höher. Langfristig werden sie niedriger sein. Bedenken Sie die demographische Entwicklung: Ab 2015 wird Deutschland alle vier Jahre eine Million Arbeitskräfte verlieren, weil die Gesellschaft überaltert. Dann werden die Wehrpflichtigen und Zivildienstleistenden der Wirtschaft noch stärker fehlen als jetzt.

          Arbeitgeber jammern doch ständig über disziplinlose Auszubildende. Sollte die Wirtschaft der Truppe nicht danken, dass die Schule der Nation eine verweichlichte Generation wieder Zucht und Ordnung lehrt?

          Ich bin nicht sicher, ob Hemdenfalten und Latrinendienst die Berufskompetenz fördern. Um Disziplin zu erlernen, ist der Arbeitsmarkt der bessere Ort. Generell bin ich gegen jede Art von gesellschaftlicher Verpflichtung, die nicht unbedingt nötig und auch noch ungerecht ist. Im Fall der Wehrpflicht trifft sie nämlich nur die Hälfte der Deutschen: die Männer - die dazu noch nur teilweise gezogen werden. Durch die Wehrpflicht ist eine Fehlallokation von Ressourcen entstanden. Menschen, die einen anderen Job als den des Soldaten wollen, werden in ihren Chancen beeinträchtigt.

          Die Ministerpräsidenten der Länder, in denen viele Kasernen stehen, schießen derzeit scharf gegen eine Abschaffung der Wehrpflicht. Ohne die Bundeswehr drohe strukturschwachen Regionen die Verelendung.

          Das ist vordergründige Kirchturmpolitik nach dem Motto: Was interessiert mich die gesellschaftliche Entwicklung, in meinem Vorgarten soll's blühen. Strukturreformen kosten immer an der einen Stelle, während man insgesamt gewinnt.

          Die Altenheime und Behindertendienste sehen sich beim Wegfall der Wehrpflicht ebenfalls nicht als Gewinner. Ohne billige Zivildienstleistende stünden sie vor der Pleite.

          Es kann doch nicht wahr sein, dass das Ende des durch einen Unfall der Geschichte entstandenen Ersatzdienstes dafür verantwortlich ist, dass die sozialen Dienste Deutschlands kollabieren. Dann wäre es um die Pflege wirklich schlecht bestellt.

          Aber sie würde teurer werden?

          Zunächst ja - vor allem für die betreffende Einrichtung. Vielleicht lernt diese dann aber auch, effizienter zu wirtschaften. Die Zivildienstleistenden können zum Teil durch Zugewanderte ersetzt werden. Und das gesparte Geld für die Zivis kann neu eingesetzt werden. Ohnehin müssen Zivis bald nur noch sechs Monate Dienst leisten. Schon jetzt ist die Zeit so kurz, dass der Zivildienst seinen Sinn gar nicht mehr erfüllt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bsirskes Zeit bei Verdi : Immer wieder Frank

          Verdis Vorsitzender Frank Bsirske geht in Rente. 19 Jahre lang leitete er die größte Baustelle der Gewerkschaftsbewegung. Fertig ist sie noch nicht.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.