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Rechtsprechung : Manipulation im Gerichtssaal

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Das geben die Richter und Staatsanwälte sogar zu, sagt der Kommunikationswissenschaftler Mathias Kepplinger. Jeder dritte Richter und jeder zweite Staatsanwalt gab in einer Umfrage an, Berichte über seine Fälle „ganz gezielt“ zu verfolgen. Die Frage „schuldig oder nicht schuldig“ hänge von der medialen Meinung zwar nicht ab. Aber die Höhe der Strafe durchaus, sagte jeder vierte Richter und jeder dritte Staatsanwalt. Und fast jeder zweite Richter gab zu, er denke vor brisanten Urteilen über die öffentliche Reaktion nach - „ein wenig“ jedenfalls. Oder wie es Ingrid Schmidt, Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts, formulierte: „Urteile müssen sich dem öffentlichen Diskurs stellen. Das diszipliniert erheblich.“

Große PR-Agenturen heuern Juristen an

Die Disziplinierung geht so weit, dass der Präsident des Bundesgerichtshofs von einem „Sturmangriff auf die Rechtsfindung“ spricht.

„Litigation PR gehört längst zum Portfolio aller großen, seriösen Agenturen“, sagt Alexander Güttler, Chef des Branchenverbandes GPRA. Zwar versuchen Unternehmen oder Einzelpersonen schon länger, die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu drehen. Aber jetzt zielen die PR-Profis direkt auf die Richter. „Neu ist die Fokussierung auf Gerichte und Staatsanwaltschaften“, sagt Güttler. Die großen Agenturen richten eigene Litigation-Abteilungen ein, heuern Juristen an, bauen Kooperationen mit Anwaltskanzleien auf.

Das Geschäft ist vielversprechend: Profilierte Berater verlangen vierstellige Tagessätze. Exzellente Perspektiven bescheinigt der Agenturverband dieser Sparte. Auch Anwälte tummeln sich inzwischen auf dem Gebiet, an vorderster Front die Strafverteidiger, deren Verteidigung schon lange eine kommunikative Beratung einschließt: „Mein Mandant möchte darauf hinweisen, dass . . . .“ Dazu kommt eine Handvoll Spezialagenturen, die ihr Geld ausschließlich mit Litigation-PR verdienen im Dienst von in Ungnade gefallenen Bank-Vorständen, Konzernen, die unangenehmen Schadenersatzforderungen ausgesetzt sind, Managern, bei denen die Staatsanwälte waren.

Mit den Kleinanlegerprozessen fing alles an

Für Stephan Holzinger begann Litigation PR mit Kleinanlegerprozessen. Anleger-Anwälte heuerten ihn an, zum Beispiel, um das Image geprellter Fondskunden zu polieren. „Die Anwälte erkannten rasch die Verbindung von professioneller Medienarbeit und Mandantenakquise“, sagt Holzinger. „Denn viele Betroffene meldeten sich erst, nachdem sie Artikel über andere Kläger gelesen hatten.“ Die Litigation PR machte aus einsamen Kleinanlegern, die auf dem heimischen Sofa über die eigene Doofheit jammerten, große Opfergruppen, die jetzt in Kameras jammerten und vor den Gerichten Plakate schwenkten. Für die Berater praktisch: So entstand auch auf der Gegenseite ein enormer Bedarf für Litigation PR.

Und sollten Kunden ihren Bedarf nicht selbst verspüren, melden sich die Berater von alleine. „Wir wurden in den vergangenen Tagen von mehreren PR-Agenturen und Anwaltskanzleien angesprochen mit Angeboten für ein Kommunikationskonzept“, sagt der Sprecher der Telekom. Konzepte kann der Konzern brauchen: Gegen den Vorstandschef René Obermann und mehrere Mitarbeiter wird in einem Bestechungsfall ermittelt, der schon ein paar Jahre zurückliegt (siehe Deutsche Telekom: Ermittlungen gegen Obermann). Die Telekom-Pressestelle entschied sich aber, die PR für den Fall alleine in die Hand zu nehmen.

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