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Arbeitszeit : Dienst nach Vorschrift

Was ist schon Arbeit? Bild: F1online

Arbeitgeber fordern eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes. Das trifft sich gut: Es hat sich sowieso niemand daran gehalten.

          Arbeitnehmer dürfen in Deutschland nur acht Stunden am Tag arbeiten, ausnahmsweise auch mal zehn. Für viele ist das eine Neuigkeit, dabei gibt es das Arbeitszeitgesetz schon seit mehr als zwanzig Jahren. Dass in Deutschland nun erstmals intensiv diese Regeln diskutiert werden, hat nur einen Grund: Die Arbeitgeber würden sie gerne abschaffen oder zumindest flexibler gestalten, um sie an die besonderen Anforderungen einer digitalen Arbeitswelt anzupassen, wie sie es nennen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Tatsächlich stecken eine ganze Reihe von Kuriositäten in diesem Gesetz, die „ununterbrochene Ruhezeit“ von elf Stunden nach der Arbeitszeit zum Beispiel. Das war noch zu Zeiten opportun, als sich der Arbeitstag im Wesentlichen zwischen 9 und 17 Uhr abspielte und in dem Moment abgehakt war, als die Tür zum Büro zufiel. Jetzt ist die Arbeit eigentlich nie wirklich zu Ende. Zumindest aber kann sie dank E-Mail und Internet auch erst um 23 Uhr erledigt werden, wenn es dem Mitarbeiter besser in den Tagesablauf passt.

          Interessant ist auch die im Gesetz genannte Höchstgrenze von 48 Stunden in der Woche. Das mag für Arbeitgeber-Ohren noch akzeptabel klingen. Allerdings funktioniert das rechnerisch nur bei einer Sechstagewoche, die ja in Deutschland schon seit langem als ausgerottet gilt. Deshalb ist die Regel eher als Hintertür gedacht für Bereitschaftsdienste, abweichende Tarifverträge oder auch für die Tätigkeit in Kirchen. Außerdem ist Arbeit am heiligen Sonntag nicht nur verpönt, sondern auch ganz offiziell verboten, bis auf einige Ausnahmen natürlich: Krankenhäuser, Kinos, Theater und natürlich Freizeitparks, um nur einige zu nennen.

          Die Arbeitszeitregeln gelten grundsätzlich für alle Arbeitnehmer aus allen Branchen, die keine Führungskräfte sind, also strenggenommen auch für Unternehmensberater, Investmentbanker, Marketingexperten, Ingenieure, Computerexperten und Anwälte, und damit für all jene Berufsgruppen, in denen der Achtstundentag schon lange nichts mehr mit der „betrieblichen Realität“ zu tun hat – wenn man so den Ablauf in einem international agierenden Konglomerat überhaupt noch nennen möchte. Dazu gehören in Deutschland übrigens auch viele Familienunternehmen.

          Die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt

          Das Praktische an diesen unpraktischen Regeln war nun jahrelang, dass sie eigentlich keiner gekannt und schon gar keiner beachtet hat – und auch nicht beachten musste. Viele Chefs sahen die brennenden Lampen in den Büros ganz ohne Argwohn, obwohl sie strenggenommen für die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes sorgen müssten. Doch häufig sind diese abendlichen Aktivitäten nicht etwa expliziten Anordnungen geschuldet, sondern Resultat der individuellen Arbeitsorganisation. Das reichte schon für eine Rechtfertigung. Vielleicht bewunderten die Vorgesetzten sogar den Einsatz ihrer Mitarbeiter, die mit ganzer Leidenschaft bei der Sache waren.

          Auch Kontrollen gab es nur wenig, denn für diese sind die Länder zuständig, die damit meist die Gewerbeaufsichten der Gemeinden beauftragen – und die kamen schlicht nicht hinterher. (Sonst wären die Mitarbeiter dort wohl auch selbst mit dem Arbeitszeitgesetz in Konflikt geraten.)

          Das hat sich in den vergangenen Jahren ein wenig geändert. Inzwischen werden die Aufseher zumindest vereinzelt in Unternehmen vorstellig und lassen sich die Unterlagen über die Arbeitszeitgestaltung der Mitarbeiter vorlegen. Viele Unternehmen stellen bei dieser Gelegenheit übrigens überhaupt erst fest, dass sie zu einer solchen Dokumentation tatsächlich verpflichtet sind. Sie müssen jede über die normale Arbeitszeit hinausgehende Tätigkeit sorgfältig aufschreiben und diese Dokumente für zwei Jahre aufbewahren. Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz werden mit einem Bußgeld belegt. Kommt ein Mitarbeiter zu Schaden, steht auch schon mal der Staatsanwalt vor der Tür.

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