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„Vorsätzliche sittenwidrige Schädigung“ : Middelhoff wegen Täuschung verurteilt

  • -Aktualisiert am

Im Zivilprozess vor dem Landgericht Essen hat Thomas Middelhoff einen Rückschlag einstecken müssen: Jetzt muss er einem Kleinanleger Schadenersatz zahlen Bild: dpa

Der frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff hat den Kapitalmarkt vorsätzlich und sittenwidrig geschädigt. Dies hat das Landgericht Essen festgestellt und ihn zu Schadenersatz verurteilt.

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          Der frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff hat Kapitalmarkt und Öffentlichkeit bewusst getäuscht. Zu diesem Ergebnis kam das Landgericht Essen in der Klage eines Kleinaktionärs. Die Richter verurteilten Middelhoff deshalb wegen „vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung“ zu Schadensersatz. Dem Urteil zufolge hätte der damalige Vorstandsvorsitzende einschreiten müssen, als sein seinerzeitiger Pressesprecher Jörg Howe im September 2008 tagelang beteuerte, die Beteiligung des Handelskonzerns an dem Reiseunternehmen Thomas Cook werde nicht verkauft.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Diese Erklärung habe Howe damals sogar mit dem gesamten Vorstand wörtlich abgestimmt, befand das Gericht. In Wirklichkeit seien jedoch schon Gespräche mit Investoren geführt worden. Am Abend des 24. September gab Arcandor dann plötzlich eine Presseerklärung heraus, wonach ein Verkauf durchaus möglich sei. Als es dann kurz darauf auch noch eine Kapitalerhöhung gab, stürzte der Aktienkurs ab.

          Die Darstellung der F.A.Z. wurde dementiert

          Inhaltlich geht es dabei vor allem um Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Ein Bericht, der Kaufhaus- und Reisekonzern stehe im Zuge seiner Kreditverhandlungen mit einem Bankenkonsortium unter erheblichem Druck und müsse sich deshalb möglicherweise von einem Teil seiner Beteiligung am Tourismuskonzern Thomas Cook trennen, wurde am 22. September hart dementiert. Als am 24. September eine Einigung mit den Banken erzielt worden war und die Frankfurter Allgemeinen Zeitung bei ihrer Darstellung blieb, hieß es abermals, Thomas Cook sei und bleibe Bestandteil des Konzerns. Diese Aussage hat dann aber keine zwölf Stunden mehr gehalten. Am späten Abend desselben Tages sendete der Konzern dann die Klarstellung an seine Aktionäre: Die Struktur der Holding müsse im Rahmen der Vereinbarung mit den Banken überprüft werden. Das könne auch die Reduzierung der Beteiligungen an den Tochtergesellschaften Karstadt und Thomas Cook beinhalten. Die Recherchen und Aussagen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung waren in den betreffenden Tagen in diversen Rückfragen wieder und wieder dementiert worden.

          Erstritten hat das Urteil Jan-Eric Peters, mittlerweile Chefredakteur der Welt-Zeitungsgruppe. Er hatte bei privaten Geschäften mit Arcandor-Wertpapieren im Herbst 2008 rund 50 000 Euro verloren. Dafür macht er Middelhoff verantwortlich, weil dieser und sein Sprecher Howe damals die Öffentlichkeit falsch informiert hätten. Um Prozesskosten zu sparen, machte Peters allerdings zunächst nur einen symbolischen Betrag von rund 5000 Euro nebst Zinsen geltend. Davon sprachen ihm die Richter nur die Hälte zu. Denn sie wiesen einen zweiten Vorwurf zurück. Nach ihrer Ansicht haftet Middelhoff nicht auch noch für ein Interview, in dem er eine Kapitalerhöhung ausgeschlossen hatte. Auf die Frage nach einer möglichen Kapitalerhöhung hatte Middelhoff geantwortet: „Das ist völliger Quatsch.“ Peters hatte daraufhin weitere Arcandor-Aktien gekauft. Manche Äußerungen seien zwar „unternehmerisch überoptimistisch“ gewesen, sagte die Vorsitzende Richterin der Vierten Zivilkammer, Jutta Lashöfer, bei der Urteilsverkündung. Doch seien sie nicht konkret genug gewesen, um Anleger zu täuschen.

          Eine Klagewelle weiterer geschädigter Anleger?

          Der Anwalt Middelhoffs, Hartmut Fromm, kündigte Berufung an. Middelhoff sei als damaliger Arcandor-Chef nicht über die Äußerungen seines Pressesprechers informiert worden, sagte Fromm. Er warf dem Gericht vor, Beweismittel nicht gewürdigt zu haben.

          Allein aus der Transaktion vom 24. September sei Peters ein Schaden von knapp 20 000 Euro entstanden, den er nun in einem neuen Verfahren einklagen könne, sagte sein Anwalt Stefan ten Doornkaat. Eine Klagewelle weiterer geschädigter Anleger sieht er indes nicht auf Middelhoff zurollen. Denn jeder Kläger müsse nachweisen können, dass die Aussagen des Pressesprechers ursächlich für seine Kaufentscheidung von Arcandor-Aktien gewesen sei, sagte ten Doornkaat weiter. Dies sei nur schwer zu machen.

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