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Versicherungen : Der Kampf gegen die Unisex-Tarife

Gleicher Preis für alle: Friseure bieten schon Unisex-Tarife an Bild: Getty Images

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs könnte Versicherungsunternehmen zu einheitlichen Prämien für Männer und Frauen zwingen. Die Branche läuft Sturm dagegen. Verbraucherschützer hoffen auf weniger Diskriminierung.

          Frauen und Männer zahlen möglicherweise bald einheitliche Prämien für ihre Versicherungen. Denn der Europäische Gerichtshof prüft die Frage, ob die derzeitige Ungleichbehandlung gegen das Verbot der Diskriminierung verstößt. Vor allem Verbraucherschützer und Juristinnen sehen in dem Urteil die Chance auf weniger Diskriminierung. Die Versicherungswirtschaft dagegen befürchtet Kosten in Milliardenhöhe, wenn die Tarife angepasst werden müssen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Ein Verbraucherverband und zwei Privatpersonen hatten vor dem belgischen Verfassungsgericht dagegen geklagt, dass die Versicherer vom Verbot der Diskriminierung ausgenommen sind. Sie dürfen für ihre Policen unterschiedliche Beiträge verlangen, wenn das Geschlecht ein bestimmender Risikofaktor ist. Die Luxemburger Richter müssen nun prüfen, ob diese Ausnahme damit vereinbar ist, dass beide Geschlechter in der Versorgung mit Dienstleistungen gleichbehandelt werden müssen. Der Schlussantrag der Generalanwältin Juliane Kokott fiel eindeutig aus: Das Gericht solle die Ausnahme für ungültig erklären. Das Geschlecht bestimme nicht eindeutiger als zum Beispiel der Beruf, die Ernährung oder das soziale Umfeld, wie hoch die Lebenserwartung sei.

          Unisex-Tarife existieren schon

          Die Versicherer sind alarmiert. Ihre Mathematiker machen die bedrohliche Rechnung von 30 Milliarden Euro auf, die allein auf deutsche Lebensversicherer zukommen würden, wenn sie ihre Prämien nach einer Übergangsfrist von drei Jahren auch für Altverträge anpassen müssten. Dies legt der Antrag nahe. „Das würde die Branche vor große Finanzierungsprobleme stellen, und sie müsste an ihre Reserven gehen“, sagt Johannes Lörper, Vizepräsident der Deutschen Aktuarvereinigung. Der Versichererverband GDV rechnet zudem damit, dass Männer deutlich seltener eine private Rentenversicherung abschließen würden, wenn sie wegen des Urteils eine höhere Prämie zahlen müssten.

          Verbraucherschützer widersprechen diesem Drohszenario. Schon für Riesterverträge müssen die Anbieter seit Anfang 2006 einheitliche Unisex-Tarife einführen. Männer zahlen seither einen etwas höheren Beitrag als zuvor, obwohl sie durch die geringere Lebenserwartung eine kürzere Rentenphase haben. Das habe aber zu keinem Rückgang der Nachfrage geführt, sagt Lars Gatschke, Versicherungsfachmann des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Er plädiert dafür, weitere statistisch bedeutsame Unterschiede in die Prämien einfließen zu lassen. So hätten beispielsweise auch Bezieher niedriger Einkommen eine geringere Lebenserwartung und zahlten in der Rentenversicherung gemessen an ihrem Risiko zu hohe Prämien.

          Höhere Prämien hängen von Art der Versicherung ab

          Tatsächlich können sich die Tarife für Männer und Frauen erheblich unterscheiden. In der Kranken- und der Rentenversicherung zahlen Männer weniger. In der Autoversicherung kommen vor allem junge Frauen wegen der selteneren Unfälle besser weg. Und für eine Risikolebensversicherung, die im Todesfall 100 000 Euro zahlt und 25 Jahre läuft, zahlt ein 40 Jahre alter Mann beispielsweise 50 Prozent mehr als eine gleichaltrige Frau, weil es wahrscheinlicher ist, dass seine Angehörigen die Leistung in Anspruch nehmen.

          Es sei zwar richtig, dass auch das eigene Verhalten Einfluss auf die persönliche Lebenserwartung habe, sagt Peter Schwark vom Versichererverband GDV. „Wenn wir das Verhalten aber umfassend abbilden, stoßen wir schnell an die Grenzen des Datenschutzes“. Studien legten nahe, dass die Lebenserwartung von Frauen auch dann noch deutlich höher sei, wenn alle anderen relevanten Faktoren gleich seien.

          Geteilte Meinungen unter Juristen

          Die Fachfrauen des Deutschen Juristinnenbundes begrüßen dagegen den Inhalt des Schlussantrags. Die Beobachtung, dass Frauen länger lebten, beruhe auf veralteten Statistiken. Mit den Gewohnheiten glichen sich auch die Lebenserwartungen an, sagt die Frankfurter Rechtsprofessorin Astrid Wallrabenstein. Müssten die Versicherer alte Verträge anpassen, könne das zwar zu deutlich höheren Beiträgen für Männer führen. „Es ist nicht auszuschließen, dass dies für bestimmte Gruppen eine soziale Härte bedeutet. Die müsste dann aber sozialpolitisch abgefedert werden“, sagt sie. Denn die allgemeine Gleichbehandlung sei ein übergeordnetes Recht.

          Unter Juristen ist die Meinung geteilt. „Man sollte nicht das eigentliche Ziel der Antidiskriminierung außer Acht lassen: den Schutz vor Willkür“, sagt Christian Armbrüster, Rechtsprofessor der Freien Universität Berlin. Wenn ein Versicherer sich an objektivierbaren Statistiken orientiere, sei ihm dieser Vorwurf kaum zu machen. Das deutsche Versicherungsaufsichtsrecht zwinge sogar dazu, bei bestimmten Verträgen nach Alter und Geschlecht zu unterscheiden, um sie auch dauerhaft erfüllen zu können. Würde aus dieser Pflicht ein Verbot werden, bedeute dies einen Paradigmenwechsel. In der Vergangenheit konnten die Versicherer sich in dieser Frage der politischen Unterstützung immer sicher sein. Juristisch könnte die Front anders verlaufen. Zumeist folgen die Richter dem Schlussantrag der Generalanwältin.

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