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Strafprozess in München : Der Hoeneß-Zähler steigt auf 27 Millionen Euro

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Uli Hoeneß steht am Dienstag zwischen seinen Anwälten Hanns W. Feigen (links) und Markus Gotzens. Bild: AP

Die Hinterziehungs-Summen von Uli Hoeneß wachsen immer weiter. Zu einem schnellen Urteil wird es wohl nicht mehr kommen.

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          FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist vor Gericht von einer  Steuerfahnderin massiv belastet worden. Die Steuerschuld von Uli Hoeneß liegt nach Angaben der Rosenheimer Steuerfahnderin vor dem Münchner Landgericht noch höher als vom Bayern-Präsidenten eingeräumt. Laut ihrer Aussage vom Dienstag schulde Hoeneß dem Fiskus mindestens 23,7 Millionen Euro und nicht 15 Millionen, wie er am Montag erklärt hatte.

          Dabei handle es sich um eine „Best-Case-Rechnung“ zu Gunsten von Hoeneß. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft angegeben, die 3,5 Millionen Euro aus der ursprünglichen Anklage kämen noch dazu - darum summiert sich die Zahl auf 27 Millionen Euro.

          Aus Sicht der Verteidiger spielt die Höhe des hinterzogenen Betrags allerdings keine Rolle, weil die Selbstanzeige wirksam sei. Fraglich ist allerdings, ob das Gericht sie als vollständig wertet. Wohl vom Tisch hingegen ist der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, eine Straffreiheit komme überdies deshalb nicht in Betracht, weil Hoeneß sich erst nach Recherchen einer Illustrierten beim Fiskus gemeldet habe. Die Vernehmung zweier Steuerfahnder ergab nun aber, dass sie die Ermittlungen erst Stunden später aufnehmen wollten, nachdem das Selbstbezichtigungsschreiben bei ihnen eingetroffen war. Bis dahin war ihnen zumindest der Inhaber des Nummernkontos von Hoeneß nicht bekannt.

          Hoeneß soll Dokumente zurückgehalten haben

          Deutlich wurde am Dienstag auch, wie schleppend Hoeneß die nötigen Informationen von seiner Schweizer Bank Vontobel an die Behörden übermittelt hat. Eine Steuerfahnderin sagte vor Gericht, Hoeneß habe nach seiner Selbstanzeige Unterlagen zu seinen zwei Schweizer Konten mehr als ein Jahr lang zurückgehalten. Hoeneß’ Verteidigung habe die PDF-Dateien erst am 27. Februar 2014 abgegeben. Seine Bank habe die „Grunddateien“ der PDF-Dokumente aber bereits am 18. Januar 2013 erstellt - einen Tag nach der Selbstanzeige. Das habe die EDV-Abteilung der Finanzbehörde festgestellt. Die Verteidigung betonte, die Datei sei nach und nach vervollständigt und erst kurz vor Prozessbeginn fertiggestellt worden. Die Bank habe solange benötigt, um die rund 70.000 einzelnen Dokumente zu sortieren. Allerdings hatte die Staatsanwaltschaft Hoeneß‘ früheren Verteidigern mehrfach vergeblich Fristen dafür gesetzt. Auch der Vorsitzende Richter zeigte sich konsterniert, dass Hoeneß selbst eingeräumt hat, nach Erhebung der Anklage habe er in seinen Bemühungen um die Beschaffung der Bankunterlagen nachgelassen.

          Hoeneß hatte am 17. Januar 2013 eine Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung abgegeben. Die Staatsanwaltschaft erkannte diese aber als unvollständig nicht an und klagte Hoeneß deshalb später wegen Steuerhinterziehung an.

          Nach Angaben der Steuerfahnderin hatten die Behörden Hoeneß und seinen Beratern zunächst die Gelegenheit gegeben, die Selbstanzeige nachzubessern. Doch es seien lange keine Unterlagen nachgereicht worden. Erst danach leiteten sie ein Ermittlungsverfahren ein und durchsuchten das Anwesen von Hoeneß am Tegernsee. Eine entscheidende Frage für die Gültigkeit der Selbstanzeige ist, ob Hoeneß darin umfassende Angaben gemacht hat.

          Wie die Steuerfahnderin schilderte, gab es nach der Selbstanzeige mehrere Gespräche und Treffen, bei denen Hoeneß über seine Steuerberater und Anwälte Angaben zur ursprünglichen Anzeige ergänzte oder das Nachreichen von Daten ankündigte - bis hin zu der Übergabe eines USB-Sticks mit den vollständigen Bankunterlagen erst zwei Wochen vor dem jetzigen Prozessbeginn.

          Mit der Aussage der Steuerfahnderin zeichnet sich ab, dass sich der Prozess gegen Uli Hoeneß in die Länge ziehen könnte. Die Vernehmung der Steuerfahnderin zeige, dass es um ausführliches Zahlenmaterial gehe, sagte Gerichtssprecherin Andrea Titz. Das werde sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Ein Urteil am Donnerstag sei nicht mehr sehr wahrscheinlich.

          Richter Rupert Heindl hat für morgen einen zusätzlichen Zeugen geladen. Es handelt sich um einen Betriebsprüfer, der Hoeneß, weil dieser Einkommensmillionär ist, regelmäßig überprüft. Das Gericht müsse sich ein Bild machen, „wie solche Summen angehäuft werden konnten und wo das Geld herkommt“, sagte Gerichtssprecherin Titz. Es sei deshalb nicht ausgeschlossen, dass dafür weitere Prozesstage angesetzt werden müssen.

          Hoeneß ist wegen Steuerhinterziehung in sieben Fällen angeklagt, die Staatsanwaltschaft ging von einer Steuerschuld von 3,5 Millionen Euro aus. Zum Prozessauftakt am Montag legte Hoeneß überraschend ein umfassendes Geständnis ab, laut dem er mindestens 18,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen hat - und damit 15 Millionen mehr als bislang angenommen.

          Der Fall Hoeneß - eine Chronologie

          2001 bis 2006: Hoeneß spekuliert im großen Stil an der Börse. Dafür nutzt er ein Konto in der Schweiz. Einen Teil der Millionen soll ihm der frühere Adidas-Chef Robert Louis Dreyfus zur Verfügung gestellt haben.

          Januar 2013: Hoeneß zeigt sich beim Finanzamt selbst an. Die Staatsanwaltschaft München leitet ein Ermittlungsverfahren ein.  Hoeneß hatte vergeblich auf das zuvor gescheiterte Steuerabkommen mit der Schweiz gesetzt.

          20. März 2013: Steuerfahnder durchsuchen Hoeneß‘ Villa am Tegernsee. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor. Dieser wird außer Vollzug gesetzt - angeblich gegen Zahlung einer hohen Kaution.

          20. April 2013: Der „Focus“ macht den Fall öffentlich. Das Magazin berichtet unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft und Hoeneß selbst.

          6. Mai 2013: Hoeneß bleibt nach einem 8:0-Votum der Mitglieder Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG.

          30. Juli 2013: Die Staatsanwaltschaft München erhebt Anklage gegen Hoeneß wegen Steuerhinterziehung.

          4. November 2013: Das Oberlandesgericht München gibt bekannt, dass die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II die Anklage gegen Hoeneß „unverändert“ zugelassen hat.

          23. Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft München lässt bayerische Finanzbehörden wegen des Verdachts der Verletzung des Steuer- und des Dienstgeheimnisses durchsuchen. Zuvor waren Dokumente aus Hoeneß’ Steuerakte an die Presse weitergegeben worden. Hoeneß hatte Strafanzeige gestellt.

          10. März 2014: Begleitet von einem großen Medieninteresse beginnt in München der Prozess. Um Punkt 9.30 Uhr setzt sich der Präsident des FC Bayern auf seinen Platz vor Gericht. Während der Verhandlung gibt Hoeneß zu, weitere 15 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben.

          11. März 2014: Am zweiten Prozesstag sagt eine Rosenheimer Steuerfahnderin vor Gericht aus. Laut ihrer Aussage hat Hoeneß sogar mehr als 27 Millionen Euro zu wenig an Steuern gezahlt.

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