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Strafverfahren gegen Deutsche Bank : Kirchs Ende war vor Interview besiegelt

Unerwartete Fundgrube: Die Aktenberge sind mittlerweile weiter gewachsen Bild: dapd

In den Bergen von beschlagnahmten Dokumenten im Strafverfahren gegen die Deutsche Bank findet sich ein unerwartetes Protokoll. Es könnte dem Milliardenprozess der Kirch-Erben gegen das Geldinstitut eine neue Wende geben.

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          Unterlagen, die die Münchner Staatsanwaltschaft bei der Deutschen Bank wegen des Verdachts auf versuchten Prozessbetrug beschlagnahmt hat, könnten eine unerwartete Wirkung haben: Der Milliardenklage der Erben des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch entziehen sie womöglich den Boden. In den 140 Aktenordnern, die in digitaler Form ein ganzes Terabyte umfassen, fand sich nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung jetzt das Protokoll einer Aufsichtsratssitzung der Axel Springer AG vom 14. Januar 2002 - also noch vor dem Fernsehinterview des damaligen Bank-Vorstandssprechers Rolf-Ernst Breuer, das nach Ansicht der Kirch-Erben ihren Konzern in die Pleite gestürzt hat.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Dem Dokument zufolge erläuterte der damalige Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner dem Kontrollgremium im Beisein unter anderem von Friede Springer, Kirch und dessen rechter Hand Dieter Hahn, es sei davon auszugehen, dass die Kreditgeber Kirch kein weiteres Geld mehr zur Verfügung stellen würden.

          Würde der Verlag jetzt auch noch seine Verkaufsoption gegenüber Kirch an einem Paket von Aktien des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat 1 ausüben, könne dies „eine Kettenreaktion auslösen“ und Kirch in die Insolvenz treiben. Dennoch beschloss der Aufsichtsrat anschließend in dieser Sitzung - ohne Zustimmung Kirchs - einhellig, der Münchner Medienunternehmer müsse das Aktienpaket für 767 Millionen Euro zurückkaufen. Kirch ging pleite, und fortan war die Verlegerwitwe Friede Springer Herrscherin im eigenen Unternehmen - Springer gehörte wieder Springer.

          Das Protokoll könnte ein neues Licht darauf werfen, wer Schuld an Kirchs Milliardenpleite hat. Diese Frage ist über so manches nervenzehrendes Scharmützel in den vergangenen zwölf Jahren mitunter in Vergessenheit geraten. Kirch sieht bekanntlich in Breuer den Hauptschuldigen, seit dieser Anfang Februar 2002 öffentlich Kirchs Kreditwürdigkeit in Zweifel zog. Wochen später war Kirchs Firmengeflecht am Ende; der Medienunternehmer überzog daraufhin Breuer und das Geldinstitut mit Prozessen.

          Kirchs Anwälte beantragen Einsicht

          Demnächst könnten Breuer und seine Nachfolger sogar angeklagt werden, darunter der heutige Ko-Vorstand Jürgen Fitschen: Die Staatsanwaltschaft München will demnächst ihre Ermittlungen abschließen. Allerdings dürften noch etliche Wochen vergehen, bis die Frist für eine Stellungnahme der Bank abgelaufen ist und die Strafverfolger diese wiederum geprüft haben.

          Kirchs Anwälte von der Kanzlei Bub, Gauweiler, Partner haben bei der Münchner Staatsanwaltschaft Einsicht in deren Ermittlungsakten beantragt. Sie wollen Zugriff haben auf die Aktenordner, weil sie in den bei zwei Durchsuchungen beschlagnahmten Dokumenten aus der Deutschen Bank Beweismaterial für ihre Klage wittern. Dabei könnten sie aber auch auf ebenjenes Dokument aus der Springer-Aufsichtsratssitzung stoßen, das die Kirch-Position offenbar schwächt. Über den Antrag auf Akteneinsicht will die Staatsanwaltschaft ebenfalls erst nach Anhörung der Deutschen Bank entscheiden.

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