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Steuerberatung : Ein Lächeln für das Finanzamt

  • -Aktualisiert am

„Immer freundlich bleiben!” Der Steuer-Konflikt-Coach Mathias Paul Weber Bild: Marcus Kaufhold

Steuerzahler und Fiskus geraten häufig aneinander. Wenn gar nichts mehr geht, vermittelt Mathias Paul Weber. Er ist Deutschlands erster Steuer-Konflikt-Coach.

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          Der Satz, den er am liebsten zu seinen Mandanten sagt, ist: „Wir schaffen das!“ So, wie er das sagt, nimmt man es ihm ab. Ganz ruhig und bestimmt wird er dann, weil er selbst daran glaubt. Wer zu Mathias Paul Weber kommt, hat ein ziemlich großes Problem mit dem Finanzamt. Oft drohen ihm Kontenpfändung oder Offenbarungseid, und er hofft, daß Weber hilft. Der ist Steuer-Konflikt-Coach und für viele die letzte Instanz vor dem Abgrund. So manche Existenz hat er schon gerettet.

          Durch Deutschland verläuft eine Kluft, breiter und tiefer als in irgendeinem anderen Land, sagen Branchenkenner. Nicht zwischen Ost und West, Arm und Reich, sondern zwischen Bürgern und Ämtern, vor allem zwischen Steuerzahlern und Finanzämtern. Die einen gelten in den Augen des Staates als potentielle Steuerhinterzieher. Nur ein Trieb sei bei den Deutschen stärker ausgeprägt als der Sexualtrieb, klagte jüngst eine Staatssekretärin des Finanzministeriums: der Steuerspartrieb. Wegen ihres einnehmenden Wesens wiederum sind die Finanzbeamten bei der Bevölkerung verschrien, manchmal regelrecht verhaßt.

          Vom Steuerinspektor zum Steuerberater

          „Was glauben Sie, wie oft sich ein Steuerbeamter anhören muß, daß er der willfährige Diener eines gefräßigen Staates ist?“ fragt Weber. Er weiß es, weil er selbst sechs Jahre Steuerinspektor war. Sogar sein Schwiegervater bezeichnete ihn mal als „modernen Raubritter“ - nur im Scherz, aber es hat den aufrechten Finanzwirt geärgert. So sehr, daß der Job ihm keinen Spaß mehr machte und er die Seiten wechselte, zum Steuerberater. Noch mehr als das schlechte Image störte ihn, „verwaschene Gesetze umzusetzen“. Die sind das eigentliche Problem, an dem viele seiner Kollegen verzweifeln: „Wir alle leiden an den Steuergesetzen“, sagt Wolfgang Wawro, Präsident des Steuerberaterverbandes Berlin-Brandenburg, „sie sind so kompliziert, daß kein normaler Mensch sie versteht - dazu zähle ich auch Steuerberater und Finanzbeamte.“

          „Zu mir kommen Leute, bei denen es brennt”

          Nirgendwo auf der Welt ist die Gesetzeslage zur Besteuerung so dicht. Gut 60 Prozent der Weltsteuerliteratur sind in deutscher Sprache verfaßt. Weil da keiner mehr durchblickt, ist jeder dritte Steuerbescheid vom Finanzamt falsch. Rund 4,5 Millionen Einsprüche legen Bürger jedes Jahr ein und „Tausende von Klagen sind vor den Finanzgerichten anhängig“, sagt Wawro. Die Gerichte sind die offizielle Instanz, die Zweifelsfälle klärt, wenn keine Seite einlenkt. Klagen tun aber nur diejenigen, die ein Steuerberater bestärkt, daß sie Recht bekommen werden, und die den finanziellen Atem haben, es durchzufechten. Für diejenigen, die ahnen, daß sie selbst einen Fehler gemacht haben, denen das Wasser bis zum Hals steht oder bei denen der Steuerberater abwinkt, weil er sich nicht gut genug in der Materie auskennt, ergreift der Steuer-Konflikt-Coach Partei.

          „Zu mir kommen Leute, bei denen es brennt, die Fristen versäumt haben, denen Prüfungen oder Steuerfahndungen drohen oder die extrem hohe Nachforderungen begleichen sollen, das aber nicht können.“ Im Grunde sieht er sich als Arzt, sagt er. Während der normale Steuerberater der Hausarzt sei, arbeite er als Facharzt für die besonders schweren Fälle. Mathias Paul Weber ist ein Mensch, der am liebsten beide Seiten gewinnen sehen will. Klingt nach Gutmenschentum, ist aber die Grundlage seines Berufes. Er erarbeitet Win-Win-Situationen und will Steuerzahler und Finanzbeamte zu „Geschäftspartnern“ machen. „Konflikte mit dem Finanzamt sind absolut unnötig“, findet er, „schließlich haben beide Seiten das gleiche Interesse: den Fall möglichst schnell abzuwickeln.“ Den Interessenkonflikt, daß der eine viel Geld bekommen will, der andere aber wenig abgeben, läßt er nicht gelten: Es gehe nicht nur ums Geld.

          Wenn Bürger und Beamte Partner werden

          In Wahrheit „sollen beide erkennen, daß auf der anderen Seite auch ein Mensch sitzt“. Sein erster Grundsatz lautet daher: Dem anderen zuerst ein Gesicht geben, möglichst ein freundliches. Nun fällt es jemandem, der kurz vor Kontenpfändung und Insolvenz steht, sicher schwer, dem Vollstrecker auch noch ein Lächeln zu schenken. Aber dafür ist ja Weber da. Er fährt zu den Exkollegen ins Amt, weil er ihre Sprache spricht. „Sie glauben gar nicht, wie viel Ermessensspielraum ein Bearbeiter hat, wenn die Chemie stimmt.“

          Auf diese Art ersparte er dem Inhaber eines Handwerksbetriebs Beugehaft und Insolvenz. Er hatte den Betrieb dichtgemacht, es dem Finanzamt aber nicht gemeldet. Monate später forderte das Amt 80.000 D-Mark Steuernachzahlung. Der Mann war am Ende, als Weber zu ihm sagte: „Das schaffen wir schon!“ Er erwirkte eine Aussetzung der Zahlung, ordnete die Buchführung und errechnete am Ende 15.000 D-Mark, die der Kunde vom Finanzamt zurückbekam.

          Einem Schreinereibesitzer sicherte er den sorglosen Ruhestand. Als der seinen Betrieb verkaufen wollte, verlangte die Steuerbehörde 100.000 Euro für ein gewährtes Betriebsrettungsdarlehen, auf dessen Rückzahlung die Bank großzügig verzichtet hatte. Der „Sanierungsgewinn“ müsse versteuert werden. Weber fand eine Konstruktion, den Betrieb zu verkaufen und den Chef zu entlasten. Seine bisherige Bilanz: „In 80 Prozent der Fälle bewegt sich das Finanzamt zugunsten der Steuerzahler. In zwei Drittel kommt es uns sogar finanziell entgegen.“ Für solche Erfolge erhält der Konflikt-Coach das, was die Sätze der Steuerberater-Gebührenordnung hergeben. Künftig will er sich auf Pensionszusagen und Betriebsprüfungen spezialisieren. Sein Fernziel aber bleibt, daß Bürger und Beamte Partner werden. „Wenn es mir gelingt, den Graben auch nur ein wenig zuzuschütten, ist viel erreicht.“

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