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Razzien : Unflätige Manager

  • -Aktualisiert am

Führungskräfte verlieren schnell die Fassung, wenn Polizisten bei einer Razzia in ihrem Wäscheschrank wühlen. Eine erfahrene Oberstaatsanwältin rät Managern im Ernstfall dringend zur Gelassenheit - und warnt auch sonst vor manch typischen Eigentoren.

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          Wenn Manager mit der Polizei konfrontiert werden, verhalten sie sich oft recht unvernünftig. "Wutanfälle sind bei einer Hausdurchsuchung unklug", warnt die Frankfurter Oberstaatsanwältin Hildegard Becker-Toussaint. Mangelnde Selbstkontrolle müssen die Ermittler öfter beobachten, wie die Strafverfolgerin berichtet. Das gelte "besonders bei Zwangsmaßnahmen in der Privatsphäre", sagte Becker-Toussaint kürzlich auf einer Veranstaltung der Rechtsanwaltskanzlei Clifford Chance in Frankfurt. Auch wenn sie so etwas nachvollziehen kann: "Denn da schaut die Polizei auch bei Führungspersönlichkeiten mal in der Wäsche nach."

          Heikle Party-Plaudereien

          Gefährlich ist nach den Erfahrungen der Juristin auch das "Plaudern in gesellschaftlich relevanten Kreisen", etwa über die mutmaßliche Beteiligung weiterer Firmenangehöriger oder die Äußerung von Negativurteilen über die beteiligten Staatsanwälte und deren Aktionen. "Frankfurt ist eine kleine Stadt", gibt Becker-Toussaint zu bedenken. Da könne es einem der Ankläger schon mal zu Ohren kommen, wenn man auf einer Party über ihn als "Papiertiger" herziehe.

          Von übermäßiger Empörung und "Kraftmeierei" in Verteidigerschriften rät die Oberstaatsanwältin ebenfalls ab. "Manche Mandanten verlangen das von ihrem Verteidiger, aber das heizt nur unnötig die Stimmung an." Auch "emotionalisierte, umfassende oder häufige Presseerklärungen" hält Becker-Toussaint für schädlich, denn darauf müsse die Anklagebehörde reagieren. Und wenn vollmundig eine "volle Kooperation und Aufklärungshilfe" durch das betroffene Unternehmen angekündigt werde, solle diese auch geleistet werden - "sonst könnte hinterher ein Staatsanwalt hämisch darauf hinweisen".

          Gefahr nicht unterschätzen

          Der wichtigste Rat der Ermittlerin an Manager unter Verdacht: "Leugnen Sie nicht die Ernsthaftigkeit der Situation vor sich selbst!" Ein Strafverfahren dürfe nicht unterschätzt werden. Grundfalsch sind nach ihren Angaben auch Briefe oder Anrufe bei befreundeten Politikern in der Hoffnung auf "Einfluss von oben". Oft glaubten Führungspersonen, damit etwas erreichen zu können: "Sehr häufig geht das aber absolut daneben", versicherte Becker-Toussaint. "Denn der zuständige Staatsanwalt könnte verärgert durch Gegenrudern diesem Eindruck entgegentreten wollen." Nicht ganz unterschätzen dürfe man die Tatsache, dass Ermittlungen bei "presserelevanten Verfahren" in der Behörde als "Berichtssache" eingestuft würden; in diesen Fällen werde das Justizministerium regelmäßig über die einzelnen Schritte - womöglich bis hin zum Personaleinsatz - informiert. Denn: "Öffentliche Kritik tut uns weh."

          Für sachdienlicher hält es die Anklägerin, wenn der Verteidiger die Staatsanwaltschaft daran erinnert, dass eine unnötige Rufschädigung des Unternehmens durch Presseerklärungen zu vermeiden sei. Auch "diskrete Hinweise auf potentielle Schadensersatzklagen wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts" kämen in Betracht. Überdies könne beim Pressesprecher der Behörde die Bekanntgabe entlastender Umstände angeregt werden - etwa bei einer Untreue, dass kein Geld in die eigene Tasche geflossen sei. "Das ist legitim, muss aber in angemessener Form erbeten werden." Und eine letzte Mahnung: "Eine Äußerung, die sich jemand gegenüber der Presse entlocken lässt, ist auch eine Aussage, die wir verwerten müssen." Ausgelöst würden Verfahren übrigens oft von "Insidern" aus Unternehmen, die ihre anonyme Anzeige gleich noch an die Medien schickten.

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