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Prozess wegen Steuerhinterziehung : Muss Uli Hoeneß ins Gefängnis?

Eine entscheidender Punkt dabei ist: Glaubt das Gericht Hoeneß seine Reue? Nimmt sie ihm ab, dass er mit der Selbstanzeige von sich aus reinen Tisch machen wollte oder handelte er erst, als es nicht mehr anders ging, weil die Angst zu groß war, aufzufliegen? Hoeneß’ Version lautet, er habe auf das Deutsch-Schweizer Abkommen für eine Steueramnestie gehofft. Als dies scheiterte, schritt er demnach zur Tat. Die weniger schmeichelhafte Variante dagegen geht so: Er hat die Selbstanzeige erst gestellt, als in ihm die Panik hochkroch, nachdem seine Schweizer Bank ihm von Anfragen eines „Stern“-Journalisten berichtet hat. Das erklärte die Hektik, mit der sie verfasst wurde – und ihre Abweisung durchs Finanzamt.

Zweigeteilte Persönlichkeit

In jedem Fall ist Hoeneß das „Verhältnis der verkürzten zu den gezahlten Steuern“, wie es der Bundesgerichtshof formuliert: Hat sich der Täter vor der Tat über einen längeren Zeitraum steuerehrlich verhalten, ist auch dies in den Blick zu nehmen. Da setzt Hoeneß Argumentation an: „Ich habe verdammt viele Steuern gezahlt, 50 Millionen Euro mindestens.“ Außerdem habe er mehr „gespendet als den Betrag, den ich hinterzogen habe“ - auch dieses Argument zählt zu dem, was Juristen unter „Gesamtwürdigung der Lebensleistung“ verstehen.

Doch es gibt die dunkle Seite. Der Bayern-Manager selbst beschreibt sich entschuldigend als einen Mann, dessen Börsenzockerei der Spielsucht nahegekommen sei. Sollte er glauben, damit Punkte zu machen vor Gericht, irrt er freilich. Spielsucht ist kein mildernder Umstand im Wirtschaftsstrafrecht - im Gegenteil: „Wer der Untreue angeklagt ist, wird gerade dann verurteilt, wenn er sich wie ein Zocker aufführt“, sagt Klaus Volk.

Hoeneß spricht von sich als zweigeteilte Persönlichkeit: Da ist der seriöse, konservative Geschäftsmann, der Bayern München und eine Wurstfabrik führt. Und das ist der wilde Zocker, der dem Kick nachgejagt ist, der ins große Risiko ging. Die Botschaft: Eigentlich bin ich ein anständiger, rechtstreuer Mann. Aber das Bild hat kleine Risse. Es geht um drei alte Vorfälle, die vielmehr Hoeneß’ Neigung belegen, sich das Recht zurecht zu biegen.

Erster Fall: Bayern München hatte in einem geheimen Vertrag mit der Kirch-Gruppe Sonderzuwendungen erhalten über das Geld hinaus, das Kirch damals der gesamten Liga für Fernsehrechte überließ. Hoeneß’ Club verletzte damit das Prinzip der Gemeinschaftsvermarktung und hinterging die komplette Konkurrenz. Zweiter Fall: Hoeneß überwies entgegen der Regeln einem Starspieler Millionen, als der noch im Diensten der Konkurrenz stand, um ihn zum Club zu holen.

Mögen diese Fälle noch fußballnotorische Gepflogenheiten einer halbseriösen Branche sein, so wirkt Fall drei gewichtiger: Sein Zockergeld hatte Hoeneß vom Adidas-Chef bekommen, dessen Firma kurze Zeit später mit fast zehn Prozent beim FC Bayern einstieg und den Ausrüstervertrag verlängerte. Das riecht nach Verquickung von privaten und geschäftlichen Interessen. Hoeneß, sagen selbst seine Feinde, hat nie etwas für sich genommen. Er kämpfte immer nur für Bayern München. Von Montag an kämpft er für sich.

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