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Prozess in Essen : Middelhoffs Nullsummenspiel

  • -Aktualisiert am

Thomas Middelhoff vor Gericht Bild: dpa

In Essen steht Thomas Middelhoff als Angeklagter vor Gericht. Doch der Manager erhebt selbst schwere Vorwürfe gegen Justiz, Medien und Politik: Diese hätten nichts unversucht gelassen, um seine Reputation zu vernichten.

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          Der frühere Vorstandsvorsitzende des Kaufhauskonzerns Arcandor, Thomas Middelhoff, hat zum Auftakt des Strafprozesses gegen ihn wegen Untreue schwere Vorwürfe erhoben. Die Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft gegen ihn und seine Familie sei nicht akzeptabel, sagte Middelhoff am Dienstag vor dem Landgericht Essen. In einem Zusammenspiel mit dem Arcandor-Insolvenzverwalter und dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ habe sie fünf Jahre lang nichts unversucht gelassen, um ihn mit Indiskretionen zu kriminalisieren und seine Reputation zu vernichten. Einen Anteil daran schrieb der ehemalige Manager auch der früheren Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) zu. Diese hatte ihre nordrhein-westfälische Amtskollegin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) schriftlich zum Einschreiten gegen ihn aufgefordert.

          Zuvor hatten zwei Staatsanwälte eineinhalb Stunden lang 48 einzelne Flugreisen vorgetragen, die Middelhoff in den Jahren 2005 bis 2009 auf Firmenkosten unternommen haben soll. Diese führten unter anderem nach Montreal, New York, London und Südfrankreich; teils auf seine dortige Luxusjacht, teils zu Sitzungen diverser Aufsichtsräte, in denen er nebenher Mitglied war. Dabei fielen auch Ausgaben etwa für einen Limousinenservice, Bewirtung und Trinkgelder an. Die Ankläger räumten allerdings ein, dass diese zumeist nicht rein privater Natur waren; sie seien aber „nicht in Gänze dienstlich veranlasst“ gewesen.

          Nach den Regeln der Strafprozessordnung musste jedes Detail hierzu vorgelesen werden („Es folgt jetzt eine Tabelle mit zehn Spalten“). Häufig ließ sich Middelhoff überdies mit einem Hubschrauber von seinem Wohnsitz Bielefeld nach Essen zur Konzernzentrale fliegen. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass er eine Festschrift für den früheren Bertelsmann-Chef Mark Wössner („Unternehmertum im Zeitalter der Globalisierung“) teilweise vom früheren Karstadt-Quelle-Konzern habe bezahlen lassen; der dortige Abzug als Betriebsausgabe sei zudem Steuerhinterziehung gewesen. Ursprünglich seien die Rechnungen denn auch auf den Namen von Middelhoff, der selbst früher an der Spitze des Medienkonzerns gestanden hatte, ausgestellt worden.

          Middelhoff weist sämtliche Vorwürfe zurück

          Middelhoff konterte mit einer fast zweieinhalbstündigen Erklärung und wies sämtliche Vorwürfe zurück. So habe er in dem fraglichen Zeitraum insgesamt 610 Flüge unternommen und 210 davon selbst bezahlt. Von den 400, die er Arcandor in Rechnung gestellt habe, habe das Landgericht Essen kürzlich in einem Zivilprozess lediglich zwei beanstandet. Für ihn sei dies ohnehin ein „Nullsummenspiel“ gewesen, denn nach einer Bombendrohung habe die Großaktionärin Madeleine Schickedanz verlangt, dass er nur noch Charter- statt Linienflüge nutze, und die Kosten dafür persönlich übernommen. Mit einigen nur wenig verklausulierten Beispielen versuchte Middelhoff zudem zu verdeutlichen, dass Vorstände anderer Dax-Unternehmen sehr viel weniger für Privatflüge in Firmenjets zahlten; dies würden seine Anwälte demnächst noch vertiefen. Betont freundlich zum Gericht, warf Middelhoff immer wieder anklagende Blicke abwechselnd in Richtung der beiden Staatsanwälte und der Pressebank im Sitzungssaal.

          Einen erheblichen Teil seines Vortrags verwendete Middelhoff allerdings darauf, seine Erfolge bei Bertelsmann, wo er regelmäßig aus beruflichen Gründen mit dem Überschallflugzeug Concorde geflogen sei, und Arcandor zu loben. Auch wiederholte er seinen Vorwurf, nicht er, sondern sein Nachfolger Karl-Gerhard Eick habe die Pleite von Arcandor verursacht. Sein Vermögen und seinen Lebensstil habe er sich schon bei Bertelsmann sowie – ebenfalls vor seinem Einstieg bei Arcandor – bei einer Londoner Private-Equity-Firma erarbeitet. Für den Prozess hat die 15. Große Wirtschaftsstrafkammer bereits 31 weitere Verhandlungstage angesetzt und zahlreiche Zeugen aus dem In- und Ausland geladen. Noch nicht rechtskräftig entschieden ist über Schadensersatzklagen des Arcandor-Insolvenzverwalters gegen Middelhoff von mehr als 175 Millionen Euro. Auch ermittelt noch die Bochumer Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung.

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