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Pferdesteuer : Wie zaust man einen Pferdehof?

Dann eben in den steuerfreien Nachbarort: Die Pferdepensionen in den Nachbargemeinden freuen sich Bild: Sick, Cornelia

Finanzschwache Gemeinden kommen schon mal auf dumme Gedanken. Die Pferdesteuer ist so einer: Reiten wird als einzige Sportart bezuschusst und besteuert zugleich.

          Wer in Deutschland umziehen will, sollte zuvor einen Blick auf die Finanzlage der neuen Gemeinde werfen. Es gibt welche, die nicht mit Geld umgehen können, und weil die Räte sich nicht gern selbst die Grundsteuer verdoppeln, kommen sie auf andere dumme Gedanken.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Jetzt also die Pferdesteuer. Bad Sooden-Allendorf hat sie seit Beginn des Jahres, aber die verlangten 200 Euro für Nichts bis zum Ergebnis eines Normenkontrollverfahrens ausgesetzt, Kirchheim hat sie seit ein paar Wochen und zählt derzeit die Pferde, Schlangenbad hat sie vom nächsten Jahr an. Bis zu 750 Euro jährlich sind im Gespräch, rund zweihundert Gemeinden haben darüber diskutiert. Fast alle haben nach näherer Prüfung die Idee wieder fallenlassen.

          Das hat seinen Grund. Mal abgesehen davon, dass es zu viele und nicht zu wenig Steuern gibt, taugt die neue Abgabe noch nicht einmal für den Zweck, zu dem sie ersonnen wurde - also die leeren Kassen zu füllen. Zu beobachten, wie sich die drei hessischen Gemeinden mit dem Verwaltungsaufwand für ein Bagatellaufkommen abquälen, erheitert dann doch. Das geht schon mit der Erhebung los. Ein Pferd ist kein Hund.

          Heute Hunde, morgen Pferde und übermorgen Goldfische?

          Es wohnt nicht im Haushalt, sondern steht mal hier, mal dort in Pferdehöfen. Weil nicht der Besitzer, sondern das Pferd besteuert wird, ist entscheidend, wo es gehalten wird. Deshalb freuen sich die Pensionsbetriebe in den Nachbargemeinden, während die gierigen Kommunalpolitiker den eigenen Pferdepensionen den Hahn abdrehen, weil die Kunden zur Vermeidung der Steuer einfach abwandern. Eine halbe Million Proteste hat die deutsche Reitervereinigung eingesammelt. Die Leute stellen Fragen, die Bürgermeiser können sie nicht beantworten: Was soll sein mit Rentnern, die Ihr Gnadenbrot bekommen?

          Was mit Schulpferden und Vereinen für therapeutisches Reiten, mit Urlaubern, mit Rückepferden und mit den Zebras im Zoo? Und warum eigentlich überhaupt? Heute Hunde, morgen Pferde und übermorgen Goldfische? Ahnungslose und vom Fiskus gegängelte Hundehalter meinen, die offensichtlich reichen Pferdeleute sollten auch ihr Scherflein zum Wohlergehen der Allgemeinheit beitragen. Sie haben Bilder von tanzenden Schönheiten vor Augen, auf denen die Reiter im Takt mit dem Kopf nicken, und Kaufpreise, für die man in der Altmark einen Bauernhof bekommt.

          Das offenbart den ganzen Nonsens

          In Wahrheit gehören neun von zehn Pferden Leuten aus der Mittelschicht; früher hatte man Zeit und Geld, jetzt hat man ein Pferd. Oder Jungen und vor allem Mädchen haben sich gemeinsam eines zusammengespart und verzweifeln nun an den ständig steigenden Folgekosten für Unterkunft, Hufschmied und Tierarzt. Dabei ist es besser, die Jugend verbringt ihre Zeit mit einem vierbeinigen Kumpel, statt auf der Straße zu lungern. Sport ist der Landespolitik ein heiliges Anliegen, er wird auf vielerlei Art gefördert. Das offenbart den ganzen Nonsens: Die Sportart Reiten wird als einzige bezuschusst und besteuert zugleich.

          Die hessischen Kommunalpolitiker aus den hinteren Winkeln sollten eigentlich wissen, dass man einen Hof mit siebzig Pferden durch die Steuer schlachtet, statt ihn zu melken. Betriebe von der Abgabe auszunehmen, die von der gewerblichen Pferdehaltung leben, geht auch nicht gut. Das wäre eine Einladung an die Pferdebesitzer, ihren steuerbaren Gegenstand an den Hof zu verkaufen und wieder zurückmieten. Nach der Satzung befreit sind Pferde, die „nachweislich zum Haupterwerb im Rahmen der Berufsausübung eingesetzt werden.“ Schulpferde sind wohl nicht gemeint. Sollen das solche sein, die den Pflug ziehen?

          Die Branche ist, der Markt liegt darnieder

          Die gewerblichen Pferdehalter gehören zu den schärfsten Gegnern des Steuerunfugs. Die Branche ist ohnehin gebeutelt, der Markt liegt darnieder. Einen Pferdehof zu betreiben, macht keinen Spaß mehr. Auf dem Grünland sitzen die Bauern, auch dann, wenn sie es gar nicht brauchen, den Pferdehaltern fehlen deshalb die Wiesen. Auf die wenigen Weiden, die man hat, darf man im Gegensatz zu den Landwirten keinen Unterschlupf stellen, obwohl der Tierschutz das gebietet. Viele Höfe sind nicht nur Pensionen, sondern sie züchten auch. Seit einem Jahr fällt auf Verkaufspferde die volle Mehrwertsteuer an, zuvor galten sie als Nutztiere mit reduziertem Satz. Das ist dort nachvollziehbar, wo das Pferd ein reines Freizeitgerät ist.

          Spätestens seit sein Fleisch ungewollt in der Lasagne aufgetaucht ist, weiß man aber, dass es auch zu anderen Zwecken verwendet wird. Tatsächlich wandert ein guter Teil zum Schlachter, von der Stutenmilch gar nicht zu reden.

          Nun dräut die Pferdesteuer, wo sich die Züchter doch noch nicht einmal von den Gewährleistungsansprüchen erholt haben, die sie seit gut einem Jahrzehnt nerven. Das Pferd wird vom Profi mühsam zugeritten, damit das mehr oder weniger vorhandene Talent in richtige Bahnen gelenkt wird.

          Beim Verkauf läuft es auch brav. Dann juckeln Hinz und Kunz darauf herum, und binnen weniger Wochen macht der Zosse, was er will. Das ist ein Mangel, folglich muss der Verkäufer nachbessern, also nochmals ausbilden. Dann läuft der Gaul wieder. Und so fort. Oder er muss ihn ganz zurücknehmen. Pferdezucht lohnt heute nicht mehr. Wie, das Leben ist kein Ponyhof? Das ist am Ende ein Segen.

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