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Justiz : Wirtschaftsrichter in Amerika sind Spezialisten für Unternehmen

In New York hat die Justiz ihren Ruf mit Wirtschaftsabteilungen aufpoliert. Das Modell findet immer mehr Nachahmer.

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          Der internationale Wettbewerb macht auch vor den Toren Justitias nicht halt. Seit die englische Anwaltskammer mit einer aggressiven Imagekampagne einen Wettstreit vom Zaun gebrochen hat, scheint es auch unter deutschen Advokaten kein Halten mehr zu geben: "Law made in Germany" heißt eine druckfrische Broschüre der unterschiedlichsten Juristenverbände, um dem heimischen Recht international mehr Bedeutung zu verschaffen. Doch nur auf die Vorteile zu verweisen ist dem Bremer Rechtsprofessor Gralf-Peter Calliess und seinem Mitarbeiter Hermann Hoffmann nicht genug. Kürzlich forderten die beiden im "Anwaltsblatt" spezielle Kammern für internationale Handelssachen - mit Englisch als Gerichtssprache. So solle Deutschland als internationaler Justizstandort etabliert werden.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Supreme Court als Leuchtturm

          Als leuchtendes Beispiel dient ihnen die Spezialkammer für Wirtschaftsstreitigkeiten in New York. Dort hatte sich der Oberste Gerichtshof ("Supreme Court") schon vor rund 15 Jahren entschlossen, den Unternehmen vor Ort einen ganz besonderen Service zu bieten: Er richtete eine "Commercial Division" ein, in der die zuständigen Richter tagein, tagaus nicht anderes tun, als sich um die Rechtsstreitigkeiten der ansässigen Wirtschaft zu kümmern: Vertragsverletzungen, Schadensersatzansprüche oder komplexe Immobilienverfahren gehören nun zum Tagesgeschäft der insgesamt sieben Richter. Im vergangenen Jahr gehörte etwa eine Klage gegen die kriselnde Investmentbank Bear Stearns dazu, die vom Wettbewerber JP Morgan geschluckt wurde.

          Für den amerikanischen Wirtschaftsanwalt Mitchell Bach war das der große Durchbruch. Der Advokat, der sich schon vor 35 Jahren auf dieses Rechtsgebiet spezialisierte, erinnert sich noch genau, wie unangenehm Rechtsstreitigkeiten in diesem oft sehr komplexen Bereich waren. An manchen staatlichen Gerichten konnte der Anwalt noch nicht einmal sicher sein, dass der Fall die ganze Zeit über von einem einzigen Richter verhandelt wurde. Oft wechselten die Robenträger je nach Stadium des Prozesses. Jetzt hat er es nicht nur mit denselben Juristen zu tun, sondern auch noch mit welchen, die viel von dieser Materie verstehen. "Die Richter in diesen Abteilungen sind sehr erfahren, sehr effizient und sehr bewandert auf ihrem Gebiet", sagt Bach von der Kanzlei Eckert Seamans Cherin & Mellott in Philadelphia.

          High-Tech im Gerichtssaal

          Das sieht auch Jeremy Feinberg als den großen Vorteil: "Bei uns werden Wirtschaftsverfahren in einer sehr wirtschaftlichen Art und Weise behandelt", sagt der Beauftragte für alle Wirtschaftskammern im Bundesstaat New York. Dazu gehören auch moderne Vorgehensweisen, die mehr an ein strategisches Meeting als an ein Gerichtsverfahren erinnern: Der "Gerichtssaal für das neue Millennium" hält etwa berührungsempfindliche Bildschirme, ein Videogerät und mehrere Computeranschlüsse bereit. Powerpoint-Präsentationen sind dort keine Seltenheit.

          Strenge Regeln begrenzen die Papierflut: Anträge dürfen nicht mehr als 25 Seiten umfassen, Erwiderungen nicht mehr als 15. Die elektronische Antragstellung gehört längst zum Standard, ebenso wie vorgeschaltete Konferenzen, die Probleme in den berüchtigten Ermittlungsverfahren ("Discovery") schon in einem sehr frühen Stadium klären sollen. Anwälte schätzen dabei das Verständnis, das die Richter den Problemen der Unternehmen entgegenbringen, etwa wenn sie gezwungen werden, Interna auszubreiten. Und das Gericht hat nicht vor, sich auf diese Lorbeer auszuruhen: "Wir sind immer offen für konstruktive Vorschläge", sagt Feinberg.

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