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Juristen auf der Suche nach der Moral : Anwälte und Richter wollen Paragraphen um Ethik ergänzen

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Die Anwaltschaft sorgt sich um ihre Berufsethik. Denn nach einer langen Phase der Deregulierung scheinen manchen Advokaten die Sitten in ihrer eigenen Zunft zu sehr verwildert zu sein. Auch der Richterstand besinnt sich auf tiefere Werte.

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          Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass das Bundesverfassungsgericht die „Standesrichtlinien“ der deutschen Anwaltschaft verworfen hat. Auch danach haben etliche weitere Entscheidungen aus Karlsruhe – maßgeblich vorangetrieben von der früheren Richterin Renate Jaeger – die Zunft von juristischen Fesseln befreit. Doch mittlerweile sorgt sich der Berufsstand um sein Bild in der Öffentlichkeit: Die Angst, in erster Linie als gebührenschindender „Rechtskaufmann“ wahrgenommen zu werden, geht um.

          Abrechnung im Himmel

          Der Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Michael Krenzler, brachte dies jetzt auf einer von ihr veranstalteten Tagung in Berlin auf den Punkt: Zu Beginn eines Vortrags erzählte er einen alten Juristenwitz, der einst nur auf amerikanische Verhältnisse gemünzt war. Ein Anwalt kommt nach dieser Fabel mit 50 Jahren in den Himmel und beschwert sich bei Petrus bitterlich über seinen frühen Tod. „Was wollen Sie denn?“, fragt der zurück: „Nach der Zahl der Stunden, die Sie Ihren Mandanten in Rechnung gestellt haben, sind Sie doch schon 80!“

          Krenzler wies auch auf vermehrte Gerichtsstreitigkeiten um die Höhe der Honorarrechnungen hin – bis hinauf zum Bundesgerichtshof. „Von den Gerichten werden sie dann häufig massiv gekürzt, weil Leistungen nicht genug nachgewiesen oder sogar künstlich aufgebläht wurden.“ Eine immer rücksichtslosere Werbung von „Opferanwälten“ nach tragischen Unglücks- und Katastrophenfällen sorgt aus seiner Sicht ebenfalls für Unruhe. „Und an die Stelle von Sachlichkeit tritt mehr und mehr der manchmal beleidigende Angriff auf die Person des Gegners“, bedauerte Krenzler, der zugleich der Ethikkommission der BRAK vorsitzt. Die Kammern verzeichnen nach seinen Angaben überdies zunehmend Fälle von „Vermögensverfall“, deretwegen sie diesen Mitgliedern die Zulassung entziehen müssen. Manche Rechtsberater versuchen denn auch sogar, ihre persönlichen Probleme durch Unterschlagung der ihnen anvertrauten Fremdgelder zu lösen.

          Rechtsrat im Internet versteigert

          Nach Ansicht von Kammerpräsident Axel Filges muss sich der Berufsstand auf eine Dreiteilung einrichten. Filges sieht in fünf Jahren nur noch ein Drittel seiner Kollegen als selbständige Anwälte. Ein weiteres Drittel werde in Kanzleien angestellt sein und der Rest als Syndikusanwalt vorrangig für Unternehmen oder Verbände beschäftigt sein. Dies sei eine gewisse Gefahr für die vielbeschworene „Einheit der Anwaltschaft“, sagte Filges, der selbst Partner einer internationalen Wirtschaftskanzlei ist. Auch sein Stellvertreter Krenzler beobachtet einen „Strukturwandel“. Mehr als die Hälfte seiner Gilde lebt demnach von einem Einkommen unterhalb des Niveaus von Facharbeitern; sie wirbt mittlerweile mit „Discountpreisen“. Für 12,50 Euro werde Rechtsrat im Internet versteigert.

          Die Grenze zur Reklame des Einzelhandels hält der Standesaufseher praktisch für aufgehoben – und Krenzler wundert sich nicht, dass Anwälte im Sozialprestige mittlerweile vom dritten auf den siebten Platz der beliebtesten Berufsgruppen abgerutscht sind. Doch gibt es auch ein Obersegment: zehn bis 15 Prozent der Branchenangehörigen verfügen nach seinen Angaben über richtige Managementgehälter – „allerdings um den Preis einer strikten Kommerzialisierung“. Die Grenzen zwischen Freiberuflern und Gewerbetreibenden verschwimmen.

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