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Schutz vor deutscher Justiz : Ein Banker auf der Flucht

  • -Aktualisiert am

Neuer Auftrag für den Banker? Uli Hoeneß mit Handy im Jahr 2009 Bild: Reuters

Wenn Uli Hoeneß zocken wollte, rief er Jürg Hügli an. Mit der Steuerhinterziehung will der Schweizer Banker aber nichts zu tun gehabt haben.

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          Das untere rechte Ufer des Zürichsees zählt zu den begehrtesten Wohnlagen in der Schweiz. Der hügelige Streifen trägt den Namen „Goldküste“, wahrscheinlich weil dort so viele Reiche ihr Haus haben. Auch Tina Turner wohnt dort. Der Popstar schläft gerne lang: „Vor 12 Uhr nicht läuten. Keine Lieferungen“, steht auf einem Metallschild am Eingang zu ihrer Villa in Küsnacht.

          Wenige Kilometer weiter die Küste hinunter wohnt Jürg Hügli. Auch er will nicht gestört werden. Der Banker nimmt den Telefonhörer nicht ab, wenn man ihn anruft. Vermutlich hat er sein Domizil inzwischen auch wieder verlassen, um der lauernden Journalistenmeute zu entgehen.

          Die Reporter würden liebend gerne mit dem 61 Jahre alten Schweizer sprechen. Schließlich ist der Mann mit der hohen Stirn, von dem es kaum ein Foto gibt, über Nacht berühmt geworden, weil er sich dem Zugriff der deutschen Staatsgewalt auf geradezu spektakuläre Weise entzogen hat.

          Hügli ist der Banker, über den Uli Hoeneß seine riesigen Devisengeschäfte abgewickelt hat. Jene Geschäfte, die den ehemaligen Fußballer, Manager und Präsidenten des FC Bayern München ins Zuchthaus gebracht haben. Wegen der Hinterziehung von 28,5 Millionen Euro Steuern ist Hoeneß im März zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

          Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft München hat Jürg Hügli Hoeneß bei seinem strafbaren Tun unterstützt. Sie wirft dem ehemaligen Chef-Devisenhändler der Zürcher Bank Vontobel Beihilfe zur Steuerhinterziehung vor und hat einen europäischen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Hügli ahnte davon nichts, als er im Oktober mit seiner polnischen Frau nach Warschau reiste. Dort hat das Ehepaar eine Wohnung.

          Am 22. Oktober wurde Hügli in Warschau festgenommen. Ihm drohte die Auslieferung nach Deutschland, wo er sofort in der Untersuchungshaft gelandet wäre. Doch das wollte Hügli verhindern, zumal er offenbar vor einem Jahr einen Herzinfarkt erlitten hat. Für eine längere Haftzeit habe er sich gesundheitlich und mental nicht gerüstet gefühlt, verlautet aus seinem Umfeld.

          Kein Problem: Ohne Pass über die Grenze

          Also ergriff er die Flucht. Mit Hilfe eines Vorschusses von seiner Bank legte Hügli in Warschau umgerechnet 238000 Euro Kaution auf den Tisch und kam mit der Auflage frei, das Land nicht zu verlassen. Den Reisepass musste er abgeben. Doch Hügli stieg in sein Auto und machte sich auf in seine Schweizer Heimat. Da Polen zum Schengen-Raum gehört, brauchte er an der Grenze keine Kontrolle zu befürchten. Und für die Einreise in sein eigenes Land benötigte er als Eidgenosse keinen Pass.

          Nach Aussage eines Vontobel-Sprechers hat Hügli der Bank das Geld für die Kaution inzwischen wieder zurückgezahlt. Er sei nicht aus Polen geflüchtet, weil er etwas zu verbergen habe. Hügli habe sich nur nicht ohne Not in Untersuchungshaft begeben wollen. In der Sache sei er über seinen Anwalt gegenüber den deutschen Behörden aber auskunftsbereit. Darüber hinaus wollte sich die Bank nicht äußern.

          Vontobel-Gruppe bescheinigt tadelloses Verhalten

          Hügli hat sich den Münchner Steuerstrafrechtler Jörg Weigell als Anwalt zur Seite geholt. Dieser ließ auf Anfrage nur mitteilen, dass er den Vorwurf der Beihilfe für Steuerhinterziehung zurückweise und diesem entgegentrete. In Kreisen der Vontobel-Gruppe fährt man schärfere Geschütze auf. Dort hält man den Beihilfevorwurf für vollkommen unhaltbar. Schließlich habe Hügli, der sich in seiner ganzen Laufbahn bei Vontobel immer tadellos verhalten und sich nie irgendetwas zu Schulden habe kommen lassen, Hoeneß nicht als Kundenberater gedient.

          Das soll heißen: Er hat weder dessen Vermögen verwaltet, noch hat er sich mit Steuerfragen befasst. Hügli habe lediglich die Aufträge für den Kauf und Verkauf von Devisen telefonisch angenommen und die entsprechenden Transaktionen ausgeführt. In Schweizer Finanzkreisen wird der Haftbefehl als „totale Überreaktion“ der deutschen Behörden kritisiert. „Offensichtlich wird hier eine medial orchestrierte Drohkulisse aufgebaut, die deutsche Steuersünder zur Selbstanzeige bringen und Schweizer Banker einschüchtern soll“, sagt ein Bankmanager, der namentlich nicht genannt werden will.

          Wie auch immer das Arbeitsverhältnis zwischen Hoeneß und Hügli genau aussah: Die deutschen Staatsanwälte haben schon noch Futter, das ihren Verdacht auf Beihilfe zur Steuerhinterziehung nährt: Die beiden Konten, die Hoeneß bei Vontobel hatte, liefen unter einem Decknamen. Die Kontoauszüge wurden Hoeneß, der zu den größten Geschäftskunden der Bank zählte, nicht nach Deutschland geschickt. Und bestimmte Unterlagen hat Hoeneß gar nicht erst bei Vontobel eingefordert.

          Keine Ausflüge mehr ins Ausland

          Andererseits spricht Hüglis unbefangener Umgang mit Hoeneß nicht unbedingt dafür, dass er ein aktiver Komplize beim Hinterziehen von Steuern war. Es ist aktenkundig, dass Hoeneß ein geradezu freundschaftliches Verhältnis zu seinem Banker pflegte. Er hat Hügli bei feierlichen Anlässen zu sich nach Hause eingeladen. Im März 2011 sorgte der ehemalige Bayern-Boss dafür, dass Hügli gemeinsam mit seiner Frau einer Ehrung des Trainers Ottmar Hitzfeld im Zürcher Luxushotel Dolder Grand beiwohnen durfte.

          Hätte Hügli an dieser gleichsam öffentlichen Veranstaltung an der Seite von Hoeneß teilgenommen, wenn er sich eines Vergehens schuldig gefühlt hätte? Wenn er Dreck am Stecken hätte, wäre er doch wohl spätestens nach Hoeneß’ Verurteilung vorsichtig geworden - und hätte es unterlassen, nach Polen auszureisen. Jetzt sitzt er in der sicheren Schweiz, die ihn gewiss nicht nach Deutschland ausliefert. Das Ausland ist für Hügli, der der Frühpensionierung entgegen sieht, nun tabu. Aber es gibt Schlimmeres, als sein frühes Rentnerdasein an der Goldküste zu verbringen.

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