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IOC und Fifa : Eskapaden in den Weltzentralen des Sports

Das FIFA-Gebäude in Zürich: In der Zentrale des Weltfußballs geraten die Machenschaften derzeit außer Kontrolle Bild: dpa

Am Donnerstag werden in Zürich Fußball-Weltmeisterschaften vergeben. Die Vorwürfe der Korruption in internationalen Sportorganisationen rücken die Schweiz in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Topverbände mit Milliardeneinnahmen zahlen praktisch keine Steuern.

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          Seit vielen Jahren kämpft Mark Pieth für den Ruf des Schweizer Finanzplatzes. Er untersuchte das Geldwäschesystem des irakischen Saddam-Regimes, als trotz Embargo und Überwachung der Vereinten Nationen große Summen in dunklen Kanälen verschwanden. Der profilierte Strafrechtler von der Universität Basel ist ein Kritiker des Bankgeheimnisses und setzte sich auch schon gegen eine Rückführung der schwarzen Millionen aus dem Vermögen des Diktators Mobutu an seine Erben in Kongo ein.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Brennende Aktualität erhält in diesen Tagen die Forderung des Professors, den Sonderstatus vieler in der Schweiz ansässiger Spitzenorganisationen des Sports endlich zu kippen. Diese Topverbände mit zum Teil Milliardeneinnahmen zahlen praktisch keine Steuern, vor allem genießen ihre Funktionäre Immunität bei der Strafverfolgung nach dem eidgenössischen Antikorruptionsgesetz. Die neuen Bestechungsvorwürfe gegen hohe Repräsentanten des in Zürich residierenden Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit Geschäftsadresse in Lausanne dürfte seine Initiative nun auf der politischen Ebene voranbringen. Vielen gehen die Eskapaden einiger korrupter Sportfunktionäre zu weit. „Die Schweiz hat ein eigenes Interesse daran, dass sie nicht wieder international als sicherer Hafen für dubiose Geschäfte wahrgenommen wird“, sagt Pieth.

          In der Zentrale des Weltfußballs geraten die Machenschaften derzeit außer Kontrolle. Drei Mitglieder des höchsten Gremiums wird in Medienberichten die Annahme von Schmiergeldern in Zusammenhang mit Bestechungen einer inzwischen in Konkurs gegangenen, der Fifa nahen Sportmarketingagentur (ISL) vorgeworfen. Zwei weitere Kollegen aus dem mächtigen Exekutivkomitee waren zuvor schon wegen ihres allzu gierigen Verhaltens suspendiert worden. In dieser undurchsichtigen Gemengelage will die in Verruf geratene Runde der wichtigsten Fifa-Funktionäre an diesem Donnerstag in Zürich die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 vergeben. Nicht unbedingt eine seriöse Voraussetzung für die Wahl. Für die Bewerber geht es schließlich um viel Geld und große nationale Prestigeprojekte. Für Pieth sind das „unheimliche Prozesse“. Man habe den Eindruck, die Fifa handelte nach dem Prinzip „Augen zu und durch“. Der gefragte Strafrechtler, zugleich Leiter der Arbeitsgruppe „Korruption“ in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie Berater des Weltbankpräsidenten in Compliance-Fragen, sieht allerdings nicht die Strafverfolgung als Hauptlösungsansatz. So müssten die Sportverbände vor allem selbst intern für Ordnung sorgen und mit einer umfassenden Selbstreinigung beginnen, fordert Pieth. „Wenn ich Joseph Blatter wäre, dann würde ich jetzt einen mutigen Schritt nach vorne machen und mehr tun als nur Kosmetik.“

          Erklärungsnot: Fifa-Präsident Joseph Blatter steht unter Druck

          In der Wirtschaft hat der Kampf gegen die Korruption schon viel Fahrt aufgenommen. Amerikanische und europäische Rechtsordnungen gehen entschlossen mit Sanktionen vor. In Deutschland ist 1999 das internationale Bestechungsgesetz in Kraft getreten. Neben Strafbarkeit drohen Vergabesperren, Reputationsschäden, Vermögenseinbußen und zivilrechtliche Schadenersatzforderungen. Aber vor allem hat die selbst auferlegte Compliance - also die Einhaltung von Regeln und Gesetzen - eine hohe Bedeutung erfahren. Konzerne wie Daimler, die Deutsche Telekom und Siemens, in der Vergangenheit selbst schwer gebeutelt von Korruptionsskandalen, machen die Integrität inzwischen mit eigenen Posten zur Vorstandssache. Die großen Sportverbände - inzwischen Sportkonzerne - legen teils ein fragwürdiges Geschäftsgebaren an den Tag. Dubiose Seilschaften bestimmen das Handeln einiger Funktionäre, die aber zugleich von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Sports im besonderen Maße profitieren. „Unternehmen riskieren heute Strafbarkeit, Manager ihre Karriere. Bei Sportverbänden ist es bislang umgekehrt: Es ist karriereförderlich, wenn ich Stimmen kaufen kann“, sagt Pieth. Der Sport sei um Jahrzehnte zurück und sich seiner Verantwortung auch als Vorbild für die Jugend nicht bewusst.

          Der Druck auf die Unterhaltungsbranche „Sport“ wächst

          Der weltweit schwer beschäftigte Professor aus der Schweiz hat da schon ganz überraschende Erfahrungen gemacht. Selbst ein Waffenhändler bat um Hilfe für die Entwicklung eines Governance-Kodex. Pieth ist auch Präsident des Basel Institute on Governance, einem Institut an der Universität. Es berät Unternehmen, Behörden, Kommunen und nichtstaatliche Organisationen. Vom Sport kam bisher kein Signal, sagt Pieth. Nur der Präsident des Internationalen Cricket-Verbandes habe sich einmal erkundigt. Der englische Gentleman-Sport hat eklatante Probleme mit Spielmanipulationen und kriminellen Strukturen.

          Allerorten wächst der Druck auf die Unterhaltungsbranche - Sport. Noch fehlt es allerdings an den richtigen Einsichten. Das stellt nicht nur Pieth, sondern auch ein ihm kollegial verbundener namhafter Experte fest. „Es ist schwer erträglich, was sich die bedeutenden Sportverbände und deren Funktionäre da herausnehmen. Kein Konzern könnte heute ohne effiziente Compliance-Organisation arbeiten - im Sport mit seinen Multimillionen-Organisationen ist es leider noch möglich. Nicht mal im Ansatz scheint eine Selbstkontrolle stattzufinden. Es wird höchste Zeit, dass sich hier etwas grundsätzlich ändert“, sagt Wolfgang Schaupensteiner. Der ehemalige Frankfurter Oberstaatsanwalt, der 2007 bei der Deutschen Bahn anheuerte, um dort die Korruption zu bekämpfen, ist heute selbständiger Compliance-Berater. Auch bei ihm hat bislang niemand aus dem Sport angeklopft.

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