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Insolvenzrecht : Auf der Flucht vor dem Gläubiger

  • -Aktualisiert am

Auf der Flucht vor ihren Gläubigern finden immer mehr Menschen eine neue Heimat in England Bild: AFP

Wenn Privatleute insolvent gehen, sind sie ihre Schulden in Deutschland frühestens nach sechs Jahren los. Das geht im Ausland schneller. Und so packt mancher Schuldner die Koffer - etwa in Richtung Großbritannien.

          5 Min.

          Vor sechs Monaten ist Hans Dahlmann nach Greenhithe in Südengland umgezogen. Viel Englisch versteht der 59 Jahre alte Pensionär nicht, bisher hat er in der Nachbarschaft einen ganz netten Deutschen kennengelernt, über seinen Insolvenzberater. „Alles in allem habe ich mich ganz gut eingelebt“, findet er. Vor allem hat er hier seine Ruhe. In seiner neuen Heimat im Grenzgebiet von London empfängt Dahlmann keine bösen Briefe, und wenn das Telefon klingelt, dann ist weder ein Gläubiger dran noch ein Inkassobüro. Die melden sich zwar noch immer bei seiner Frau in Deutschland, aber dann sagt sie nur: „Mein Mann ist weg.“

          176 000 Euro Schulden hat Hans Dahlmann in Deutschland zurückgelassen, deshalb will er auch nur unter falschem Namen in der Zeitung stehen. Er steht in der Kreide bei Versicherungen, Kreditkartenfirmen, Banken und sogar bei seinen Eltern. Mit ihnen hat der einstige Lehrer für Mathematik und Physik sich so zerstritten, dass sie einen Kredit zurückfordern, den sie ihm für den Umbau seines Hauses gewährt hatten. „Ich bin so reingeschlittert in die Schulden“, sagt Dahlmann. Ein Insolvenzverfahren in Großbritannien soll ihm helfen, bald wieder rauszuschlittern. Zu seinem 60. Geburtstag im kommenden Jahr will Dahlmann schuldenfrei sein.

          Legales Mittel

          In Deutschland müsste er auf diesen Moment mindestens sechs Jahre warten. So lange dauert die Entschuldungsphase von Privatpersonen, bis dahin stottern sie alle Einkünfte oder Vermögenswerte jenseits der Pfändungsgrenze an ihre Gläubiger ab. Und nach Ablauf dieser Phase kann das Gericht die Restschuldbefreiung durchaus ablehnen. In Großbritannien dauert das Verfahren höchstens ein Jahr - und der Schuldenerlass erfolgt automatisch. Anders als in Deutschland werden die Gläubiger dort auch nicht über das Verfahren informiert - bis sie davon erfahren, ist es oft schon halb vorbei.

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          Viele selbständige Ärzte kommt die eigene Praxis am Ende zu teuer : Bild: AP

          Die Insolvenzflucht ist völlig legal: Seit dem Jahr 2000 gilt eine EU-Verordnung, die es überschuldeten Bürgern ermöglicht, dort Insolvenz zu beantragen, wo ihr Lebensmittelpunkt liegt. Das muss nicht ihr Heimatstaat sein oder der Ort, wo sie Schulden gemacht haben. Das Ergebnis des Verfahrens muss jeder EU-Staat anerkennen. In Deutschland billigte der Bundesgerichtshof das Modell im Jahr 2001. Der Schuldner müsse aber mindestens ein halbes Jahr in England gelebt haben.

          „Für 350 Pfund rundum sorglos“

          Seitdem ist vor allem im Internet ein florierendes Angebot für Insolvenzflüchtlinge entstanden. Anwälte oder Schuldenberater bieten den Schuldnern Rundum-sorglos-Pakete für eine schnelle und reibungslose Restschuldbefreiung. „Für rund 350 Pfund haben unsere Klienten ein günstiges Dach über dem Kopf und können sich ganz auf die wesentlichen Dinge des Alltages während des Insolvenzverfahrens konzentrieren“, heißt es auf www.insolvenz-agentur.de, der Internetseite des Unternehmens, das auch Hans Dahlmann betreut.

          Der Geschäftsführer Marcus Kray spricht von „Zehntausenden EU-Bürgern“, die diesen Weg seit der Gesetzesänderung erfolgreich beschritten hätten. Der Verein Creditreform schätzt, dass etwa 1000 Verbraucher sich jedes Jahr auf diesem Wege dem deutschen Insolvenzrecht entziehen. „Angesichts von 100 000 Verbraucherinsolvenzen im Jahr erscheint die Zahl klein“, sagt Hardy Gude, der sich bei Creditreform mit diesem Thema befasst. „Aber hinter den wenigen Fällen verbirgt sich ein großer Schuldenberg.“ Denn je drückender die Verpflichtungen, umso mehr lohnen sich Aufwand und Kosten des Umzugs.

          Vor allem Ärzte als Kunden

          „Ab 90 000 Pfund Schulden ist der Weg nach England wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Marcus Kray. Auf seiner Kundenliste stehen vor allem selbständige Ärzte, die sich für die Einrichtung ihrer Praxen große Summen aufgenommen haben und nun überschuldet sind. Einer seiner Kunden, ein Arzt aus Österreich, hat dort 16,8 Millionen Euro Schulden angehäuft. „Jetzt hat er in Großbritannien Insolvenz angemeldet, aber in Österreich schon wieder ein neues Unternehmen gegründet“, schildert Kray. Außerdem mache er in Kent gerade seinen Hubschrauberführerschein.

          Hans Dahlmann entdeckte das Modell bei der Lektüre eines „Schnorrer-Führers“, eines Buches, „das Tipps gibt, was für Dinge man in unserem Staat alle günstig bekommt“. Dass man die Insolvenz im Staat Großbritannien günstig bekommt, war dort ebenfalls zu lesen. Nachdem er einem unseriösen Angebot aufgesessen war, stieß er im Jahr 2009 auf Marcus Kray. Der half ihm, in Greenhithe eine Wohnung zu finden, ein Konto zu eröffnen, einen Telefonanschluss zu beantragen, sich bei der Steuerbehörde, der Sozialversicherung und den Energieversorgern anzumelden - und den Insolvenzantrag zu stellen. Kray sorgte auch dafür, dass der deutsche Staat Dahlmann weiter seine Lehrerpension überweist, zumindest bis zur Pfändungsgrenze von etwa 1700 Euro.

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