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Hypo Real Estate : Millionenklage in Abwesenheit

Hypo Real Estate: Der Fall Funke bewegt die Gemüter Bild: dpa

Die Hypo Real Estate hat er an den Rand der Pleite gewirtschaftet. Trotzdem klagt Georg Funke auf sein Gehalt. Vor Gericht erscheint er nicht.

          3 Min.

          Georg Funke ist nicht erschienen. Dabei sind alle seinetwegen gekommen. Der Mann, der für viele den beispiellosen Niedergang der Hypo Real Estate zu verantworten hat, von der Bank aber trotzdem sein Millionengehalt verlangt, hat es vorgezogen, seinen Anwalt reden zu lassen. Er selbst ist an diesem verregneten Donnerstagmorgen nicht im Münchner Landgericht. „Der feine Herr Funke sonnt sich lieber auf Mallorca“, mutmaßt ein Rentner vor dem Justizpalast.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          In dem großen Gerichtssaal 270 ist der Name Funkes während der zweieinhalbstündigen Verhandlung nur selten zu hören. Das liegt nicht an der schlechten Akustik. Richter Helmut Krenek spricht, hinter einem Stoß Aktenordner verschanzt, meist nur vom Vorstand oder vom Kläger. Was Krenek am Ende des ersten Prozesstages resümiert, dürfte den Abwesenden erfreuen: „Lehman und die Folgen, das war für niemand absehbar.“ Der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank und das völlige Austrocknen des Interbankenmarktes sei einer der wichtigsten Gründe für die Beinahe-Pleite des Münchner Immobilien- und Staatsfinanzierers, sagt der Vorsitzende Richter.

          Das Augenmerk des Gerichts wird während dieser Verhandlung immer wieder auf die Ereignisse des Herbsts 2008 gelegt, als die Wirtschafts- und Finanzkrise auf einen Höhepunkt zusteuerte, die großen Geldinstitute sich untereinander kaum noch Geld liehen und das Misstrauen vor allem gegenüber der HRE von Tag zu Tag zunahm. Und Krenek lenkt den Blick auch des Öfteren auf jene Zeit, in der die Geldsorgen der Bank immer größer wurden und schließlich der Staat einspringen musste.

          Das Verfahren wird vertagt

          Doch das Gericht hat „erhebliche Bedenken“, ob die Kündigung auf Druck der Politik gerechtfertigt gewesen sei. Hätte Funke also schon allein auf Druck des Bundesfinanzministeriums vor die Tür gesetzt werden müssen? „Das muss eine Bank doch aushalten“, sagt Krenek. Klägeranwalt Franz Ludwig Heiss lächelt zufrieden. Für ihn war es schlicht „höhere Gewalt“, dass die von Funke geführte Bank in Liquiditätsnot geriet. Auch die Gegenseite bemüht sich um die Deutungshoheit: „Die HRE sieht sich durch die Auffassung des Gerichts bestätigt, das ausreichend Anhaltspunkte sieht, die eine Kündigung rechtfertigen“, erklärt die Bank in einer eilig nach Verhandlungsschluss verbreiteten Presseinformation.

          Das Verfahren wird vertagt. „Wir werden um Zeugen und Sachverständige nicht rumkommen“, sagt Krenek. Es kann ein langer Prozess werden. Der riesige Aktenberg neben der Richterbank lässt die Komplexität erahnen. Neben Funke pochen auch zwei weitere, frühere HRE-Vorstände auf Gehalts- und Pensionszahlungen. In einem ersten Teil des Prozesses fordert Funke lediglich zwei Monatsgehälter. Ein Urteil darüber will das Gericht am 15. Oktober fällen. Ob Funkes Arbeitsverhältnis aber wirklich wirksam durch einen wichtigen Grund beendet wurde, muss in einem zweiten, komplizierten Teil des Verfahrens geklärt werden.

          In beiden Fällen könnte die Empörung des Boulevards nicht größer sein. Eine ältere Frau, die sagt, wegen Funke viel Geld mit HRE-Aktien verloren zu haben, ist wütend: „Das ist eine bodenlose Frechheit, hat der denn überhaupt keinen Anstand?“ Die HRE wurde nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank mit rund 100 Milliarden Euro gestützt, das meiste davon aus Steuergeldern. Funke musste im Herbst 2008 gehen. Und kaum jemand, womöglich nicht einmal der Vorstand selbst, hatte Zweifel, dass er die Verantwortung für das Desaster trug.

          „Funkes Klage dürfte taktisch motiviert sein“

          Doch jetzt will Funke, der sich vor seiner Bankkarriere um Sozialwohnungen in Essen gekümmert hat, noch 3,5 Millionen Euro an Gehaltsnachzahlung einstreichen, weil sein Vorstandsvertrag bei der HRE eigentlich bis 2013 lief. Laut Geschäftsbericht war in Funkes Vertrag ein Festgehalt von jährlich 800.000 Euro vereinbart.

          Aus juristischer Sicht ist Funke offenbar gut beraten gewesen, einen Prozess anzustrengen, für dessen Grund jedem Steuerzahler das Verständnis fehlt. „Funkes Klage dürfte taktisch motiviert sein“, sagt der Arbeitsrechtsexperte und Prozessbeobachter Andreas Wirth. „Ihm droht ein weiterer Prozess mit seinem früheren Arbeitgeber, in dem er auf Schadensersatz verklagt werden könnte.“ Die HRE macht ihren alten Chef für allerlei Fehler verantwortlich. Versäumnisse beim Risikomanagement werden ihm vorgeworfen, Pflichtverletzungen in seiner Refinanzierungsstrategie, Verstöße gegen die Risikosteuerung. Und vor allem ein von Funke eingefädeltes Geschäft ist es, auf den die HRE-Verteidiger abstellen. Sie werfen dem Vorstand grobe Fehler bei der 5,7 Milliarden Euro teuren Übernahme der irischen Depfa-Bank im Jahr 2007 vor.

          Auch Richter Krenek erscheint die Prüfungsphase vor dem Kauf ein wenig kurz. Die sogenannte Due Dilligence soll demnach nur zwei Wochen gedauert haben - ein Zustand, den wohl auch die vom HRE-Aufsichtsrat eingesetzten Wirtschaftsprüfer der KPMG moniert haben. „Keine Due Dilligence wird perfekt sein“, sagt Krenek, „das ist selbstverständlich zu berücksichtigen.“ Die HRE-Verteidigung unterstellt Funke jedoch, Warnungen der Wirtschaftsprüfer in den Wind geschlagen zu haben. Unbestritten ist zwischen Anklage und Verteidigung, dass sich der Depfa-Erwerb im Nachhinein als schwerer Fehler herausgestellt hat - nur in der Schuldzuweisung unterscheidet sich die Interpretation dieses Kaufs eben gewaltig.

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