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HVB : Turbulenter Abschied von der Börse

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Es dürfte das letzte Aktionärstreffen der HVB gewesen sein: Verbissen wehren sich Minderheitsaktionäre und Berufskläger gegen ihren Zwangsausschluss. Eine Hauptversammlung am Rande des Chaos.

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          Vier Stunden muss der Volkstribun warten, bis er ans Mikrofon treten darf. Der Bonner Rechtsanwalt Thomas Heidel spielt eine Schlüsselrolle auf der wohl letzten Hauptversammlung der Hypo-Vereinsbank (HVB): Vor einem Jahr haben ihn die Aktionäre zu ihrem "besonderen Vertreter" gewählt - ein ausgesprochen selten genutztes Machtinstrument von Minderheitseignern. Doch ein Rederecht in dieser Funktion hat das Landgericht München dem Advokaten einen Tag vorher noch verweigert. Nun darf er zwar am Dienstag im Münchner Messezentrum sprechen, jedoch bloß in seiner Eigenschaft als einfacher Aktionär.

          „Massiv geschädigt“

          Für die rund 700 anwesenden Anleger hat sich das Warten gelohnt, weitere verfolgen das Spektakel im Internet. Heidel hat 25 000 Seiten E-Mails durchgearbeitet, Mitarbeiter des Geldinstituts vernommen. Und er sieht seinen ursprünglichen Verdacht bestätigt: "Nach sorgfältiger und unvoreingenommener Prüfung bin ich zu der Auffassung gelangt, dass die HVB durch den Verkauf der Bank Austria an ihren neuen Großinvestor Unicredit massiv geschädigt worden ist."

          Rund eine Stunde braucht zunächst der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Lothar Meyer, um den Stand der zahlreichen Prozesse rund um das Geldinstitut darzulegen. 125 Aktionäre klagen gegen ihren Zwangsausschluss und die Höhe der Abfindung durch mehrere Instanzen. Anwalt Heidel fordert, den Verkauf der Bank Austria rückgängig zu machen. Das Unternehmen zieht gegen Heidel und die anderen Minderheitsaktionäre zu Felde. Und acht Hedge-Fonds von der Wall Street verlangen nicht weniger als 17 Milliarden Euro Schadensersatz von den beiden Banken - und deren Chefs persönlich.

          „Kaschiert und getäuscht

          Von Rechtsbrüchen spricht Heidel, von Kaschieren, Verschweigen und Täuschen, wodurch die Übernahme eingefädelt worden sei. "Eine italienische Bank hat eine deutsche verfrühstückt", stellt er in resigniertem Tonfall fest. Nicht sehr viel zurückhaltender hat es vor ihm der Vertreter der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz, Roland Klose, formuliert. Die HVB habe ihr "Filetstück" an den italienischen Mutterkonzern verschleudert und wolle nun die restlichen Aktionäre unter Wert aus dem Unternehmen ausschließen. "Der blanke Hohn."

          Der Mailänder Bankenchef Alessandro Profumo verfolgt die Turbulenzen auf dem Podium über seinen Kopfhörer. Die Leitung der Versammlung hat er Meyer, seinem Stellvertreter im Aufsichtsratsvorsitz, überlassen. Der ehemalige Vorstandschef der Ergo-Versicherungsgruppe hält sich tapfer. "Meyer raus" schallt es aus dem Saal, und auch Vorstandschef Wolfgang Sprißler droht Heidel nach dessen Rede an zu prüfen, ob er mit seinen Ausführungen nicht doch gegen die Gerichtsentscheidung verstoßen habe.

          Sturm im Tollhaus

          "Ganoven" sind noch freundliche Zwischenrufe, bevor im Tollhaus der Sturm losbricht. Denn nun kommt Manfred Klein zum Rednerpult. Der schnauzbärtige Aktionär aus Saarbrücken hatte schon bei der vorigen Hauptversammlung für Tumulte gesorgt: Beim Versuch, aufs Podium zu stürmen, war er gestürzt, hatte sich angeblich den Zeh geprellt und war mit einem Rollstuhl rausgefahren worden.

          Nun legt er mit Schrei- und Brüllkanonaden los - schon die erste davon bereits eine Viertelstunde lang, ohne jede Pause. Sein Antrag zur Geschäftsordnung: Abwahl des Versammlungsleiters Meyer wegen "untragbarer Interessenkollisionen". Die Begründung, neben der angeblichen Abhängigkeit vom Großaktionär: Meyer habe gegrinst, während er den Aktionären ihre "Henkersmahlzeit" serviere. Noch ein schlimmer Vorwurf: Meyer spreche mit seinem Rechtsanwalt, während Klein rede. Und er lasse es zu, dass dieser Anwalt der Würzburger Mitaktionärin Caterina Steeg durch Winken "Anweisungen" erteilt habe, während diese Meyer beschimpfte. Die anschließende Abstimmung droht im frenetischen Brüllen von Klein und Steeg unterzugehen.

          Zwist unter Kleinaktionären

          Einer der vielen älteren Belegschaftsaktionäre im Kongresszentrum packt enttäuscht seine Unterlagen in seine HVB-Tüte. "Mir ist meine Zeit zu schade für dieses Kasperletheater." Ein anderer beschimpft Karsten Trippel, einen der gewerblichen Berufskläger gegen deutsche Aktiengesellschaften: "Sie machen die ganze Opposition mit Ihrem Verhalten lächerlich - nur weil Sie sich hinterher wieder teuer auskaufen lassen wollen." Ein Kollege von ihm, der Berliner Anwalt und Gründer der "Verbraucherzentrale für Kapitalanleger" Martin Weimann, hatte vorher schon mit brüchiger Stimme einen halbstündigen Fragenkatalog vorgetragen. Dies gilt als beliebter Versuch, Formfehler für spätere Anfechtungsprozesse zu provozieren.

          Kein Wunder, dass Hauptversammlungen heutzutage vorsichtshalber gleich für zwei Tage hintereinander einberufen werden. Ein inszeniertes Szenario: Nachdem der Abwahlantrag mit 99,6 Prozent der Stimmen abgelehnt worden ist, geht Trippel sofort wieder in die Bütt. Die Versammlung solle abgebrochen werden, weil sie nunmehr "in höchstem Maße rechtswidrig" sei. Klein und Steeg folgen ihm mit Wortmeldungen.

          „Gute Zahlen“

          Dabei hatte der Tag ganz ruhig angefangen. Vorstandschef Sprißler würdigte das Zusammengehen der HVB mit Unicredit als "erfolgreichen Weg in die Zukunft". Die "Zugehörigkeit zu einer europäischen Gruppe" habe geholfen, die turbulenten Börsenzeiten zu überstehen. Randaktivitäten und Finanzbeteiligungen habe man abgebaut, Einsparpotentiale genutzt. Zum Jahreswechsel solle Theodor Weimer seinen Posten übernehmen, bekräftigte Sprißler. Und für das zweite Quartal 2008 kündigte er ein Ergebnis an, mit dem "wir durchaus zufrieden sind"; die Zahlen sollen in wenigen Tagen vorgelegt werden.

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