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Hoeneß im Gefängnis : Erst Landsberg, dann München

  • -Aktualisiert am

Die Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech Bild: dpa

Uli Hoeneß verzichtet auf Revision und geht ins Gefängnis. Schon nach kurzer Zeit könnte er in den offenen Vollzug. Zunächst muss er aber in die JVA Landsberg - eine Anstalt mit einer langen Geschichte.

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          Uli Hoeneß hat nun höchstpersönlich den Schlusspunkt unter seine Schicksalswoche gesetzt. Nach den zahlreichen Enthüllungen während des Steuerprozesses gegen ihn erklärte Hoeneß, dass er auf Revision verzichten und seine Haftstrafe antreten werde.

          Er muss nicht sofort ins Gefängnis: „Es wird sicherlich noch einige Wochen in Anspruch nehmen, bevor er in Haft gehen wird“, sagte die Sprecherin des Oberlandesgerichts München, Andrea Titz. Das Urteil gegen Hoeneß wird erst rechtskräftig, wenn auch die Staatsanwaltschaft auf Revision verzichtet. Erst dann bekomme Hoeneß eine Ladung zum Strafantritt und es müsse mit der Justizvollzugsanstalt Landsberg geklärt werden, wann für Hoeneß ein Platz frei wird, so Titz.

          Zumindest die erste Zeit seiner Haft soll Hoeneß dort, in Landsberg am Lech, verbringen. Die Haftanstalt hat eine lange Geschichte: Im Jahr 1908 eröffnet, wurde nach dem ersten Weltkrieg eine Abteilung für Festungs- und Schutzhaft eingerichtet. Erster Festungshäftling war Anton Graf von Arco auf Valley, der 1919 den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner erschossen hatte.

          Kriegsverbrecher-Gefängnis

          Vier Jahre später wurde dort Adolf Hitler inhaftiert - er verbrachte nach seinem gescheiterten Putsch im Jahr 1923 etwas mehr als ein Jahr in der Landsberger Haftanstalt. Ein dunkles Kapitel für die Anstalt: Hitler schrieb den ersten Band von „Mein Kampf“, bevor er im Dezember 1924 vorzeitig entlassen wurde.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärten die Amerikaner Landsberg zum „Kriegsverbrecher-Gefängnis Nummer eins“ und brachten dort hunderte Kriegsverbrecher aus den Nürnberger und den Dachauer Prozessen unter. Auch der Vater des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Ernst Freiherr von Weizsäcker, saß im Gefängnis in der Stadt am Lech ein. Die Amerikaner befanden ihn für schuldig, an den Plänen zur Zerschlagung der Rest-Tschechoslowakei und an Judendeportationen nach Auschwitz mitgewirkt zu haben.

          Im Jahr 1958 schlossen die Amerikaner das Kriegsverbrecher-Gefängnis und übergaben es an die bayerische Justiz. Bis dahin wurden mehr als 280 Todesurteile, die meisten durch den Strang, in Landsberg vollstreckt.

          Bald in den offenen Vollzug

          Das liegt lange zurück: Heute ist Landsberg ein „normales“ Gefängnis. Eines, in dem auch ein alter Bekannter von Uli Hoeneß einige Zeit einsaß: Der ehemalige Geschäftsführer des Lokalrivalen 1860 München, Karl-Heinz Wildmoser Junior, war dort bis zum Sommer 2008 inhaftiert. Wildmoser war 2004 festgenommen worden, weil er während der Ausschreibungen für den Bau der Münchner Allianz-Arena Informationen an einen Baukonzern weitergegeben und dafür 2,8 Millionen Euro erhalten hatte. Wildmoser gestand, das Landgericht München verurteilte ihn zu viereinhalb Jahren Haft.

          Wenn es gut läuft für Uli Hoeneß, wird sein Aufenthalt in Landsberg wesentlich kürzer sein als der von Wildmoser. Das Strafvollzugsgesetz erlaubt es, dass Häftlinge das Gefängnis tagsüber zum Arbeiten verlassen, wenn sie sozial eingebunden sind und ein geordnetes Leben führen - zwei Kriterien, die bei Hoeneß erfüllt sein dürften. „Sollte er eine Anstellung, beispielsweise beim FC Bayern München, bekommen, darf er tagsüber raus, um dort zu arbeiten“, sagte der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten in Deutschland, Anton Bachl, gegenüber dpa. Abends müsse Hoeneß jedoch zurück in die Zelle. „Für eine Resozialisierung ist es nicht notwendig, dass ein Häftling sich die Champions League im Stadion anschaut.“

          Theoretisch kann der Anstaltsleiter den ehemaligen FC-Bayern-Präsidenten bereits nach wenigen Wochen in den offenen Vollzug schicken. Wahrscheinlich ist jedoch, dass dies erst nach mehreren Monaten geschieht. „Der Verurteilte muss in Haft erst mal unter Beweis gestellt haben, dass er sich ordnungsgemäß führt und das von ihm keine Fluchtgefahr droht“, sagte Gerichtssprecherin Titz.

          Seit August des vergangenen Jahres ist der frühere Bayern-Verteidiger Breno Freigänger. Er hatte 2011 seine Villa angezündet. Der Klub bot ihm eine Stelle in der Jugendabteilung an.
          Seit August des vergangenen Jahres ist der frühere Bayern-Verteidiger Breno Freigänger. Er hatte 2011 seine Villa angezündet. Der Klub bot ihm eine Stelle in der Jugendabteilung an. : Ehemaliger Bayern-Profi Breno Bild: dpa

          Sollte Hoeneß in den offenen Vollzug kommen, geht es für ihn vermutlich zurück nach München. Nach aktuellem Stand soll er seine Nächte im Freigängerhaus in der Leonrodstraße verbringen. Das ehemalige Wohnhaus wurde Ende der achtziger Jahre für etwa drei Millionen Mark saniert und umgebaut und im Januar 1990 von der JVA München in Betrieb genommen. Bis zu 45 Freigänger können dort untergebracht werden.

          Wie es sich im offenen Vollzug so lebt, kann Hoeneß von einem ehemaligen Bayern-Spieler aus erster Hand erfahren: Der brasilianische Verteidiger Breno hatte im September 2011 seine Villa im Münchner Nobel-Vorort Grünwald angezündet und wurde zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Seit August des vergangenen Jahres ist der ehemalige Profi Freigänger, der FC Bayern lud eigens zu einer Pressekonferenz: Auf dem Podium saß der Brasilianer, und neben ihm der damalige Präsident Uli Hoeneß. Breno arbeite von nun an in der Jugendabteilung des Klubs, verkündete Hoeneß damals.

          Der Fall Hoeneß - eine Chronologie

          2001 bis 2006: Hoeneß spekuliert im großen Stil an der Börse. Dafür nutzt er ein Konto in der Schweiz. Einen Teil der Millionen soll ihm der frühere Adidas-Chef Robert Louis Dreyfus zur Verfügung gestellt haben.

          Januar 2013: Hoeneß zeigt sich beim Finanzamt selbst an. Die Staatsanwaltschaft München leitet ein Ermittlungsverfahren ein. Hoeneß hatte vergeblich auf das zuvor gescheiterte Steuerabkommen mit der Schweiz gesetzt.

          20. März 2013: Steuerfahnder durchsuchen Hoeneß‘ Villa am Tegernsee. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor. Dieser wird außer Vollzug gesetzt - angeblich gegen Zahlung einer hohen Kaution.

          20. April 2013: Der „Focus“ macht den Fall öffentlich. Das Magazin berichtet unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft und Hoeneß selbst.

          6. Mai 2013: Hoeneß bleibt nach einem 8:0-Votum der Mitglieder Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG.

          30. Juli 2013: Die Staatsanwaltschaft München erhebt Anklage gegen Hoeneß wegen Steuerhinterziehung.

          4. November 2013: Das Oberlandesgericht München gibt bekannt, dass die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II die Anklage gegen Hoeneß „unverändert“ zugelassen hat.

          23. Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft München lässt bayerische Finanzbehörden wegen des Verdachts der Verletzung des Steuer- und des Dienstgeheimnisses durchsuchen. Zuvor waren Dokumente aus Hoeneß’ Steuerakte an die Presse weitergegeben worden. Hoeneß hatte Strafanzeige gestellt.

          10. März 2014: Begleitet von einem großen Medieninteresse beginnt in München der Prozess. Um Punkt 9.30 Uhr setzt sich der Präsident des FC Bayern auf seinen Platz vor Gericht. Während der Verhandlung gibt Hoeneß zu, weitere 15 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben.

          11. März 2014: Am zweiten Prozesstag sagt eine Rosenheimer Steuerfahnderin vor Gericht aus. Laut ihrer Aussage hat Hoeneß sogar mehr als 27 Millionen Euro zu wenig an Steuern gezahlt.

          13. März 2014: Das Landgericht München II verurteilt Hoeneß zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten. Richter Rupert Heindl stuft die Selbstanzeige des ehemaligen Bayern-Präsidenten als ungültig ein.

          14. März 2014: Hoeneß erklärt, auf Revision zu verzichten. Zeitgleich legt er seine Ämter als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern nieder. Die Staatsanwaltschaft lässt offen, ob sie in Revision geht.

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